Kolbermoor – Normalerweise verteilt Engelbert Stern Strafzettel an Falschparker. Am Valentinstag verwarnt er sie stattdessen mit einer gelben Karte. Wer richtig parkt, bekommt dagegen eine Rose und eine grüne Karte als Dankeschön. Bei seinem Rundgang am Tag der Liebe erfreut der Politeur die Kolbermoorer und berichtet von seinen schlimmsten Erlebnissen.
Es ist 10 Uhr morgens. Engelbert Stern steht vor dem Rathaus. Er trägt die Uniform des Zweckverbands Oberland: Weißes Hemd, dunkelblaue Hose und Jacke. Er trägt einen Korb mit 80 Rosen in Rot, Pink, Orange und Weiß. In der Hand hält er einen Stapel Karten, zwei Drittel grün, ein Drittel gelb.
Er geht die Rosenheimer Straße entlang, Richtung Bahnhof. An die meisten Autoscheiben legt Stern eine Rose und eine grüne Karte. „Wir sagen herzlich Dankeschön“, steht darauf. Danke für freigelassene Behindertenparkplätze, Rettungswege, Bushaltestellen und gültige Parkscheiben.
Stern wird als
„Abzocker“ beleidigt
Er läuft weiter, biegt nach rechts ab in die Wiesenstraße. Ein weißer Kombi parkt im absoluten Halteverbot. Nun müsste Stern den Wagen und die Parkschilder fotografieren, das Kennzeichen, den Verstoß, Tatort und Tatzeit notieren. Doch heute gibt es nur eine gelbe Karte. Der Besitzer des Wagens entdeckt Stern, springt aus einem Laden und verspricht umzuparken. Als ihn der Kontrolleur nur verwarnt, freut sich der Mann über das gesparte Bußgeld und sagt: „Das ist mein glücklichster Tag.“
So reagieren die Menschen nicht immer auf Stern. Manchmal werde er beschimpft, als „Abzocker“, „Wegelagerer“ oder „Steuereintreiber“. „Manche fragen mich, ob ich mich nicht schäme“, erzählt er. Solche Begegnungen hat er ein paar Mal im Monat. Das pralle an ihm ab, er habe ein dickes Fell, sagt er.
Wie alle Politeure besuche er einmal im Jahr ein Antiaggressionstraining. Dabei wird er geschult, wie er handeln soll, wenn ihn jemand angreift. Meistens lasse er die Leute schimpfen, bis sie wieder ruhig sind.
Er biegt in die Bahnhofstraße ab und erzählt von seinem gefährlichstem Erlebnis. In der Försterstraße habe ihn ein betrunkener Mann gefragt, welches Sternzeichen er habe. „Zwilling“ hat Stern geantwortet. „Ich bin Waage und die hängt bei mir schief“, habe der Fremde dann gesagt, ein Messer gezückt und behauptet, dass er damit bereits 24 Menschen die Kehle durchgeschnitten habe. „Ich dachte mir: Scheiße, alle Rentenbeiträge umsonst eingezahlt“, erinnert sich Stern und lacht. Er habe den Betrunkenen „schwindlig geredet“, ihm gesagt, es sei zu kalt, er solle nach Hause gehen und fernsehen. Als der Mann auf ihn hörte und ging, sei er erleichtert gewesen.
Unbekannten nach
Attacke angezeigt
Angezeigt habe er den Unbekannten dennoch. Wenn ihn ein Autobesitzer bedroht, kann er das bereits auf seinem elektronischen Gerät für den Innendienst notieren. Die Informationen könnten relevant für einen solchen Prozess sein.
Stern legt eine gelbe Karte an die Windschutzscheibe eines schwarzen Audis am Bahnhofsparkplatz. Er berührt die Autos nie, fasst nicht einmal den Scheibenwischer an – um Schadensersatzforderungen zu vermeiden. „Sie glauben gar nicht, was die Leute alles versuchen, um nicht zu zahlen“, sagt Stern.
Hat jemand seine Parkscheibe vergessen, verwarne er die Autofahrer manchmal nur. „Wenn sie’s chronisch machen, werde ich zwieder“, sagt er. Er kenne einige Übeltäter schon. Ein Kolbermoorer Gastwirt sei Stammkunde bei ihm, er bekomme ständig Strafzettel fürs Falschparken.
Es ist kurz vor 11 Uhr. Mittlerweile ist Stern in der Försterstraße angekommen. Die Aktion erregt Aufmerksamkeit. Immer wieder entdecken Frauen und Männer die Rosen an den Autoscheiben und bedanken sich. „Super, dann muss ich meiner Frau keine Rose mehr kaufen“, scherzt ein älterer Mann.
Kurz darauf kommt eine Frau mit einer gelben Karte angelaufen. „Was is des für a Scheiß?“, schnauzt sie. Sie sei ja nur kurz auf dem Parkplatz der Volksbank stehen geblieben.
Stresslevel durch
Freundlichkeit senken
Stern erklärt, dass sie auch dort eine Parkscheibe auslegen muss. Solche Fälle habe er öfter, erzählt er danach. Er mache dann ein betroffenes Gesicht und sagt: „Das tut mir jetzt leid, aber ich wünsche Ihnen noch einen schönen Tag.“ Das senke das Stresslevel der Menschen. Immer wirkt diese Taktik aber nicht. Einmal habe ihn ein Mann fast überfahren, nachdem Stern ihm einen Strafzettel verpasst hat.
Weil Stern selbst in Kolbermoor lebt, sei es manchmal schwierig, wenn er Falschparker persönlich kenne. Seinem Vater habe er bereits einen Strafzettel gegeben, seinem Schwager zwei. „Da ist dann eine Woche Sendepause“, sagt er. Eine Ausnahme könne er nicht machen, sonst sei er ungeeignet für den Beruf.
Es ist 11.45 Uhr. Stern steht wieder vor dem Rathaus. Für ihn geht es heute noch weiter nach Bad Feilnbach, Samerberg und Raubling. Auf der Rückbank seines Dienstwagens liegen noch Hunderte Rosen.