Kolbermoor – Es ist 8 Uhr. Die Schüler versammeln sich nach und nach auf dem Pausenhof. Sie sehen sich um, begutachten die anderen Kinder, die Lehrer, all die unbekannten Gesichter. Sie tippeln hin und her, klammern sich an ihre Schultüten. Sie strahlen vor Freude. Das ist offensichtlich – trotz der Nervosität und der Masken. Ein letzter Blick zu den Eltern. „Du bist toll Bärchen“, sagt Tina Lisi zu ihrer Tochter Alessia. Dann setzt sie sich zu den anderen Kindern. Ein neues Abenteuer beginnt, der „Ernst des Lebens“.
„Wieso habt ihr euch heute so schick gemacht, ist heute irgendetwas Besonderes?“, fragt Carola Vodermaier, Rektorin der Adolf-Rasp-Schule. Die Kinder reißen die Arme in die Höhe. Jeder will antworten. Vodermaier versteht es, die Stimmung aufzulockern. Sie nimmt den Kindern die Angst vor Masken und Tests. Sie erzählt, dass auch die Erstklässler aus dem Vorjahr alles gut überstanden haben – trotz Corona und Distanzunterricht.
Die Zweitklässer
begrüßen die Neuen
Das haben sie. Und zur Begrüßung der Neuankömmlinge zeigen sie, was sie gelernt haben. Die Zweitklässler tragen Gedichte vor. „Nur wer lernt, wird gescheiter“, sagen sie im Chor. Lernen will Alessia auch. Ob sie sich aufs Lesen, Schreiben und Rechnen freut? „Ja, sehr“, antwortet sie. Ihren Namen könne sie schon schreiben. Ihre Schwestern Valeria und Chiara hätten ihr das beigebracht.
Nicht nur beim Lernen unterstützen sie ihre kleine Schwester. Die beiden werden Alessia auch jeden Tag in die Schule bringen. Sie müssen zur Bushaltestelle gleich in der Nähe, um selbst in die Schule zu fahren. Doch heute ist sie fast mit der ganzen Familie da, Mutter Tina, Vater Vito und Schwester Valeria. Alle Kinder sind mit ihren Eltern und Geschwistern da, manche sogar mit den Großeltern. Damit sie die Abstandsregeln einhalten können, werden zuerst die Klasse 1a und 1b begrüßt, dann die 1c und 1d. In den vier Klassen sind 94 Kinder. Von allen müssen die Lehrer die Corona-Tests überprüfen. Nachdem sie das Ergebnis gesehen haben, bekommen die Schüler der 1a eine rote Blume um den Hals gehängt, die der 1b einen blauen Schmetterling. Alessia ist am Vortag mit ihrer Familie zum Testen gefahren. „Das hat sie super gemacht“, sagt ihre Mutter. Alle seien ganz aufgeregt gewesen.
Die Sechsjährige sagt, dass sie nicht nervös gewesen sei – auch nicht wegen dem Schulbeginn. Ihre Schwester habe ihr eine Geschichte vorgelesen. Dann sei sie schnell eingeschlafen. Ihre Mutter erzählt hingegen, dass sie zwei-, dreimal aufgewacht ist und um vier Uhr schon in die Schule wollte. Das sei aber eine „gute Aufregung“ gewesen.
Vor Ort scheint die ganze Familie nervös. Sie sind berührt. Es ist ein großer Moment. Vater Vito meint, es sei schwer, sie gehen zu lassen. Die Kinder begleiten ihre Lehrerin, Vanessa Braunmiller, ins Klassenzimmer. Sie legen ihre Schultüten auf die Tische. Sie sind beinahe so groß wie die Schüler selbst. Bagger, Schmetterlinge, Fußbälle und Dinosaurier sind darauf zu sehen. Alessia hat ihre Schultüte im Kindergarten gebastelt. Gelb, grün, blau und pink ist sie. Öffnen darf sie die Schultüte erst nach der Schule. „Ich bin schon neugierig“, ist die Sechsjährige gespannt. Eine Kleinigkeit ist schon zu sehen. An der Tüte baumelt ein Anhänger mit einem A für Alessia – für ihren Schlüssel. Dass sie Bastelsachen, Sticker, einen Schutzengel und ein Buch zum Schulstart bekommt, weiß sie zu diesem Zeitpunkt noch nicht.
Nicht nur Alessias Schultüte ist bestens ausgestattet. Ihre Eltern haben Hefte, Blöcke, Stifte und einen Malkasten eingekauft. Auch einen Schulranzen hat sie bekommen. Er ist lila- und rosafarben mit Delfin- und Muschelmagneten.
Erster Tag,
erste Hausaufgabe
Auch die anderen Kinder haben bereits vollbepackte Rucksäcke. Am ersten Tag brauchen sie nichts davon, es geht ums Kennenlernen. Für jedes Kind hängt ein Namensschild an der Tafel. Alle holen ihres ab, nur eines bleibt übrig. Murmel steht darauf. Die Lehrerin zieht ein wuscheliges oranges Monster mit grünen Hörnern, Armen und Beinen hervor. Die Kinder kreischen. „Murmel kann noch nicht Lesen, dem müssen wir noch ganz viel beibringen“, sagt Braunmiller. Deshalb liest sie aus einem Buch vor. Es handelt von einer Lehrerin, die ihren ersten Tag hat – so wie Braunmiller selbst. Danach teilt sie Infomaterial für die Eltern aus und die Kinder dürfen nach Hause.
Alessia wird von ihrem Vater abgeholt. „Ich hab mich wohlgefühlt“, sagt die Sechsjährige. Sie freut sich auf die Hausaufgabe: Drei Dinge aus ihrer Schultüte zu malen. Auch einige Klassenkameraden kenne sie vom Kindergarten. Ihre beste Freundin Julia ist aber in der Parallelklasse. „Ihr könnt euch ja in der Pause treffen“, sagt Vito Lisi.