Einmaliges Ensemble

von Redaktion

Werkssiedlung Letzter Abschnitt in rund einer Woche fertig – Mieter glücklich

Kolbermoor – Ein Riesenprojekt der Stadt Kolbermoor – die Sanierung der über 100 Jahre alte Werkssiedlung – ist nahezu komplett abgeschlossen. In rund einer Woche ist die Schlüsselübergabe, zwei Tage später sollen die Mieter einziehen. Es ist vollbracht. „Es ist vielmehr als ein Meilenstein“, sagt Architekt Gotthard Fellgiebel, der die jahrzehntelange Sanierung betreut hat und jeden Winkel aus dem Effeff kennt.

4,5 Millionen Euro
werden jetzt verbaut

Man hat sich das damals, als 1995 mit der Sanierung begonnen wurde, gar nicht vorstellen können. „Aber jetzt ist die ganze Werkssiedlung wie in einem Heimatfilm.“ Rund 4,5 Millionen Euro habe der letzte Abschnitt, der seit Frühjahr 2019 saniert wird, gekostet. Die komplette Maßnahme rund 30 Millionen, erklärt Fellgiebel.

Der letzte Abschnitt bedeutet, das Haus mit der Nummer 10 sowie ein Dreispänner 11, 11a und 11b. Das Besondere: Überall wo es möglich war, sind die historischen Elemente erhalten worden: Die Türklinken, Fliesen, Treppengeländer, die Balken, die sich an den Decken zeigen, das Fachwerk auf der Ostseite des Dreispänners. Es ist eine Reise durch die Geschichte.

Im Keller ist die
Wärmeverteilung

Im Haus mit der Nummer 10 zeigen sich auf dem Dachboden noch Reste einer Tapete an einem Balken, wer die wohl angeklebt hat? Fest steht, die Reste müssen noch weg. Denn bis zur Schlüsselübergabe ist noch einiges zu tun: Der Boden vor dem Haus muss noch fertig gepflastert werden, der Garten muss noch angelegt werden, und und und.

Im Keller der Häuser sind die Strom- und Wärmeverteilung – mehr nicht. Und das hat seinen Grund, erklärt Architekt Fellgiebel. „Wegen des Hochwassers ist die komplette Haustechnik in den Holzhäuschen im Garten.“ Und Holzhäuschen trifft es eigentlich nur von außen, wenn man es betrachtet. Öffnet mach die Tür ist dort Technik ohne Ende – für die einzelnen Wohnungen.

Sechs sind es im Haus mit der Nummer 10. Sie sind hell, freundlich, historische Balken unter der Decke. Und das Besondere, ja einmalig in der kompletten Siedlung ist, dass vier von den rund 60 Quadratmeter großen Wohnungen einen Balkon haben. Die Häuser mit den Nummern 11, 11a und 11b haben einen kleinen Garten – samt jeweils einem Holzhaus. Und die sind so groß, dass eine Bierbank und -Tisch hineinpasst, sollte es mal regnen.

Im Sommer hat Claudia Kristian vom Liegenschaftsamt die Mieter informiert, dass sie die Wohnungen bekommen. „Die Freude war groß“, erinnert sie sich. Rund 50 Kolbermoorer haben sich explizit um die insgesamt neun Wohnungen beworben. Die Mieten kosten pro Quadratmeter im Haus Nummer 10 8,50 Euro kalt, im Haus mit der Nummer 11 betragen sie neun Euro. Dort haben die Wohnungen rund 80 Quadratmeter und gehen über zwei Etagen. Ans Schlafzimmer schließt sich eine kleine Kammer an – wie ein begehbarer Kleiderschrank.

Ein Rückblick auf die Sanierung des letzten Abschnittes zeigt, dass man im Zeitplan ist: „Vor rund drei Jahren haben wir gesagt, dass wir im Herbst 2021 fertig sein wollen“, erklärt Jörg Reinheckel, Er betreut die Sanierung seitens der Stadt. Und auch die Rohstoffknappheit ging „fast an uns vorbei, weil wir früh bestellt haben“, so Reinheckel.

Und wird es eine offizielle Übergabe geben? Einen Tag der offenen Tür? „Daran denken wir schon, aber Termine stehen noch nicht fest“, so Fellgiebel.

Fest steht aber, dass das Haus mit der Nummer 10 sein historisches Nummernschild wieder bekommt: Bei dem Vor-Ort-Termin übergibt Jörg Reinheckel es Architekt Gotthard Fellgiebel. Der nimmt das Päckchen und packt es aus. Dass das blau-weiße Schild wird auch noch angebracht.

Vize-Bürgermeister Dieter Kannengießer: „Historie erhalten, bezahlbaren Wohnraum schaffen“

Herr Kannengießer, die Werkssiedlung ist fertig – nach knapp 30 Jahren steht die Fertigstellung kurz bevor. Was bedeutet das für Kolbermoor?

Das bedeutet auf alle Fälle, dass wir die Verpflichtung gesehen haben, die kleine Historie Kolbermoors zu bewahren Und das ist wichtig. Nicht nur die Werkssiedlung, auch der 100-Meter-Bau gehört zur Bewahrung der Geschichte. Und es geht auch um den markanten Punkt, bezahlbaren Wohnraum zu schaffen.

Was macht für Sie die Werkssiedlung so besonders?

Dass die Architektur bewahrt worden ist und dass die Außenanlagen dem Umfeld angepasst sind.

Hätte man das Ensemble nicht saniert, was hätte das aus heutiger Sicht für Kolbermoor bedeutet. Wäre das eine städtebauliche Katastrophe?

Das würde ich nicht sagen, aber es hätte städtebaulich nicht gepasst, einfach einen Block hinzustellen. Der Aspekt der Stadtentwicklung in Bezug auf die Geschichte ist wichtig. Viele umliegende Gemeinden schauen auf uns. Es ist eine gute Entwicklung, und jeder kann darauf stolz sein.

Laut Architekt Fellgiebel hat die Sanierung rund 30 Millionen Euro gekostet. Wie ordnen Sie das ein?

Wenn man sich anschaut, was dabei herausgekommen ist, an Sozialem und Architektonischem, war es das auf alle Fälle wert. Andernfalls hätten wir ja auch nie die Förderung bekommen.

Jetzt mal ehrlich, würden Sie auch gerne in der Werkssiedlung wohnen?

(lacht) Ja, wenn ich so ein kleines Häuschen bekommen würde. Es ist eine tolle Lage, und da würde ich selbst einziehen wollen. Das ist wichtig, das geschaffen zu haben, wo man sich selber wohlfühlen würde. Interview: Ines weinzierl

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