Kolbermoor – Viele Tiere halten aktuell Winterschlaf, doch wer genau hinsieht, entdeckt trotzdem allerlei Leben um und im Tonwerkweiher. Ein Spaziergang mit Klaus Dehler, dem Vorsitzenden des Kolbermoorer Bund Naturschutz.
Er wartet schon an der Hölderlinstraße, wo seit einigen Monaten der naturnahe Kindergarten steht. Dehler trägt feste Schuhe, Jeans, eine warme Jacke und einen Hut. Dabei hat er Katharina Meidinger. Sie ist auch im Verein und kennt sich aus mit der Historie des Geländes. Kaum angekommen, geht es los, vorbei am ehemaligen Tonwerk.
Schwäne und
Eichhörnchen
Das Wetter ist durchwachsen, der Himmel bewölkt. Es tröpfelt leicht. Das stört Dehler nicht. Und die Tiere? Sind die überhaupt aktiv? „Im Winter is bissl mau“, antwortet er. Eichhörnchen gebe es zu entdecken und ein Schwanenpärchen, das mehrere Junge bekommen hat. Nur eines davon habe überlebt. „Mal schauen, ob wir sie sehen.“ Manche Zugvögel würden am Weiher rasten und Nahrung suchen, bevor sie in den Süden weiterfliegen. Ansonsten halten viele Tiere Winterschlaf.
Igel und Amphibien wie Erdkröten, Grasfrösche und Bergmorcheln hätten sich verkrochen. Ab Oktober oder November tun sie das, bis Ende Februar oder März. „Fledermäuse wachen sogar erst im April auf“, sagt Dehler. Es sei gefährlich, wenn sie eher aufwachen, weil sie ihre Körperfunktion auf ein Minimum reduzieren und von Fettreserven leben. Erwachen sie, koste sie das eine Menge Energie.
Dehler stoppt und zeigt auf einen Bereich, in dem kaum mehr ein großer Baum steht. „Hier war der Borkenkäfer am Werk“. Er habe die Nadelbäume befallen. Nun wurden lauter neue Laubbäume gepflanzt. Die vertrügen die höheren Temperaturen aufgrund des Klimawandels ohnehin besser. Um den entstehenden Mischwald vor Verbiss durch Wildtiere zu schützen, sind die Zöglinge mit Plastik umhüllt. „Rehe mögen die Triebe nämlich besonders gern und knabbern sie sonst ab“, weiß Dehler.
Die Methode sei aufwendiger als ein Zaun, aber besser für die Tiere, weil sie sich zwischen den Bäumen aufhalten können und nicht ausgeschlossen werden. Dehler entdeckt ein paar Himbeer- und Brombeersträucher. „Das sind sicher Igel drin“, vermutet er und marschiert weiter.
Nach ein paar hundert Metern liegen einige umgefallene Bäume am Wegesrand. „Für Ordnungsliebende sieht das sicher furchtbar aus“, sagt Dehler. Das Totholz sei aber unheimlich wichtig für Insekten und die Pilzwelt. Käfer fressen das Holz und Pilze zersetzen es. Insektenfresser fänden so wiederum Nahrung.
Wie wichtig Totholz für die Tierwelt ist, kann Dehler nach rund zehn Minuten an einem anderen Beispiel demonstrieren. „Hier war ein Specht am Werk“, erkennt er schon aus einiger Entfernung. In einem Baumstamm ist ein großes Loch, darüber noch ein kleines. Am Boden liegen Holzspäne. Ein Specht habe hier nach Käfern gesucht. In stehendem Totholz wie diesem, hämmern sie auch Höhlen, weiß Dehler. Dort ziehen sie ihre Jungen auf. Können sie keine Höhlen mehr bauen, sterben sie aus.
Geschmückte
Christbäume im Wald
Mit ihren Schnäbeln tun sich die Spechte leichter Höhlen in Totholz zu hämmern. Das sei meist schon „aufgeschlossen von Pilzen und Käfern“. Ein lebender Baum habe noch natürliche Abwehrkräfte gegen Insekten und Pilze, ein toter nicht. Das Totholz kann aber auch gefährlich für Spaziergänger sein, etwa wenn die Bäume am Weg umstürzen. Dann müssten sie entfernt werden.
Dehler und Meidinger gehen weiter. Sie entdeckt einen Nadelbaum, der mit Christbaumkugeln geschmückt ist, mitten in einem Waldstück. „Das ist für die Natur nicht gut und eine Gefahr für die Tiere“, sagt Meidinger. Wenn die Kugeln brechen, könnten sie sich daran verletzen. Es ist nicht der letzte geschmückte Baum um den Weiher.
Die beiden entdecken zwei weitere auf dem Rundgang. Einer ist mit Plastikketten und Alusternen geschmückt, der andere mit getrockneten Äpfeln und Meisenknödeln. Auch das sei laut Meidinger nicht gut. Die Früchte könnten schimmeln und Tieren den Magen verderben. Meist würden die Menschen den Schmuck nicht wieder entfernen. Dabei sei das ihre Pflicht.
Wo ist das
Schwanenjunge?
Von dem geschmückten Baum geht es weiter zum Lehrbienenstand. Zwischen dem Schilf im neuen Tonwerkweiher sticht etwas heraus. Zwei, nein drei weiße Flecken. Die Schwäne. Doch das Junge ist nicht bei ihnen. Der dritte weiße Klecks ist ein Silberreiher. Dehler sorgt sich, wo der junge Schwan ist. „Vielleicht sitzt er im Gestrüpp oder Schilf“, vermutet der Vorsitzende.
Dafür sind einige Enten zu sehen. Das Schilf sei wichtig für sie, im Frühjahr ziehen sie darin ihre Küken auf. Auch für Vögel sei es optimal zum Brüten. Der Nachteil: Die Laubfroschkolonie sei ausgestorben, weil das Schilf ungestört wachsen konnte.
Dehler erklärt die große Diskussion in Naturschutzkreisen: „Natürliche Entwicklung zulassen oder Flächen freilassen?“ Lässt der Mensch der Natur freien Lauf, sei der Pflegeaufwand gering, es gebe dann aber auch weniger Artenvielfalt. Werden bestimmte Flächen gemäht, könne sich dort mehr entwickeln. Die Wiese um den Lehrbienenstand trimmen die Stadtgärtner deshalb einmal im Jahr und verstreuen das Mahtgut. Auf der Streuwiese wüchsen nun jedes Jahr Orchideen.
Ein guter
Kompromiss?
„Ich glaube, wir haben hier einen guten Kompromiss gefunden“, sagt Meidinger. Es gebe wenige Streuwiesen und der Bund Naturschutz schneide nur die Aussichtspunkte frei. Der Rest werde sich selbst überlassen, abgesehen von der Wegesicherung. „Ich argumentiere dagegen, wegen der Laubfrösche“, kontert Dehler und lacht.
Ob sich die beiden nun einig sind oder nicht, am Ende des Spaziergangs ist klar, wie sehr ihnen das Tonwerkgelände am Herzen liegt.