Neubau bereitet schlaflose Nächte

von Redaktion

Im Tierheim steigen die Anfragen nach Hunden und Katzen um rund 20 Prozent

Kolbermoor – Anisa, Levis, Cleo und Amara scheinen verschwunden. Der Katzencontainer im Kolbermoorer Tierheim wirkt wie ausgestorben und das lässt sich auch durch lockende Rufe nicht ändern. Als aber Luisa Auer und Jasmin Sammet den Raum betreten, dauert es keine zwei Minuten, bis sich die Bewohner zeigen: Besteht doch die Chance auf ein paar Krauleinheiten durch Menschen, die von den Katzen offensichtlich gemocht werden.

Kein Zweifel, Andrea Thomas, die Vorsitzende des Tierschutzvereins Rosenheim, hat in den beiden 18-jährigen Auszubildenden zwei Mitarbeiterinnen, für die die Betreuung der Tiere mehr ist als nur ein Brotberuf. Eine Tatsache, die auch für das ganze zwölfköpfige Team gilt, weswegen allen am Herzen liegt, dass „Hund und Katz“ nur in wirklich gute Hände kommen, wenn sie abgegeben werden.

Mehr Zeit für
eigene Viecherl

Darauf zu achten ist dem Tierheim gerade in Corona-Zeiten besonders wichtig, denn die „Nachfrage“ ist gestiegen – etwa 20 Prozent mehr Interessenten als sonst meldeten sich 2020. Viele Leute, so vermutet Thomas, haben zumindest derzeit die Zeit, sich um ein Haustier zu kümmern. Einige sind ja wegen des coronabedingten „Homeoffice“ den ganzen Tag zu Hause. Die sähen die augenblickliche Situation als Chance, sich einen möglicherweise schon lange gehegten Wunsch zu erfüllen.

Die Frage ist, so sagt Andrea Thomas, was passiert, wenn wir die Corona-Krise in den Griff kriegen und sich dann auch Arbeitsbedingungen wieder verändern. Und sie erzählt von einem älteren Herrn, der neulich mit einem kleinen Kätzchen auf dem Arm vorsprach. Das habe er von seinem Sohn geschenkt bekommen, damit er in diesen Zeiten nicht so alleine sei. Er aber wolle und könne sich um das Tier nicht kümmern, und bittet deshalb darum, es aufzunehmen. So etwas möchte man im Tierheim zumindest mit den Tieren, die man selbst abgegeben hatte, unbedingt vermeiden. Die Beratungsgespräche, die mit jedem Tier-Interessenten geführt werden, sind deshalb derzeit vielleicht noch etwas intensiver als sonst.

Immerhin hätten die Tiere, die vielleicht dennoch wieder zurückkehren müssen, nicht nur eine liebevolle Betreuung, sondern auch eine rundum vernünftige Unterkunft: Voraussichtlich schon im Januar können Hunde und Katzen in den Tierheim-Neubau umziehen. Für Thomas eine riesige Erleichterung, weil nun alle behördlichen Auflagen – wie das Vorhandensein einer getrennten Station für kranke Tiere, oder solche, die in Quarantäne müssen – optimal erfüllt werden können. Und dennoch ist sie nicht wirklich sorgenfrei: Der Neubau ist zwar dank einer zweckgebundenen Erbschaft schuldenfrei finanziert, die Deckung der laufenden Ausgaben aber nach wie vor ein täglicher Kampf. Rund 600000 Euro Kosten hat das Tierheim pro Jahr, davon allein etwa 120000 Euro für Tierarztrechnungen, die gesicherten Einnahmen belaufen sich dagegen nur auf durchschnittlich 300000 Euro.

Nur dank spontaner Spenden und sonstiger Zuwendungen komme man über die Runden. Dabei wäre die Lösung, so meint die Tierschutzvereinsvorsitzende, so einfach: Würden die Gemeinden auch im Landkreis Rosenheim so wie in vielen benachbarten Landkreisen verfahren und an das Tierheim einen Pauschalbetrag entsprechend der Einwohnerzahl abführen, dann wäre sie einen Großteil der Sorgen los.

Dank spontaner
Spenden klappt es

50 Cent pro Einwohner empfiehlt der Bayerische Städte- und Gemeindetag als Basisgröße für diese Zuwendung, doch im Landkreis Rosenheim belassen es die meisten Gemeinden bei einer Abrechnung pro tatsächlich abgegebenem Fundtier. „Damit aber“, so Thomas, „kommen wir nirgendwo hin, obwohl die Versorgung dieser Tiere doch ein Dienst auch an unserer Gesellschaft ist.“

Ihre stille Befürchtung: Dass nun wegen des Tierheim-Neubaus auch die fürs Überleben so wichtigen Einzelspenden abnehmen könnten, „weil die Leute glauben, wer so ein Haus hinstellen kann, muss über reichlich Finanzmittel verfügen“. Und Andrea Thomas fügt lächelnd hinzu: „Dass ich in Wahrheit wegen der Finanzen öfter schlaflose Nächte habe, ist nach außen ja auch nicht wirklich sichtbar.“

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