Bayernweit einzigartige Werkssiedlung

von Redaktion

Baubeginn für die Spinnerei vor 160 Jahren – Blick hinter historische Mauern

Kolbermoor – „In ganz Bayern gibt es kein vergleichbares Ensemble einer Arbeitersiedlung im ländlichen Raum.“ Diese Aussage des Bayerischen Landesamtes für Denkmalschutz stellte Christian Poitsch an den Anfang der VHS-Führung durch das Kolbermoorer Werksviertel, an der 15 Interessierte teilnahmen. Poitsch vom Stadtmarketing schilderte die Entstehungsgeschichte der Baumwollspinnerei, an deren ehemaligen Pförtnerhaus der Rundgang startete.

Sechs Häuser
zu Beginn

Der Bau der Baumwollspinnerei begann 1861 nach der Begradigung der Mangfall und Rodung ihrer Auen und sie wurde 1862 in Betrieb genommen. „Zu dieser Zeit gab es keine lokalen Arbeitskräfte, daher kamen rund 600 Auswärtige nach Kolbermoor, das damals zur 347 Einwohner zählenden Gemeinde Mietraching gehörte“, so Poitsch.

Zur Unterbringung des Spinnerei-Personals wurde ebenfalls 1862 mit dem Bau der Werkssiedlung begonnen, wo zunächst zwischen der Brückenstraße und der Karl-Daniels-Anlage sechs identische Häuser mit jeweils sechs Wohnungen errichtet wurden. Zur Karl-Daniels-Anlage erklärte Poitsch, dass die Spinnerei diese 1963 der Stadt Kolbermoor geschenkt hat.

Die Schenkung erfolgte anlässlich des 100. Gründungsjubiläums der Gemeinde und der 1963 vollzogenen Stadterhebung.

Mit der Schenkung der Anlage, die nach dem Spinnerei-Direktor Karl Daniel benannt wurde, ist allerdings die Auflage verbunden, dass das parkähnliche Areal weder bebaut noch verkauft werden darf.

Im zweiten Bauabschnitt entstanden östlich der Karl-Daniels-Anlage in den Jahren 1907 bis 1912 die Wohnhäuser an der von-Bippen-Straße („Gartenstadt“). Beim Rundgang durch diesen Bereich wurden die Teilnehmer auf die dort unterschiedlichen Baustile und Gebäudegestaltungen sowie Häusergrößen hingewiesen. „Hier sollte im Sinne eines Heimatstils eine ländliche Struktur nachgebildet werden und dabei griff man tief in die gemischte Architekturgeschichte“, stellte Poitsch fest. So habe man teilweise Scheinfachwerk angebracht.

Den östlichen Abschluss der „Gartenstadt“ bildet das Gebäude, in dem unter anderem der heutige „Mangfalltreff“ (Bürgerhaus) untergebracht ist.

„Die Stadt Kolbermoor ist am Reißbrett der Spinnerei entstanden“, betonte Poitsch und wies dabei auf das schachbrettartige Straßenmuster der Innenstadt hin. Nach der Schließung der Baumwollspinnerei 1992 kaufte die Stadt die komplette Siedlung.

„Das war eine mutige und weitsichtige Entscheidung des Stadtrates“, so Poitsch. Bereits 1993 begannen die ersten Sanierungsmaßnahmen, die in mehreren Abschnitten ausgeführt und Anfang 2022 abgeschlossen werden. Bisher wurden Poitsch zufolge 32 Millionen Euro in die Sanierung der Werksiedlung investiert, die teilweise aus staatlichen Töpfen stammten.

Ensemble steht
unter Denkmalschutz

„Das gesamte Ensemble steht unter Denkmalschutz und diese Tatsache schaffte bei der Sanierung oftmals Probleme.“ So durften etwa keine Balkone angebaut und oftmals nur eine Innendämmung vorgenommen werden, weil die Denkmalschutzbehörde eine Außendämmung untersagte. Für bestimmte Gewerke – wie die Biberschwanz-Dachdeckung, sei es zudem schwierig gewesen, geeignete Handwerker für die Sanierung zu finden. Zuletzt erwähnte Poitsch auch den zwischen 1919 und 1922 entstandenen dritten Bauabschnitt südlich der Mangfall, zu dem auch der „100-Meter-Bau“ an der Carl-Jordan-Straße zählt. Dieser Abschnitt war jedoch nicht Teil des Rundgangs.

Insgesamt umfasst die historische Werkssiedlung in Kolbermoor 31 Häuser mit 165 Wohnungen. Die städtebaulich sehr interessante und informative Führung endete nach fast zwei Stunden wieder an ihrem Ausgangspunkt, wo sich die knapp 15 Teilnehmer bei Christian Poitsch mit einem kräftigen Applaus bedankten.

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