Kolbermoor – „Sie sind seit Samstag auf der Flucht“, sagt Diana Alberti und spricht von fünf Frauen, die in der Ukraine zu Fuß zur polnischen Grenze unterwegs sind. Alberti, Projektmanagerin aus Kolbermoor, blickt besorgt auf die aktuellen Geschehnisse im Kriegsgebiet. „So etwas kennen wir eigentlich nur von Erzählungen der Großeltern“, sagt die 46-Jährige. Die fünf Frauen, von denen Alberti spricht, sind enge Freunde und Bekannte eines Kollegen, der durch seine langjährige Tätigkeit beim ukrainischen Kulturverein in München enge Kontakte pflegt.
Bis vor Kurzem bestand Kontakt zu den Flüchtenden, seit ein paar Tagen ist dieser jedoch abgerissen, sagt die Kolbermoorerin. „Vermutlich wegen der Kälte oder weil der Handyakku leer ist“, so Alberti. Zuvor seien immer wieder Nachrichten eingetroffen, etwa dass sie an der slowakischen Grenze abgeholt werden könnten, dann hieß es wieder an der polnischen. „Schlussendlich wissen wir derzeit nicht genau, wo sie sich befinden, es ist schwierig, aber wir wollen sie auf jeden Fall abholen“, sagt die 46-Jährige hoffnungsvoll. Ihre ursprüngliche Idee: „Mein Mann und ich wollten diese Frauen gerne bei uns privat aufnehmen.“ Doch aus dieser konkreten Anfrage von Freunden aus der Ukraine ist mittlerweile ein „großes persönliches Hilfsprojekt hier in Kolbermoor entstanden“, sagt Alberti.
Netzwerk durch Eigeninitiative
Aus ihrer Eigeninitiative heraus konnte sie mit ihrem Mann Martin ein Netzwerk aus Fahrern und Fahrzeugen, Dolmetschern und Sanitätern sowie weiteren Privatpersonen, die Unterkünfte zur Verfügung stellen, aufbauen, erzählt Alberti. Man stehe hierbei auch mit der Stadt Kolbermoor und dem Landkreis in Kontakt. „Wir arbeiten außerdem mit polnischen Freunden zusammen, die selbst eine Hilfsorganisation in Polen gegründet haben und dort vor Ort in den Flüchtlingslagern unterstützen“, sagt Alberti. Diese wüssten etwa auch, welche Flüchtlinge weiter möchten nach Rosenheim oder München und vermitteln diese.
An diesem Freitagabend, 4. März, soll der erste Konvoi von mehreren Personentransportern an die ukrainisch-polnische Grenze fahren und von dort etwa 20 Flüchtlinge abholen. Albertis Mann wird ebenfalls mitfahren. „Jetzt wurde uns noch ein Bus mit Platz für 50 Personen zugesagt“, fügt die 46-Jährige an. Diese Fahrten wolle man von nun an zweimal wöchentlich durchführen, um möglichst viele Menschen mitnehmen zu können. „Auf der Hinfahrt packen wir die Transporter noch voll mit Hilfsgütern“, sagt Alberti. Aktuell fehle es jedoch noch an ausreichend Fahrern, Transporter und vor allem Bussen, „mit denen wir deutlich effizienter wären.“ Der bisherige „Pool an Leuten“ bestehe derzeit aus 27 Personen, wovon an diesem Freitag zwölf Männer losfahren. „Der Rest ist nächste Woche dran“, sagt sie. Laut der Organisatorin, die auch durch ihre Arbeit als Geschäftsführerin bei „Virtual Sport Events GmbH“ mit Sitz in Kolbermoor, gut vernetzt ist, bestehe der selbst organisierte Helferkreis aus Personen aus dem privaten Umfeld, „die wir in den letzten drei Tagen zusammengetrommelt haben. Sowie zwei Busfahrer, die das aber auch in ihrer Freizeit machen.“ Unter den Fahrern befinde sich ein Sanitäter und ein Automechaniker, „wir sollten also auf alles vorbereitet sein, sagt Alberti.
Wenn dann die ersten Flüchtlinge eingetroffen sind, will sie zusammen mit ihrem 53-jährigen Mann und ihrer 14-jährigen Tochter sechs Menschen zu Hause aufnehmen. Für die nächsten Wochen sei das problemlos möglich, sagt die 46-Jährige. In ihrer Nachbarschaft hätten sich ebenfalls schon einige zur Aufnahme bereit erklärt. Angesichts der aktuellen Situation zeigt sich auch Kolbermoors Bürgermeister Peter Kloo entsetzt. „Es ist unfassbar, dass die Menschheit nicht aus der Vergangenheit gelernt hat und dass es möglich ist, dass ein Wahnsinniger mit Waffengewalt so viel zerstört“, sagt Kloo gegenüber der Redaktion. Er lobt die Eigeninitiative vieler hilfsbereiter Menschen. „Allerdings verweist er auch auf die koordinierten Anlaufstellen, wie etwa das Landratsamt, da dort die Organisation in vielen Bereichen zusammenlaufe.
Appell des
Bürgermeisters
Sein Appell an die Bevölkerung: „Wenn die Flüchtlingswelle hier ankommt, dann sollten wir die Menschen mit Wohnraum versorgen.“ Wer also beispielsweise eine leere Wohnung zur Verfügung hat, sollte sich über ein Platzangebot Gedanken machen, bittet der Bürgermeister. Laut Christian Poitsch vom Stadtmarketing in Kolbermoor sei hier bislang (Stand 2. März) noch kein Flüchtling aus der Ukraine angekommen. Derzeit könne keiner abschätzen, wie die Situation in ein paar Tagen aussehen wird. „Wenn aber plötzlich 30 Flüchtlinge in Kolbermoor ankommen, lassen wir sie natürlich nicht im Regen stehen“, so Poitsch. Er lobt die private Eigeninitiative in der Bevölkerung, verweist aber auch auf Organisationen wie das BRK, die auf Hilfsaktionen spezialisiert seien.