„Es tut so wahnsinnig weh“

von Redaktion

Ukraine-Krieg Kolbermoorer Schmiede bangen um Freunde im Krisengebiet

Kolbermoor – Der Krieg in der Ukraine tobt weiter und frisst sich weiter gen Westen: Noch vor vier Tagen war die Stadt Iwano-Frankiwsk „nicht Ziel der Angriffe“, sagt Schmiede-Biennale-Organisator Peter Elgas. Schon wenige Tage später war das ganz anders: „Jetzt tobt der Krieg auch hier“, postete Olga Polubutko. Sie ist die Ehefrau des Schmiedes Sergey aus der westukrainischen Stadt Iwano-Frankiwsk. Ihre Einträge in den sozialen Netzwerken verfolgt der Schmied Michael Ertlmeier den ganzen Tag. Elgas und Ertlmeier kennen sich schon lange. Ertlmeier ist der „Dorfschmied von Kolbermoor“, wie er sich selbst nennt, und bei der Vereinigung des „Ringes der europäischen Schmiedestädte“, dessen Präsident Peter Kloo ist.

Für friedliches
Miteinander

„Wir sind entsetzt angesichts dieser Eskalation“, sagt Kloo. Der Krieg sei genau das Gegenteil davon, wofür sich der Ring seit Jahrzehnten einsetze. „Nämlich für ein friedliches Miteinander in Europa.“

In einem Schreiben an die Mitgliedsstädte habe er diese Betroffenheit bereits ausgedrückt. Kontakt in die Ukraine bestehe über das Rathaus in Iwano-Frankiwsk, von dort habe er eine Liste an benötigten Hilfsgütern erhalten. „Jetzt geht es darum, die Hilfe am besten zu koordinieren“, so Kloo. Der Bürgermeister bittet deshalb alle Menschen, die hier etwas unternehmen, die Hilfe anbieten wollen, sich an die koordinierten Anlaufstellen zu wenden. Diese sind auf der Website der Stadt Kolbermoor unter „Ukraine-Hilfe“ zu finden. Den „Ring der europäischen Schmiedestädte“ hat Peter Elgas 1999 in Kolbermoor initiiert. „18 Städte aus zwölf Ländern sind dabei“, so Elgas. Zwei Städte liegen in der Ukraine – Iwano-Frankiwsk im Westen, Donezk im Osten des Landes.

Beide haben über die Vereinigung Kontakt zu den Schmieden in der Ukraine. Aber es sei schwierig: „E-Mails klappen nicht, Anrufe auch nicht“, sagt Elgas. Deshalb setzt er auf die Nachrichten, die seitens der Vereinigung verschickt werden.

Peter Kloo, Elgas und Ertlmeier waren 2012 in Donezk. Dort trafen sie auch den Schmied Viktor Burduk. Kurze Zeit später, 2014, flammte der Krieg in Teilen der Provinzen Donezk und Luhansk auf. „Dabei wurde auch die Schmiede von Viktor Burduk zerstört“, erinnert sich Elgas.

Dennoch blieb Burduk seiner Heimat treu – blieb dort, baute alles behelfsmäßig wieder auf.

Wenige Jahre später schickten alle 17 Partnerstädte geschmiedete Friedenstauben – auch Ertlmeier fertigte eine gemeinsam mit seinem damaligen Praktikanten Laurenz Freiseisen an. Sie alle sind in einem großen Skulpturenpark angebracht, den Viktor Burduk vor Jahren ins Leben gerufen hat. „Er zählt zu den größten Skulpturenparks Europas“, sagt Christian Poitsch vom Kolbermoorer Stadtmarketing, der auch beide Male in der Ukraine war. An 2019 erinnert er sich genau: „Iwano-Frankiwsk ist eine sehr schöne Stadt, Jugendstil-Bauten wohin man schaut.“

Und auch Elgas erinnert sich: „Wir sind mit offenen Armen aufgenommen worden.“ Beide Städte waren zu dem Zeitpunkt, als die europäischen Schmiede dort waren „in vollem Aufbruch“. Es sei einerseits sehr modern, andererseits auch rückständig, so Elgas und meint beispielsweise die Straßen, die große Löcher aufweisen.

Viele Russen
denken anders

Nun herrscht dort Krieg. Der Fernseher läuft bei Peter Elgas den ganzen Tag: „Es tut so wahnsinnig weh.“ Und dabei denkt er nicht nur an die Ukrainer, sondern auch an die Russen: „Ich weiß, dass viele Russen ganz anders denken, als Putin“, ist er überzeugt. Ertlmeier erinnert sich an ein Treffen, das 2017 in Oberbayern stattfand – mit Schmieden aus dem kompletten Verband: „Damals saß ein Ukrainer neben einem Russen. Und der hat sich dafür entschuldigt, was in der Ostukraine passiert.“

Und was der Ukrainer Viktor Burduk in Donezk mit dem Skulpturenpark initiiert hat, gibt es zu Hause bei Ertlmeier im Mini-Format: „Ich habe einen Zaun und viele Schmiede aus ganz Europa haben etwas dazu beigesteuert.“

Viktor Burduk schuf eine Blume und daneben ist das schmiedeeiserne Kunstwerk des Russen Alexander Romanov.

„Man erkennt es auf den ersten Blick nicht. Aber es zeigt einen Fluss nahe seines Hauses.“ Und da hinein hat er einen Isarkiesel geschmiedet.

Der Skulpturenpark in Donezk besteht laut Peter Elgas auch noch. „Bisher ist er dem Krieg noch nicht zum Opfer gefallen.“ Bis jetzt.

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