Klares Plädoyer für Präsenzunterricht

von Redaktion

Interview Rektor Markus Rinner hätte die Schüler gerne im Klassenzimmer

Kolbermoor – Schule auf, Schule zu. Seit Montag sind die Schulen wieder geschlossen – Unterricht findet zu Hause statt. So ist es auch an der Pauline-Thoma-Schule. Nur die neunten und zehnten Klassen sitzen in den Klassenzimmern in der Dr.-Max-Hofmann-Straße 7. Wie wichtig Präsenzunterricht ist, erklärt Rektor Markus Rinner.

Herr Rinner, wie haben Sie die Schulöffnung beurteilt?

Wenn ich zurückschaue auf die Wochen, die hinter uns liegen, muss ich feststellen, dass es für die Schüler der neunten und zehnten Abschlussklasse sehr wichtig war, sie wieder in die Schule zu holen. Als Vorbereitung für die Prüfungen, aber auch, um ihnen die tägliche Struktur zurückzugeben, mit gemeinsamem Lernen im Klassenverband und persönlichem Kontakt mit den Lehrern.

Was ist mit den anderen Klassen, die im Wechselunterricht beschult wurden?

Wir hatten die anderen Klassen im Wechselunterricht mit A- und B-Gruppen; das heißt, sie wurden täglich wechselnd in den Klassen oder zu Hause im Distanzunterricht beschult. Vom Kollegium liegen mir Rückmeldungen vor, dass der Kontakt die Motivation der Schüler gefördert hat, wieder mehr mitzuarbeiten, auch im Distanzunterricht. Dass dennoch Lücken vorhanden sind, war aus pädagogischer Sicht nicht anders zu erwarten.

Sie meinen Lernlücken…

…ja, ganz klar: 60 bis 80 Prozent der Schüler können im Distanzunterricht dem Lehrer folgen und die Aufgaben erfüllen. Es gibt aber Schüler, die im Unterricht eher ruhig sind und sich nicht trauen, Fragen zu stellen. Sie profitieren sozusagen vom Banknachbarn, der damit keine Probleme hat und nachfragt, wenn er was nicht verstanden hat. Das bringt dem Ruhigen wiederum die Erkenntnis, „aha, so geht das.“ Dieses Nachfragen gibt’s im Distanzunterricht sehr viel weniger. Deshalb sind wir jetzt dabei, diese Defizite trotz des Wechselunterrichts aufzuarbeiten. Einer der Gründe, warum ich für die Schulöffnung plädiere: Sie macht eine stärkere Motivation der Schüler möglich wie auch eine bessere pädagogische Betreuung.

Wie haben die Schüler den Distanzunterricht bewertet? Gab’s bereits Rückmeldungen?

Von den Schülern nicht direkt, aber von den Klassenleitungen. Die haben deutlich gemacht, dass einige Schüler mit dem Distanzunterricht nicht zurechtgekommen sind. Das Hauptdefizit ist natürlich, wenn der Online-Startpunkt um 8 Uhr gesetzt wird, dann hat der Schüler seinen PC, sein Tablet oder sein Handy auch eingeschaltet, ist online präsent und nimmt die Arbeitsaufträge an. Ist das nächste Treffen für 9.30 Uhr angesagt, weiß keiner, was der Schüler in dieser Zeit gemacht hat.

Disziplin lässt sich online offenbar nicht vermitteln?

Der fehlende direkte Kontakt mit den Lehrern löst bei den unterschiedlichen Schülertypen unterschiedliche Reaktionen aus. Die Ruhigen sitzen im Unterricht, sind körperlich anwesend, geistig vielleicht bei anderen Themen. Dann kommt ein Stichwort, vom Nachbarn oder von der Meldung eines Klassenkameraden – dann ist er sofort hellhörig. Andere sind in der Schule völlig aufmerksam, verfolgen aber den Distanzunterricht nicht wie gewünscht. Vielleicht, weil die soziale Struktur fehlt, wenn zum Beispiel die Eltern arbeiten und in der Früh das Haus verlassen.

Wie beurteilen Sie das Infektionsrisiko in der Schule und auf dem Schulweg? Das Verhalten vieler Schüler außerhalb des Schulgeländes lässt sich als riskant bezeichnen…

Es ist mittlerweile recht gut bekannt und belegt, dass in der Schule die Ansteckungsgefahr gering ist, weil wir auf die Einhaltung der Hygienebestimmungen achten. Die Wege hin zur Schule und zurück sind allerdings mit hohem Risiko behaftet, da muss ich zustimmen, aber darüber haben wir keine Kontrolle.

Dann wäre es doch sinnvoll gewesen, den Unterrichtsbeginn zu staffeln, damit in den Bussen und Bahnen zeitgleich weniger Schüler zusammen kommen…

…das wäre vielleicht eine gute Lösung für den Schulweg, die Anhäufung in Bussen und Bahnen würde sich so entzerren lassen.

Sie plädieren für den Unterricht in der Schule. Kam die Schulöffnung viel zu früh?

Das ist ein Spagat. Wir wissen vorher nicht, was nachher passiert. Aus schulischer Sicht und mit dem Herzen eines Pädagogen muss ich sagen: Die Schulöffnung ist ganz, ganz wichtig für die Kinder aus sozialen und psychischen Gründen, vor allem für die sozial-kognitive Entwicklung und Erziehung. Aus Sicht der Medizin wird es heißen, bloß nicht öffnen, weil dadurch die Infektionszahlen steigen. Bringe ich beides zusammen, ist es sehr schwierig für mich, den richtigen Schluss zu ziehen.

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