„A wahnsinniger Deife is des“

von Redaktion

Interview Jürgen Halder über den Asiatischen Moschusbockkäfer in Kolbermoor

Kolbermoor – Er ist etwa zweieinhalb bis vier Zentimeter lang, hat lange Fühler, einen roten Halsschild, einen schwarzen Kopf und schwarze Flügeldecken. Der Asiatische Moschusbockkäfer ist das erste Mal 2016 in Kolbermoor aufgetaucht. Seitdem mussten dort 255 Bäume wegen des kleinen Tiers gefällt werden. Ein Gespräch mit Jürgen Halder von der Abteilung Bautechnik der Stadt Kolbermoor über den Fremdling, warum er so gefährlich ist und wie er überhaupt hierher kam.

Woran erkennt ein Laie den Käfer?

Er ist relativ groß – a wahnsinniger Deife is des. Aber man darf ihn nicht verwechseln mit dem heimischen Moschusbockkäfer. Der sieht ganz anders aus, in der Gestalt ähnlich: groß, lange Fühler, aber der ist kupfer- und olivfarbig, metallicgrün. Der ist geschützt und bereitet keine Probleme – nur der Asiatische, der Fremdling, der Schwarze mit dem roten Bauchgurt. Er ist hauptsächlich unterwegs, wenn es warm ist, von April/Mai bis September/Oktober.

Welche Bäume mag er am liebsten?

Der Käfer befällt nur Prunus-Arten. Das ist der lateinische Name für Kirsche. Dazu zählt Zwetschge, Pflaume, Mirabelle, Pfirsich, Kirsche – das sind die Hauptarten, die darunter fallen. Apfel, Birne und alles, was nicht Prunus ist, mag er nicht. Deswegen sollte man diese Bäume, solange wir den Käfer in Kolbermoor haben, nicht pflanzen. Sonst hat er immer wieder Nährboden.

Was genau ist daran so problematisch?

Wir haben viel Obstkultur bei uns und er befliegt die Obstbäume, die uns Früchte bringen. Die bringt er um. Die Prunus-Arten kann er völlig auslöschen. Es kann so weit kommen, dass wir in Kolbermoor keinen einzigen Kirschbaum mehr stehen haben, keine Zwetschge und keine Pflaume. Das ist schon problematisch, auch für unsere Bienen. Die Nährweiden werden immer weniger. Wenn so ein Käfer Bad Feilnbach erreichen würde – das ja die Hochburg für Obstanbau mit ihren riesigen Streuobstwiesen – das wäre fatal. Die Puppen überleben sogar den Winter. Und dann schlüpft er wieder aus und fliegt wieder weiter.

Gibt es den Käfer bisher nur in Kolbermoor?

Rosenheim und Bad Aibling sind eher Randgebiete. Obwohl er in Aibling auch schon mehr auftritt. Aber Hauptherd ist Kolbermoor und das, glaube ich, in ganz Oberbayern. Ich habe gedacht nach ein, zwei Jahren ist das wieder vorbei, aber das begleitet mich jetzt schon seit Jahren.

Wie viele befallene Bäume gibt es in Kolbermoor?

Jetzt geht die 20. Maßnahme an. Wir haben pro Maßnahme sechs bis zwölf Bäume, die gefällt werden, manchmal auch mehr.

Woran erkennt ein Laie, dass ein Baum befallen ist?

Wenn man am Boden Bohrmehl findet und Bohrlöcher. Der Hauptbefall ist zwischen Stammfuß und Stammkopf, wo der Baum am dicksten ist.

Müssen Bürger den Befall melden?

Sofort handeln, alles andere ist grob fahrlässig. Man kann nicht in Deckung gehen und die Ernte abwarten. Der Baum ist sowieso zum Tode verurteilt.

Was passiert dann?

Das ist ein Mords-Prozedere. Die Kollegen von der Landesanstalt für Landwirtschaft (LfL) sichten die Käfer oder das Schadbild in Hausgärten oder auf öffentlichem Grund und Boden. Der Baum kommt auf eine Liste, damit man ein paar Bäume zusammenbringt. Dann schreitet man zur Tat. Dann schicken sie eine Einverständniserklärung raus an die jeweiligen Grundeigentümer. Die müssen zustimmen, dass sie den Baum fällen lassen. Dann kriegen wir ein Angebot von der Firma, die die Bäume entfernt. Die schneiden den ratzeputz weg. Mittlerweise wird auch der Baumstock rausgefräst.

Warum wird sogar der Baumstock entfernt?

Weil die Puppen oft im Stamm und Stock des Baums abgelegt werden. Man ist erst später draufgekommen, dass er im Baumstock auch sitzen kann. Am Anfang sind die Bäume nur abgeschnitten worden und dann hat man geschaut, ob da Bohrlöcher sind. Da hat man nicht jeden Stock rausgefräst, dass das wirklich weg ist. Das ist ein irrer Aufwand.

Was passiert mit dem befallenen Holz?

Das wird alles abtransportiert in die Müllverbrennungsanlage und muss verbrannt werden. Die Kollegen vom LfL begleiten die Firma auf ihren Feldaktionen, dass da ja alles wegkommt und nichts überbleibt. Das Holz kommt auf eine verschlossene Ladefläche. Das schmeißt man nicht auf einen Lastwagen und fährt es gemütlich ins Müllheizkraftwerk. Das muss eine geschlossene Ladefläche sein, nicht dass der Käfer dann abspringt. Deswegen wird das vom LfL peinlichst genau vor Ort überwacht.

Wer bezahlt die Fällung?

Die Bürger zahlen dafür nichts. Es hat sich noch keiner quergestellt und gesagt, der Baum bleibt trotzdem. Das LfL zahlt, aber die Stadt Kolbermoor muss in Vorleistung gehen. Wir bitten um Gewährung des Antrags beziehungsweise um Bezuschussung dieser Maßnahme.

Wie ist das Insekt überhaupt hierher gekommen?

Das ist Spekulation. Wir gehen davon aus, dass er von Paletten kommt, die in Asien gebaut werden und auf denen Güter nach Deutschland importiert werden. Diese Paletten werden in der Regel, bevor sie das Land verlassen, begast, um eventuelle Schädlinge im Holz zu vernichten. Aber wie es im Ausland dann letztendlich läuft, ob die begast werden, nur weil sie einen Stempel haben, das weiß man nicht. Wenn die sorgfältig begast werden, hätten wir das Problem nicht. Es kann aber auch sein, dass wir Pflanzen aus Asien importieren und da sitzt er drin.

Wie lange wird die Region noch mit dem Käfer zu kämpfen haben?

Solange wir noch Bäume haben und der Käfer Nährboden hat. Es kann schon sein, dass er weniger wird, wenn die Bäume weniger werden, aber dann zieht er halt weiter. Wir haben aber auch Kirschbäume, die wurden noch gar nicht befallen. Interview: Paula Trautmann

Artikel 3 von 5