15 Prozent mehr Sicherheit einkalkuliert

von Redaktion

Interview Baurätin Iris Reitinger-Eß erklärt den Hochwasserschutz Kolbermoor

Kolbermoor – Hochwasserschutz ist angesichts der jüngsten Flutkatastrophen wieder in aller Munde. Das Wasserwirtschaftsamt Rosenheim arbeitet aktuell am finalen Bauabschnitt 6 zum Hochwasserschutz in Kolbermoor.

Ende März haben die Arbeiten begonnen. 2019/2020 haben bereits Rodungsarbeiten als vorbereitende Maßnahmen für den Neubau von Hochwasserschutzdeichen stattgefunden. Baurätin Iris Reitinger-Eß stand dem Mangfall-Boten Rede und Antwort zu Baufortschritt, coronabedingte Probleme und Sicherheitsfaktoren.

Wie schätzen Sie die Lage an der Mangfall in Kolbermoor ein?

In Kolbermoor besteht mit Abschluss des Bauabschnittes 6 ein Schutz vor einem hundertjährlichen Hochwasser, ein HW 100, der Mangfall. Größere Hochwässer und Starkregenereignisse die Schäden verursachen können jedoch nie ausgeschlossen werden.

Und generell für die Mangfall im Mangfalltal?

Der Linienausbau entlang der Mangfall ist fast fertiggestellt und beim Rückhaltebecken Feldolling schreitet der Bau voran. Das Rückhaltebecken Feldolling schützt die Kommunen entlang der Mangfall vor größeren Hochwässer die durch die Klimaänderung verursacht werden. Das Becken ist damit aktueller und wichtiger denn je.

Seit März laufen die aktuellen Arbeiten in Kolbermoor. Was ist bereits alles geschehen?

Der Bauabschnitt 6 im Bereich Pullacher Au wurde in zwei Abschnitte aufgeteilt. Der erste Abschnitt Deichbau mit Innendichtung entlang der Bebauung zwischen Mangfall und Umgehungsstraße ist fast fertiggestellt. Es wurde ein neuer Deich geschüttet und mit einer Innendichtung (Erdbetonwand) ergänzt. Landseitig wurde die Weiherkette ertüchtigt um im Hochwasserfall den Gererbach, der südlich der Staatsstraße verläuft und dann in den Auwald fließt, umzuleiten, damit kein Rückstau entsteht. Dieses Wasser fließt dann unterhalb des Walzenwehrs in die Mangfall. Die geplante Bauzeit bis November wurde deutlich unterschritten. Der zweite Abschnitt mit einer Spundwand entlang der Umgehungsstraße wird voraussichtlich im Herbst/Winter 2021 begonnen und im Frühsommer 2022 fertiggestellt.

Wie ist der weitere Zeitplan?

Restarbeiten des ersten Abschnittes werden fertiggestellt und der zweite Abschnitt wird ausgeschrieben.

Was wird in den nächsten Abschnitten im Detail alles gemacht?

Spundwand entlang der Staatsstraße und Inbetriebnahme der Mühlbachverlegung.

Kam oder kommt es coronabedingt zu Verspätungen oder Änderungen?

Corona hatte bisher keine Auswirkungen auf die Maßnahme. Bei den nächsten Arbeiten werden aber die Preissteigerungen am Bau bemerkbar werden.

Halten Sich die Bürger an die Absperrungen oder gibt es Probleme?

Die meisten Bürger halten sich an die Absperrungen, aber die Neugier hat sogar manchen Auto- und Radfahrer über den neu geschütteten Deich fahren lassen. Der Deich ist zukünftig nur für Unterhaltungszwecke da und kein Rad- und Fußweg.

Können Sie angesichts der anhaltenden Regenfälle überhaupt weiterarbeiten oder ist der Untergrund zu weich…. Bzw. der Wasserpegel zu hoch oder hat das alles keine Auswirkungen auf die Maßnahme?

Der Regen hat zu einigen Oberbodenausspülungen geführt. Diese werden gerade wieder hergerichtet. Künftig verhindert die Kräuter- und Blumenansaat auf dem Deich solche Schäden.

Normalerweise wird die Gumpe hinter der Brücke gerne für erfrischende Bäder genutzt. Hat die Baustelle hier Auswirkungen?

Die aktuelle Baustelle hat keine Auswirkung auf die Gumpe, da in der Mangfall keine Arbeiten ausgeführt werden.

Interview: Silvia MIschi

So sieht die Gesamtmaßnahme aus

Als Erstes wurde der bestehende Deich entlang der Mangfall westlich der Aiblinger Brücke bis zum Ende der Bebauung verstärkt. Der neue Deich verläuft im Weiteren nördlich der Bebauung an der Grenze zum Auwald bis zur Staatsstraße. Um die Stabilität zu erhöhen, wird der Deich mit einer sogenannten Innendichtung als Erdbetonwand versehen. Danach wird laut Wasserwirtschaftsamt Rosenheim im zweiten Bauabschnitt entlang der Staatsstraße hin zum Auwald eine Hochwassermauer aus Stahlspundwänden errichtet. Hintergrund der Maßnahme ist, dass aktuell noch eine Hochwassergefährdung für das Gebiet bis zum Kaltenbrunnbach besteht.

Das Wasser am Mangfalldamm – auf der Südseite zwischen Aiblinger Brücke und Mühlbachsiedlung in Bad Aibling – muss während der Bauarbeiten umgeleitet werden. Dabei ist auch ein erhöhter Abfluss von 15 Prozent durch die Klimaänderung berücksichtigt. Das sei bayernweiter Standard. Kleine Schwachstellen gebe es aber noch im Rückstaubereich des Filzbaches.

Die Gesamtkosten des sechsten Bauabschnitts belaufen sich auf circa 3,3 Millionen Euro. Seit 2001 wird am Hochwasserschutz Kolbermoor gewerkt. Angefangen hat alles mit der Erhöhung des bestehenden Deiches im Bereich Spinnereiwehr bis Zugspitzstraße sowie dem Bau einer Binnenentwässerungsleitung. Es folgte in der zweiten Phase eine Deichrückverlegung bis zur Staatsstraße zur Erhaltung des Retentionsraumes und eine Verlegung der Kaltenbrunnbachmündung in Richtung Osten.

Der Mangfall stehen dadurch circa 120000 Kubikmeter zusätzlicher Rückhalteraum zur Verfügung. Einher ging dabei die Verlegung der Einmündung des Kaltenbrunnbaches. Die Rückstaugefahr bei Hochwasser aus der Mangfall sollte dadurch entschärft werden. Zusätzlich wurde eine ökologisch wertvolle Auwaldfläche in der Größe von circa 20 Fußballfeldern im Stadtgebiet reaktiviert.

Der dritte Bauabschnitt wiederum umfasste den Abbruch der bestehenden Wehranlage (Spinnereiwehr) und den Neubau von zwei naturnahen aufgelösten Rampen zur Verbesserung des Hochwasserschutzes und Wiederherstellung der ökologischen Durchgängigkeit.

Nach dem Hochwasser 2013 wurden zum sofortigen Schutz der Bürger in Kolbermoor (und auch Rosenheim) anstelle der geplanten Betonmauern Spundwände eingebracht. Aus statischen Gründen wurden im Teilabschnitt an der Brückenstraße Betonwände auf Bohrpfählen errichtet.

Im Bereich des Alten Friedhofs wurde dann 2017/2018 die noch verbliebene Lücke im Hochwasserschutz im Innenstadtbereich geschlossen. Dazu wurde auf der Wasserseite des Weges eine auf Bohrpfählen gegründete Betonmauer errichtet. Außerdem wurden am Friedhofsvorplatz Sitzstufen zur Mangfall gebaut. Dieser Bereich wird im Hochwasserfall mit mobilen Elementen geschlossen.

Der Bauabschnitt 05 erstreckte sich nördlich der Mangfall im Bereich der Spinnereiinsel, vom Walzenwehr bis zum umgebauten Spinnereiwehr. Die Deiche wurden an den Mangfallkanal zurückverlegt.

Der rechtsseitige Deich wurde im Bereich von der Aiblinger Brücke bis zur ehemaligen Mündung Kaltenbrunnbach ebenfalls mit einer Innendichtung sowie einer Binnenentwässerung versehen.

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