Kolbermoor – „Manche nehmen sich einfach vor, einmal in der Woche eine Postkarte zu schreiben. An jemand, von dem sie glauben, er würde sich über so eine persönliche Zuwendung freuen“, sagt Barbara Huber, Pastoralassistentin in Kolbermoor. Und ergänzt: „Auch so kann Fasten aussehen.“
Denn Fasten habe schon längst nichts mehr mit Selbstkasteiung und das Verzichten um des Verzichtens willen zu tun. Es geht, und da ist sie sich mit Birgit Molnar, der evangelischen Pfarrerin, einig, vielmehr darum, die 40 Tage vor Ostern zu nutzen, um einmal aus der Routine des Alltags herauszukommen. Sich und die eingefahrenen Verhaltensweisen zu überprüfen, zu fragen, was schleppe ich eigentlich an unnützen Gewohnheiten mit mir herum. So eine Gewohnheit kann durchaus auch das Grübeln sein: Wie wird es mit mir, wie wird es mit uns allen in dieser Corona-Krise weitergehen?
Raus aus
der Routine
Sich dieses Abdriften in düstere Gedanken einmal nicht zu gestatten, könnte deshalb sehr wohl eine Aufgabe für die Fastenzeit sein. Das sei leichter gesagt als getan, zugegeben, meint Huber, aber die 40 Tage vor Ostern sind ein begrenzter Zeitraum: Über sechs Wochen hinweg lässt sich manches durchhalten, was man ohne zeitliche Begrenzung erst gar nicht in Angriff nähme.
Leichter wird ein solcher Verzicht zudem, wenn man ihn auf der anderen Seite durch positives, aktives Handeln ergänzt. Es geht in der Passionszeit also nicht nur um Selbstbeschränkung, sondern auch darum, einmal etwas Neues zu probieren.
Beides, sich zu überlegen, welchen Ballast man mit sich herumschleift und welchen kleinen Aufbruch man wagen könnte, setzt die Auseinandersetzung mit sich selbst voraus. Und darin liegt für Molnar und Huber ein zentraler Punkt der Fastenzeit. Sich selbst zu fragen, was einen auf der einen Seite hemmt, wofür man auf der anderen Seite gerne frei wäre, ist eine Chance. Eine Chance, die man aber allein aus sich heraus oft nur ungern wahrnimmt. Es ist anstrengend, sich selbst zu hinterfragen, viele finden in diesen Zeiten der Mehrfachbelastungen durch die Corona-Krise auch nur schwer die dafür nötige freie Zeit. Da, so meint Molnar, kann der äußere Rahmen der Passionszeit eine Hilfe sein, wie sie überhaupt die Stationen des Kirchenjahres für wichtig hält: „Der Mensch braucht eine führende Struktur und er braucht einen gewissen Rhythmus im Jahreslauf“, meint sie.
Dabei ist der Bedarf für das Entrümpeln des eigenen Lebens, im Inneren wie in der äußeren Umgebung, groß, zahlreiche Lebenshilfebücher beweisen es und auch der Erfolg von „Aufräumgurus“ wie der Japanerin Marie Kondo. Für Pfarrerin Molnar aber hat demgegenüber das Bemühen in der Fastenzeit einen entscheidenden Unterschied: Es gehe in erster Linie eben nicht um die reine Selbstoptimierung, um einen Weg zu mehr Wellness. Alles Bemühen sei immer auf das Ostergeschehen ausgerichtet, also in Gott begründet und deshalb immer auch auf den Mitmenschen bezogen. „Wer sich ernsthaft mit sich und seiner Umwelt auseinandersetzt, merkt schnell: Da ist nicht alles Duftöl.“
Corona befruchtet
Ökumene
Dennoch macht solches Bemühen, davon sind Birgit Molnar und Barbara Huber überzeugt, innerlich frei. Nicht von ungefähr ist das diesjährige Motto der Passionszeit „Du stellst meine Füße auf weiten Raum“. Und die beiden können von diesem Ankerpunkt aus selbst dem vergangenen Corona-Jahr noch etwas Positives abgewinnen: „Es hat die Ökumene durchaus befruchtet, sagt Birgit Molnar, wir mussten ja überlegen, was können wir wie unter den Beschränkungen anbieten, da war viel neues, freies Feld und zusammen kommt man leichter auf neue Ideen.
Wie zum Beispiel den Passionsweg, den die beiden Kirchen über die Karwoche hinweg als gemeinsame Veranstaltung anbieten. Und Huber ergänzt: Corona hat viele Gewohnheiten durcheinandergebracht, auch in der Kirche, aber das muss ja für sich genommen noch überhaupt nichts Schlechtes sein. Auch die Formen, in denen Glaube sich äußert, müssen sich ändern können, damit der Glaube als solches lebendig bleibt.