Diese Neujahrskarte schickt Carl Jordan im Dezember 1913 an seinem Sohn Willy Jordan in China.
Kolbermoor –„Prost“ steht auf der Vorderseite der alten Postkarte. Das hat der Absender, der Spinnerei-Direktor Carl Jordan aus Kolbermoor, wohl eigenhändig darauf geschrieben , vermutet Christian Poitsch, denn die fünf Buchstaben oben links auf der Vorderseite der Neujahrskarte ähneln der Handschrift auf der Rückseite.
Dem Bad Aiblinger, der auch für das Kolbermoorer Stadtmarketing verantwortlich zeichnet, gehört die Postkarte aus Kolbermoor. Er hat rund 25000 bis 30000 Karten. Seit über 30 Jahren sammelt er die historischen Dokumente. Die meisten stammen aus den Jahren von 1880 bis 1960. Sie alle eint, dass sie alle Ansichten aus dem Mangfalltal zeigen oder von Bürgern aus der Region geschrieben wurden – wie die von Familie Jordan aus Kolbermoor (siehe Kasten).
Ansichten aus der
Mangfallstadt sind
„etwas Besonderes“
Kolbermoorer Ansichten sind etwas Besonderes, sagt Poitsch. Denn die Stadt war ja nie touristisch oder hatte Urlaubsgäste. Ansichten von Karten sind eine Sache, Absender aus der Mangfallstadt eine andere. Und um so eine handelt es sich ja bei der Neujahrskarte, die Carl Jordan an seinen Sohn Willy geschickt hat, erklärt Poitsch.
Ergattert hat er sie bei einer Online-Auktion. Das es sich bei dem Absender um die Familie Jordan handelt, zeigt der Name des Adressaten, so Poitsch: W. Jordan – Unteroffizier in der Reserve des 3. Seebataillons. Zielort war Tsingtau – eine Stadt in China. Sie gehörte von 1898 bis 1919 zum Deutschen Reich.
Schriftstück am
18. Dezember verfasst
Geschrieben wurde die Karte am 18. Dezember 1913 in Kolbermoor. Der Text: „Prost müssen wir heute schon schreiben, sonst kommt es nicht rechtzeitig in Chinesien an.“ Verschickt wurde die Karte mit dem Hinweis „postlagernd“. Deshalb ist davon auszugehen, dass W. Jordan mehrmals die Woche zum Amt gegangen ist und nach Post aus der Heimat gefragt hat, so Christian Poitsch.
Abgestempelt wurde die Kolbermoorer Neujahrskarte am 13. Dezember – zwischen „1 und 2 Uhr“, erklärt Christian Poitsch. Das kann man noch genau an dem Stempel erkennen, ebenso wie die Großbuchstaben Kolbermoor. Wie lange sie dann ins rund 8300 Kilometer via Luftlinie entfernte Tsingtau gebraucht hat, kann er nicht sagen. Nur soviel: Der Absender hat vermutet, dass sie rechtzeitig ankommt. Zehn Pfennig hat die Briefmarke gekostet – „dafür bekommt man heute zwei bis drei Semmeln“, so Christian Poitsch.
Wo lagert er seine ganzen Karten? „Früher in Schuhkartons“, sagt Poitsch und lacht. Heute stecken die meisten in speziellen, säurefreien Kisten, wo kein Staub hineingelangen kann. Einzeln sind sie in Hüllen abgelegt. Sie sind sortiert – nach Städten, Straßenzügen. Aus Kolbermoor hat er rund 600 bis 700. „Da nehme ich alles, was ich kriegen kann“, sagt er. Luftbilder, Häuser, Spinnerei, Firmenkarten. Müssen sie denn alt sein? „Wenn es eine vom Neuen Rathaus geben würde, würde ich die auch sammeln – irgendwann ist die ja auch mal alt.“
Die Postkarte hat quasi eine junge Geschichte – genau wie die Stadt Kolbermoor: Im Königreich Bayern durften sie ab 1. Januar 1873 verschickt werden. Zum Vergleich: In den USA ab 1. Oktober 1869. „Das war eine Revolution“, sagt der Bad Aiblinger. Denn sie kam schneller zum Ziel und war günstiger, als das Porto für einen Brief.
Außerdem war es früher so, dass die Post mehrmals täglich ausgetragen wurde: „Mir hat die Buchhändlerin Luise Schönmetzler aus Bad Aibling erzählt, dass wenn sie morgens eine Buchbestellung von Bad Aibling nach Leipzig geschickt hat, wurde das Buch am selben Nachmittag losgeschickt“, sagt Poitsch, der nach dem Abitur in der Bad Aiblinger Buchhandlung gearbeitet hat.
Christian Poitsch sammelt ausschließlich Postkarten aus dem Mangfalltal – „allerdings gibt es eine große Selbstbeherrschung was die Themen betrifft“, sagt er und lacht. Denn die Auswahl sei riesig. Er hat Straßen-, Hotel- und Brauereiansichten, aber auch Fabrikbilder und jede Menge Künstlerkarten.
Auch vom Künstler Brynolf Wennerberg. Der deutsch-schwedische Künstler lebte 35 Jahre bis zu seinem Tod 1950 mit seiner Familie in Bad Aibling. Was Poitsch allerdings fehlt, ist eine handgeschriebene Postkarte des Künstlers – „die hätte ich gerne“. Und vielleicht ergattert er 2022 eine bei einer Online-Auktion.