Fiona allein zu Haus

von Redaktion

Bei Pullach gesichtete Waldrapp-Dame bleibt wohl Single, weil sie erst mit Verspätung aus Italien zurückkam

Kolbermoor – In der Nähe von Pullach hat Leser-Reporterin Lydia Rose einen sehr markanten Gast gesichtet: Ein Waldrapp, auch Schopfibis genannt und einer der seltensten Vögel der Welt, war dort zwischengelandet. Der allererste seiner Art ist er hier im Mangfalltal zwar nicht, aber doch erst der vierte, der unserer Redaktion seit Januar 2017 bekannt ist. Damals entdeckte Leserin Petra Widhammer bei Ellmosen das Waldrapp-Männchen „Samurai“, das aus der Kolonie der Konrad Lorenz Forschungsstelle im oberösterreichischen Grünau stammte. Es war Übrigen dessen letzte Sichtung.

Cassandra folgte
auf Samurai

Im Sommer 2019 hielt unsere Leserin Renate Weichenrieder aus Heufeld „Cassandra“ im Bild fest, die auf einem Laternenmasten saß. Wie Recherchen ergaben, stammte das Weibchen aus der Brutkolonie in Burghausen. Im Dezember des gleichen Jahres fiel Leserin Ina Hain ein weiteres Exemplar auf einem Feld nahe Feldolling auf. Über dessen Herkunft ist nichts Näheres bekannt. Im Gegensatz zu dem Tier, das Lydia Rose nun bei Pullach begegnete. Biologe Harry Klottig vom Tierkundemuseum Bruckmühl erfuhr nach Rücksprache mit Daniela Trobe vom Waldrappteam in Kärnten, dass Waldrapp-Besuche in unserer Gegend im Frühjahr und Herbst wohl doch nicht so selten sind. „Die Vögel machen bei uns Zwischenstation, wenn sie im Frühjahr aus der Toskana zurück zu ihrem Brutgebiet nach Burghausen ziehen beziehungsweise im Herbst das kälter werdende Deutschland verlassen.“

Bei der Waldrapp-Dame in Pullach handelte es sich wohl um Fiona aus der Aufzuchtstationen Burghausen. „Leider wurde sie in ihrem Winterquartier südlich der Alpen etwas aufgehalten und somit war sie verhältnismäßig spät dran. In Burghausen fristet sie deshalb heuer ein Singledasein.“ Das können die Experten deshalb so genau nachvollziehen, weil die Tiere mit GPS-Sendern ausgestattet und daher jederzeit zu orten sind.

„Fiona war auf der Wiese wohl auf der Suche nach Insekten, Würmern, Schnecken, kleinere Reptilien und Amphibien. Auch Pflanzliches verschmäht sie nicht. Ob Weideflächen, gemähte Wiesen, Uferböschungen, ob feucht oder trocken – Waldrappe sind bei der Nahrungssuche relativ flexibel. Sie sind sehr gesellige Vögel. Bis zu über 100 Tiere können die Kolonien groß werden“, so Klottig.

In Burghausen nisten die Tiere am Pulverturm in Brutnischen der Burgmauer. Burghausen war den Angaben der Forscher zufolge ziemlich sicher bereits im Mittelalter ein Brutgebiet der Vögel, die damals weit verbreitet waren. Zwischen dem 17. Und 18. Jahrhundert wurden die Waldrappe in Europa ausgerottet – sie galten als besonders wohlschmeckend.

Einerseits lassen sich Waldrappe in Gruppen in Zoos relativ gut halten und vermehren, andererseits ist der Waldrapp ein Zugvogel, der die Flugroute in den Süden erst von seinen Eltern erlernen muss. Um dieses Problem zu lösen, hat man sich das Phänomen der Prägung zunutze gemacht, das spätestens seit Konrad Lorenz bekannt ist. Dabei bekommen menschliche Betreuer, die Waldrappe großziehen, gewissermaßen Elternstatus. Die Jungtiere folgen diesen Adoptiveltern überall hin. Wenn sich diese dann in ein Ultraleichtflugzeug setzen und damit über die Alpen nach Italien fliegen, dann fliegen die Jungtiere eben mit – zumindest nach einigem Training.

Viele der Tiere sind momentan noch handaufgezogen. Ihnen fehlt trotz der Auswilderungsprogramme noch die nötige Scheu zum Menschen. „Bitte bleiben Sie deshalb auf Abstand, wenn Sie die Vögel entdecken“, bitten die Experten.

Im Naturerlebnis
noch nicht gelandet

Einen zwischengelandeten Waldrapp kann Harry Klottig im Naturerlebnis Bruckmühl bisher nicht präsentieren. „Viele andere, mittlerweile auch schon sehr selten gewordene Vogelarten, allerdings schon. Nach der Pandemie sollen Besuche wieder möglich sein. re/el

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