Rosenheim – Phaengsri Moser (56) beugt sich tief über ihr Arbeitsheft, den Bleistift fest in der Hand, und schreibt langsam in die freien Kästchen und leeren Zeilen. Die 56-Jährige ist eine von 6,2 Millionen Erwachsenen in Deutschland, die nicht ausreichend gut lesen und schreiben können. Im Jahr 2018 hatte über die Hälfte der Betroffenen Deutsch als Muttersprache.
Einmal pro Woche
für eine Stunde lernen
Phaengsri Moser gehört nicht dazu. Sie kommt ursprünglich aus Thailand und lebt seit 27 Jahren in Deutschland. Seit gut einem Jahr – mit fünfmonatiger Unterbrechung wegen der Corona-Pandemie – kommt sie jede Woche einmal ins Mehrgenerationenhaus in Rosenheim.
Dort lernt sie mit ihrer Patin Maria Schlaipfer. Die 65-Jährige ist seit vielen Jahren „Alpha-Patin“ und hilft Erwachsenen ehrenamtlich beim Buchstaben lernen sowie Schreiben und Lesen üben. Sie mag es, anderen zu helfen. Sie ist keine „Rentnerin, die nur Fernsehen schaut“. Und das nicht nur, weil sie gar keinen Fernseher hat.
Zufrieden erzählt Maria Schlaipfer über ihre Schülerin. „Nach Vorlage Wörter abschreiben kann sie schon perfekt“, sagt sie. „Nach Gehör schreiben ist dafür schwieriger, genauso wie Lesen.“ Aber: „Phaengsri ist sehr eifrig. Sie will wirklich etwas lernen.“
Am besten funktioniere das mit einem Schulbuch aus der ersten Klasse. Mit dem beschäftigen sich die beiden zurzeit. Phaengsri Moser bekommt von ihrer Patin außerdem Hausaufgaben in ihrem Übungsheft auf. Diese werden bei jedem Treffen besprochen. Im Moment sei Lesen aber vorrangig, erklärt Maria Schlaipfer. Damit Phaengsri Moser die Laute der Buchstaben kennenlernt und sie aussprechen kann. Dann ginge Schreiben auch einfacher.
Um Abwechslung in den Unterricht zu bringen, unterhalten sich die beiden oft. Oder Maria Schlaipfer liest aus einem Bilderbuch vor, was ihrer Schülerin unheimlich gut gefalle. „Ab und zu raucht der Kopf. Dann braucht man eine Pause“, sagt die Alpha-Patin. Ihre Schülerin nickt bestätigend. „Es ist schon anstrengend.“
Die 56-Jährige spricht viel, erzählt offen über ihre Lebensgeschichte. Als Kind konnte sie in Thailand nur ein Jahr in die Schule gehen, da sie krank wurde. Anschließend musste sie zu Hause arbeiten und ihre Eltern unterstützen. Schulbildung sei in Thailand zudem sehr teuer. Umso mehr freut sie sich, dass sie in Deutschland kostenlos Schreiben und Lesen lernen kann. Dass sie dankbar ist, merkt man. „Sie ist eine gute Frau“, sagt sie zu Maria Schlaipfer und lacht.
Dass Phaengsri Moser so offen damit umgeht, dass sie nicht schreiben und lesen kann, ist laut Christina Matousek, Projektleiterin im Mehrgenerationenhaus, nicht selbstverständlich. Viele Menschen würden sich deshalb schämen und nicht darüber sprechen. Phaengsri Moser hat eine andere Einstellung. „Warum verstecken?“, fragt sie. Ihre Patin findet das mutig.
Im Laufe der Zeit haben die beiden eine Bindung aufgebaut, sich aufeinander eingestellt. Maria Schlaipfer freut sich über jeden Fortschritt, den die gebürtige Thailänderin macht.
Doch nicht jede Stunde laufe nach Plan. Ab und zu stoße sie an ihre Grenzen, sagt die 65-Jährige. „Manchmal weiß ich einfach nicht, wie ich Phaengsri Dinge vermitteln soll“, sagt sie. „Dann denke ich eine Woche darüber nach und mir fällt etwas ein.“ Egal, wie lange es dauern wird, die beiden Frauen bleiben ein Team. Denn, dass Phaengsri Moser besser schreiben und lesen lernt, ist laut Christina Matousek unheimlich wichtig für deren Lebensqualität.
„Es geht um
Lebensqualität“
„Es geht um Integration und Bildung. Die Menschen sollen am gesellschaftlichen Leben teilnehmen können“, sagt sie. Die gebürtige Thailänderin nickt. Sie könne bei Gesprächen oft nicht mitreden, erzählt sie. „Ich habe einen Satz im Kopf, kann ihn aber nicht aussprechen.“
Das will sie mit ihrer Alpha-Patin Maria Schlaipfer ändern. Als Nächstes wollen sie gemeinsam in die Innenstadt gehen. Damit Phaengsri Moser jeden Straßen- und Ladennamen neu entdecken kann.