Kolbermoor – Seit nunmehr zwei Jahren stehen Kinder und Jugendliche ganz besonders im Fokus. Einschränkungen der sozialen Kontakte, Distanzunterricht, Verbote. Die Liste der coronabedingten Einschnitte ist lang. Doch welche Spuren hat die Pandemie bei Jugendlichen tatsächlich hinterlassen? Das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend spricht immerhin von hohem Nachholbedarf und Versäumnissen in den Bereichen Schule, Freunde, Sport und Freizeit. Dass die Pandemie nicht spurlos an jungen Menschen vorübergeht, beobachten auch die Sozialpädagogen des Kolbermoorer Jugendtreffs.
Sechs bis zehn Stunden am Tag
Für Leiter Christian Spatzier ist klar, dass junge Menschen ganz besonders unter den Folgen der Pandemie zu leiden haben, wenngleich man hierzu keine verbindlichen Statistiken benennen könne. Zwischenzeitliche Lockdown-Phasen sowie Kontaktbeschränkungen führten aber sicherlich zu Einschnitten. „Stichprobenartig weisen viele junge Menschen sehr hohe Bildschirmzeiten auf“, nennt Spatzier ein Beispiel. Dabei gehe es häufig um sechs bis zehn Stunden an einem Tag, an dem Jugendliche etwa Zeit am Smartphone oder am PC verbringen. Dies spreche eine deutliche Sprache, auch wenn man nicht wisse, wie viele Stunden es vor Corona bei den Betroffenen gewesen sind, so der 49-Jährige.
„Bei einem 13- bis 15-Jährigen kann man sich natürlich jetzt fragen, wovon das eine Auswirkung ist“, sagt Spatzier. Und klar ist: „Dies ist kein Einzelfall.“ Auch Kollege Max Mank beobachtet einen Einfluss die Pandemie auf das Leben der Jugendlichen. „Das Thema ist natürlich immer präsent, weil es letztlich für die Jugendlichen darum geht: Was ist erlaubt, wo komme ich rein und wo muss ich draußen bleiben?“ Auch deshalb habe sich die Jugend intensiv und kritisch mit dem Thema Impfung auseinandergesetzt. „Viele Jugendliche, die anfangs gegen eine Impfung waren, haben diese Meinung mittlerweile aus verschiedensten Gründen geändert“, sagt der 35-jährige Sozialpädagoge.
„Wenn ein Jugendlicher normalerweise beispielsweise Hilfe bei einer Bewerbung braucht, dann setzen wir ihn in unseren Computerraum, helfen ihm und integrieren das in unseren Alltag“, so Spatzier. Während der Schließung habe sich das alles online, etwa per Video-Schalte, abgespielt. Umso erleichterter sei man, dass die Türen mittlerweile wieder offenstehen. Weg von digitalen Kanälen und Plattformen sei man deshalb aber nicht. „Seit diesem Jahr ist Instagram unser erfolgreichstes Medium“, sagt Mank. Über den Instagramkanal poste man die derzeit geltenden Hygienebedingungen, berichte über Aktuelles aus der Einrichtung oder kündige hierüber Veranstaltungen, wie etwa ein Billard-Turnier, an. „So können wir auch digital mit den Jugendlichen in Kontakt bleiben und gut nachvollziehen, wen wir damit alles erreicht haben“, sagt Mank. Trotz neuer Kommunikationswege habe man mittlerweile im Jugendtreff wieder einen „gut frequentierten“ Betrieb. „Als die 2G-Regel galt, kamen durchschnittlich acht Personen am Tag vorbei. Jetzt mit 3G sind es 35 bis 55 Jugendliche täglich.“ Derzeit sei die Altersgruppe der Zwölf- bis 15-Jährigen am stärksten vertreten.
Sind zwei
Jahre verloren?
„Man muss damit vorsichtig sein“, sagt Christian Spatzier auf die Frage, ob die Zielgruppe der Einrichtung zwei Jahre ihrer Jugend verloren habe.
Man müsse jeden Jugendlichen individuell betrachten. „Natürlich war Corona das dominierende Thema, auch in den Gesprächen, und dieses Thema verdrängt andere wichtige Themen.“ Keine Partys, keine Feste, keine Normalität. „Ich denke aber, die Jugendlichen sind größtenteils dazu fähig, sich mit den Umständen zu arrangieren. Allerdings auf unterschiedliche Art und Weise. So hätten die jüngeren Menschen unter 14 Jahren eher mit Anpassung auf die neuen Situationen reagiert. Die etwas älteren dagegen oftmals mit Widerstand. Dieser äußere sich etwa dadurch, dass die Jugendlichen äußerst loyal mit ihren Freunden umgingen. „Wenn aus einer Gruppe einer nicht die 2G-Bedingungen erfüllt und nicht irgendwo reinkommt, dann gehen die restlichen fünf Leute eben auch nicht mit.“ Anfangs hätte sich dieser Widerstand sehr oft beim Thema Impfen manifestiert.