Zwölf Ukrainer von der Grenze geholt

von Redaktion

„Fürchterliches gesehen“ – Private Retter aus Kolbermoor schon wieder unterwegs

Kolbermoor – „Ich habe ihnen in die Augen gesehen und diese waren leer“, sagt Diana Alberti. Die Kolbermoorerin engagiert sich seit Beginn des Krieges in der Ukraine für Geflüchtete und hat innerhalb kürzerster Zeit ein Netzwerk aufgebaut, das nicht nur Menschen aus der Grenzregion nach Deutschland holt, sondern die Flüchtlinge auch in Kolbermoor unterbringt.

„Schreie und
weinende Menschen“

Aus ihrer Eigeninitiative heraus konnte sie mit ihrem Mann Martin einen Helferkreis aus Fahrern und Fahrzeugen, Dolmetschern und Sanitätern sowie weiteren Privatpersonen, die Unterkünfte zur Verfügung stellen, aufbauen. Am vergangenen Freitag fuhr dann der erste Rettungskonvoi von Kolbermoor an die polnisch-ukrainische Grenze. „Mein Mann war mit sechs weiteren Fahrern und mehreren Fahrzeugen unterwegs“, sagt Alberti. Sie selbst habe von zu Hause aus koordiniert, sei in Kontakt mit den Fahrern und Kontaktpersonen im Grenzgebiet gestanden. „Das war schon heftig“, erzählt sie und erinnert sich an den Anruf ihres Mannes, als dieser von den Eindrücken aus dem Flüchtlingslager an der Grenze berichtete. Was er dort sah, habe er kaum in Worte fassen können. Es sei eine „furchtbare Situation“ gewesen, überall Schreie, überall weinende Menschen, überall Sirenen.

Die Helfer hätten sieben Stunden in dem Lager verbracht und es sei eine große Herausforderung gewesen, überhaupt Menschen zu finden, die mit nach Deutschland fahren wollten. „Die Frauen dort hatten große Angst, zu fremden Männern ins Auto zu steigen“, sagt Alberti, die per Videoanruf versucht habe, Vertrauen aufzubauen.

Schließlich fanden sich zwölf Frauen und Kinder, die mitfuhren. „Eine der Frauen ist Deutsch-Lehrerin, mit ihr konnte ich dann einigermaßen kommunzieren“, sagt die 46-Jährige. Die Rückfahrt sei dann „schon heftig“ gewesen, eine der Geflüchteten habe unterwegs eine Panikattacke bekommen, als sie von ihren in der Ukraine ausharrenden Eltern erfuhr, dass deren Heimatort aus der Luft angegriffen wurde.

Am vergangenen Sonntag war der Konvoi wieder zurück in Kolbermoor. Mit weiteren Helfern aus Kolbermoor empfing Diana Alberti die Rückkehrer mit einem Frühstück. „Die Leute waren einfach müde, wollten einfach schlafen und ihre Ruhe haben“, so Alberti verständnisvoll. Man habe die Ukrainer, mit Ausnahme einiger, die anderweitig unterkamen, im Freundes- und Bekanntenkreis untergebracht. „Wir selbst haben eine Flüchtlingsfamilie aufgenommen, eine Frau mit ihren 14- und 20-jährigen Töchtern.“

Das Zusammenleben funktioniere gut, man esse zusammen und verständige sich mit Händen und Füßen. Gerade die beiden Katzen und der Hund der Familie Alberti sei zum wichtigen Ankerpunkt für die Flüchtlinge geworden. „Sie haben Fürchterliches gesehen, viele Tote, viel Elend – das sieht man ihnen auch an“, sagt Alberti über die aus Charkiw stammenden Ukrainer. Im Gespräch mit Alberti wird klar, dass sie das Schicksal ihrer Gäste emotional aufwühlt. „Man muss schon aufpassen, dass man irgendwie eine emotionale Distanz bewahren kann, sonst hält man das nicht durch“, so die Projektmanagerin. Dennoch will sie für die in Kolbermoor angekommenen Flüchtlinge Ansprechpartnerin bleiben – „sie haben alle meine Handynummer“.

Weitere Ukrainer sind bei Freunden und Bekannten untergekommen. „Unsere Nachbarn haben etwa eine gehörlose Frau aufgenommen. Das ist eine riesige Herausforderung, da sie die Gebärdensprache nicht beherrschen.“ Auch hier bemühe man sich nun um eine professionelle Betreuung. Die Geflüchteten, die derzeit bei Diana Alberti wohnen, dürfen sich jedenfalls in Kürze auf eine „super ausgestattete“ Einliegerwohnung freuen, die ein Mann aus Kolbermoor angeboten habe, erzählt die 46-Jährige. Die Hilfsbereitschaft sei „riesig“.

Emotionale
Spuren

Fazit der Rettungsaktion: Es hat geklappt, aber die schrecklichen Verhältnisse der an der Grenze wartenden unzähligen Ukrainer haben emotionale Spuren hinterlassen, betont Alberti. Gleich nach der Rückkehr hätten alle Fahrer klargemacht, dass sie dies nie wieder machen würden. „Als sie dann langsam alles verarbeitet hatten, kam einer nach dem anderen und fragte: ‚Wann fahren wir wieder? Wir sind doch wieder dabei‘.“ Und so startet am heutigen Freitag der nächste Rettungskonvoi. „Dieses Mal werden wir voraussichtlich 30 bis 40 Menschen mitnehmen können“, sagt Alberti. Und man sei besser vorbereitet als beim ersten Mal. Man stehe in Verbindung mit einer Kontaktperson, die bereits Menschen zusammenbringt, die entweder nach Rosenheim oder nach München wollen.

Artikel 3 von 4