Kolbermoor – Als Siegfried Weber (85) das kleine Büchlein in seinen riesigen, abgearbeiteten Händen hält, glänzen seine Augen. Es ist sein Leben, welches er in den Händen hält – zumindest ein kleiner Teil davon. Denn das 38-seitige Büchlein „Verdienstvolle Leich’ – Friedhofsgeschichten aus Kolbermoor“ beinhaltet Erzählungen, die er als Totengräber in der Mangfallstadt erlebt hat. Er entstammt quasi einer Totengräber-Dynastie, denn schon der Großvater seiner Frau Hilde war in Kolbermoor Totengräber.
9000 Gräber
ausgeschaufelt
40 Jahre hat der Kolbermoorer auf dem Friedhof gearbeitet, 9000 Gräber hat er ausgeschaufelt. In der Dreizimmerwohnung neben dem Leichenschauhaus hat er mit seiner Frau Hilde und den Kindern gelebt. 2002 war Schluss. Da ging er in Rente und als Senner auf die Alm – das war sein Traum.
Jetzt hat er seine Friedhofsgeschichten erzählt. Sein Sohn Klaus hat sie aufgeschrieben, anschließend hat Siegfried Weber noch mal darüber gelesen, ob es auch so passt. Passt. „Ich finde es schön“, sagt der einstige Totengräber zum Mangfall-Boten.
Fußnägel in
Weihrauch geschnitten
Es sind kleine Geschichtchen, die zum Schmunzeln sind. Der zum Glühen gebrachte Weihrauch stank, weil der Pfarrer den billigen genommen habe, heißt es. Einmal schnitt Weber einen Fußnagel und Skiwachs hinein – der Rauch stank so abscheulich, dass die Trauergäste samt Pfarrer empört die Leichenhalle verließen. Spricht man Weber auf diese Geschichte an, lacht er laut und erzählt, dass der Pfarrer daraufhin immer den teuren bestellte.
Verstorbener kann
nicht mehr fort
Eine weitere Geschichte, erzählt von einer Kolbermoorerin. Sie wollte unbedingt, dass ihr bereits toter Mann noch eine Nacht bei ihr liegen dürfe: „Der Sepp war so selten bei mir. Sein Leben lang war er unterwegs mit anderen Weibern, lass ihn mir noch eine Nacht liegen, jetzt kann er nicht mehr abhauen“, heißt es in dem Büchlein. Der Weber Sigg ließ ihn ihr noch eine Nacht.
Eine andere Friedhofsgeschichte ist die eines Verunglückten auf der Staatsstraße. Weber wollte zum Kolbermoorer Faschingsball, er hatte schon sein Kostüm an und stand in den Startlöchern. Da klingelte das Telefon: Er solle eine Leiche von der Staatsstraße abholen. Vor Ort waren Mediziner und Staatsanwalt. Dieser wollte unbedingt Feierabend machen. Er drängte darauf, die Todesursache festzustellen. Aber der Mediziner tat sich unter Druck schwer. Erneut drängelte der Staatsanwalt. Weber wurde das zuviel: Er nahm den Kopf der Leiche und drehte ihn – „dem ist der siebte Halswirbel gebrochen“, sagte er. Der Staatsanwalt war zufrieden, der Mediziner verdutzt und Siegfried Weber ging zum Faschingsball.
Siegfried Weber könnte noch viele Geschichten aus der Mangfallstadt erzählen. Aber er freut sich über die, die aufgeschrieben wurden. Er ist heute 85 Jahre alt, wohnt an der Friedenstraße. Er hatte einen Schlaganfall, sitzt im Rollstuhl. Dennoch lebt er zu Hause – das ist sein Wunsch. Da will er auch sterben, erzählt sein Sohn.
Täglich kommt eine Pflegekraft, Siegfried Weber bekommt Besuch und bei Sonnenschein sitzt er vor seinem Haus an der Friedenstraße. Und wenn er an seine Zeit als Totengräber denkt, lächelt er. „Es war harte Arbeit“, sagt Weber heute. Aber gefüllt mit Kolbermoorer Geschichten.
Wer ein Büchlein möchte
– sie sind kostenlos – wendet sich an Klaus
Weber per E-Mail
dr.k.weber@t-online.de