Ein Geschichtenerzähler ist verstummt

von Redaktion

Der langjährige Totengräber Siegfried Weber stirbt im Alter von 85 Jahren

Kolbermoor – Bis zuletzt hatte Siegfried Weber (85) vor dem Haus seiner Kindheit an der Friedenstraße gesessen und die Sonne genossen. Er freute sich, wenn Nachbarn auf einen Ratsch vorbeischauten. „Ja, bis zum Schluss war mein Vater ein fröhlicher Mann“, sagt Sohn Klaus Weber. Am Sonntag ist der Weber Sigg, wie ihn alle nannten, im Kreise seiner Familie in seinem Haus an der Friedenstraße eingeschlafen. Kurz vor seinem 86. Geburtstag, denn am 17. Juli 1935 wurde er in Wuppertal geboren.

Als Bub kam er
nach Kolbermoor

Von der Wupper wurde er als Fünfjähriger von seinen Eltern an die Mangfall geschickt – zu seinen Großeltern mütterlicherseits an die Friedenstraße. Denn seine Mutter war eine gebürtige Kolbermoorerin. Er besuchte die Volksschule, arbeitete anschließend als Knecht, absolvierte eine Dachdecker-/Spenglerlehre und heiratete 1959 seine Hilde.

1962 übernahm er die Stelle als Totengräber bei der Stadt. Denn schon Hildes Großvater war als Totengräber in Kolbermoor tätig. Und schon damals ist er mit Charme und Witz seiner Arbeit nachgegangen. So hat er beispielsweise gesagt: „Überall steht ,Ruhe in Frieden‘ – nur ich muss arbeiten“, erinnert sich Sohn Klaus. Obendrein haben ihm viele gesagt, dass die Beisetzungen immer besonders „würdevoll“ waren, wenn der Weber Sigg dabei war. Rund 40 Jahre war er der Friedhofschef. Daneben hatte er immer noch Zeit gefunden, sich ehrenamtlich zu engagieren.

Er war Fußball- und Skilehrer und hat im Obst- und Gartenbauverein mitgearbeitet. Und wenn ihn jemand von den Jugendlichen gefragt hat, was er beruflich macht, hat er gesagt: „Ich bin Versenkungsrat und habe 10000 Menschen unter mir“, erinnert sich sein Sohn. Dann haben alle geglaubt, er sei besonders wichtig. Aber er löste das Geheimnis auch schnell selbst auf: Er hat dann erzählt, dass er Totengräber ist.

An eine Situation kann sich sein Sohn noch genau erinnern: „Mein Vater ist mit uns auch mal im Totenwagen zum Skicamp gefahren, weil kein anderes Fahrzeug zur Verfügung stand.“ Webers Kinder saßen dann dort, wo am nächsten Tag die Verstorbenen von A nach B gefahren wurden. Und neben dem Ehrenamt machten Weber und seine Söhne auch noch Musik: Die „Hausmusikgruppe Weber“ hatte 200 bairische Lieder im Repertoire und trat bei Festen und Weihnachtsfeiern auf.

Ja, der Weber Sigg war vielseitig und hatte viel zu erzählen. Einige Geschichten über seine Zeit als Totengräber fasste sein Sohn in dem Büchlein „Verdienstvolle Leich‘ – Friedhofsgeschichten aus Kolbermoor“ zusammen. Im Frühjahr war es erschienen (wir berichteten) – „und es ist schön, dass mein Vater das noch erlebt hat.“ Denn nach der Veröffentlichung eines Artikels im Mangfall-Boten haben ihm viele Kolbermoorer einen Besuch abgestattet. Vielleicht haben sie sich neben ihn in die Sonne vor seinem Haus gesetzt und einfach geratscht. Ja geratscht – nicht geredet. Denn obwohl Weber in Nordrhein-Westfalen geboren wurde, norddeutsch konnte er nicht. Bairisch war sein Metier. Nachdem er in Rente gegangen war, wanderte er auf die Alm. „Das war sein Jugendtraum“, erinnert sich sein Sohn. Dort hatte er zwei Kühe und 30 Kälber. Hat Käse, Mozzarella und Butter hergestellt und Brot gebacken. Das war seins – hoch droben auf der Alm mit den Tieren. Wieder runter nach Kolbermoor musste er, weil seine Frau Hilde krank geworden war. Vor zwei Jahren ist sie gestorben. Jetzt ist ihr ihr Ehemann Sigg gefolgt.

Hüft-OP und
Schlaganfall

Auch an ihm waren die vergangenen Jahre nicht spurlos vorübergegangen: Erst kam eine Hüft-OP, später ein Schlaganfall. Und auch, wenn ihm das Sprechen schwer fiel: Beim Telefongespräch mit dem Mangfall-Boten hat er gelacht und sich über das Buch gefreut, das er mit seinem Sohn herausgegeben hat. Er berichtete auch, dass er noch viel zu erzählen hätte. Ja, er war ein Geschichtenerzähler, der Weber Sigg. Jetzt ist die Stimme verstummt. Aber nicht die Erinnerungen an das Kolbermoorer Original. Woran er letztlich gestorben ist? „Mein Vater hätte auf diese Frage gesagt: Ich bin am Tod gestorben.“ Er hat die letzten Monate immer gesagt: „Mein Leben lang habe ich mit ihm zusammengearbeitet und jetzt lässt er mich im Stich: der Tod.“ Er wollte sterben und sein Elend nicht mehr ertragen, so Sohn Klaus. Siegfried Weber hinterlässt zwei Kinder, acht Enkel und zwei Urenkel.

Die Beerdigung findet am Freitag, 9. Juli, um 10 Uhr an der Grabstelle am Alten Friedhof statt.

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