Kolbermoor – „Es gibt beim Brückenbau einen Spruch“, sagt Max Beer, „der Konstrukteur denkt in Millimetern, der Fertiger in Zentimetern und der Bauleiter ist am Ende froh, wenn er mit dem Bauwerk innerhalb der Grundstücksgrenzen bleibt.“ Vor diesem Hintergrund wird verständlich, warum Max Beer am Dienstag mehr als zufrieden sein konnte. Er ist beim Rosenheimer Ingenieurbüro Roplan beschäftigt und war maßgeblich an der Konstruktion der neuen Fußgängerbrücke über die Tonwerksunterführung mitbeteiligt. Deshalb ist es auch für ihn ein Erfolgserlebnis, dass die Brücke wie angegossen an ihren Platz passte (wir berichteten).
Binnen einer Stunde
Bauwerk eingehängt
Bei ihrem „Einhängen“ verging nur eine Stunde vom Anheben bis zum Absenken auf ihre Auflager. Und das war Millimeterarbeit: Denn mehr Platz war nicht zwischen der Brücke und den seitlichen Rändern ihrer Betonunterkonstruktion. Zentimeter für Zentimeter senkte der Kran sie ab. Denn die Brücke durfte ja nicht nur nirgendwo entlang schrammen, am Ende mussten auch sechzehn „Stahlstifte“ exakt die dafür vorgesehenen Bohrungen im Beton treffen.
25 Tonnen
schwerer Koloss
Die Vorbereitungen für diese Millimeterarbeit dauerten deshalb auch länger als das eigentliche Einheben selbst. Zunächst musste der 60 Tonnen schwere Kran auf der abschüssigen Unterführungsrampe in eine waagrechte Lage gebracht werden, dann wurden an seiner Rückseite Gegengewichte von 72 Tonnen angebracht. Die Brücke selbst wiegt zwar „nur“ 25 Tonnen, aber für die Menge der Gegengewichte spielt nicht nur das reine Brückengewicht eine Rolle, sondern auch die Hebelwirkung, die hinzukommt.
Der nächste Schritt war dann das Abheben der Bücke vom Tieflader, wobei sie am Kran hängend um 180 Grad gedreht wurde, um in die richtige Position zu bekommen und dann noch einmal abgesenkt wurde:
Das war nötig, um die Stahlträger der Transporthalterungen abzumontieren und durch die Lagerelemente zu ersetzen, mit denen die Brücke jetzt auf ihren Betonfundamenten aufliegt. Dann aber folgte der eigentliche und entscheidende Akt, das Verschwenken der Brücke zu ihren Fundamenten.
Dieser Moment ist ein Erlebnis, denn so freischwebend war die Brücke allein und völlig losgelöst von allem zu sehen und konnte dabei so richtig ihre filigrane Schönheit zeigen.
Max Beer ist stolz darauf, dass die Brückenkonstruktion, deren Entwurf von seinem Chef Georg Schollerer, stammt, „alles andere als ein 08/15 Bauwerk ist“. Bei der Brücke gibt es nur geschwungene und gekurvte Linien, keine einzige Fläche ist schlicht Plan. Das sei nicht nur für die Statik gut, wie Max Beer sagt, es mache die Brücke auch elegant und lasse sie leicht wirken. Die Konstruktion war deshalb aber auch eine Herausforderung für die Firma Prebeck Stahlbau aus Bogen.
Es seien aber ja gerade die nicht alltäglichen Aufträge, die die Arbeit interessant machten, meint dazu der Juniorchef, Florian Prebeck. Und schon auf dem Firmengelände habe die Brücke Aufsehen und Bewunderung erregt.
Nicht gering schätzen darf man bei der erfolgreichen Aktion die Leistung der Spedition, die den Sondertransport übernahm und natürlich vor allem die Crew von BKL, dem Kranunternehmen. Sebastian Wimmer, dem die Millimeterarbeit des Einfädelns oblag, zeigte sich trotz der Verantwortung durchaus entspannt.
Nach mehr als 20 Jahren Erfahrung schreckt ihn offenbar so leicht nichts mehr. Und das Einzige, was bei so einer Unternehmung auch ihn ins Schwitzen bringen könnte, Wind nämlich, kam nicht auf.
Die Aktion war also ein voller Erfolg, die zudem nicht einmal eine Sperrung der Haßlerstraße nötig machte. Nur einer wird neben Freude und Erleichterung wohl auch etwas Wehmut empfunden haben, Max Beer. „Diese Brücke“, so sagt der 71-Jährige, der im nächsten Jahr in Ruhestand geht,“ ist die Letzte, die ich von der Entwurfsidee bis zum fertigen Bauwerk mitbegleitet habe.“