Der Schatz aus der Aktentasche

von Redaktion

Andreas Paukert bewahrt mit 60 Jahre alten Kinderbildern ein Stück Heimatgeschichte auf

Kolbermoor – Erinnerungen aus Kindheitstagen hat Andreas Paukert auf dem Dachboden der alten Kolbermoorer Hauptschule entdeckt. Das ist zwar schon einige Zeit her, doch er hat den „Schatz aus der Aktentasche“ sorgsam aufbewahrt. In diesem Jahr wird dieser nun schon 60 Jahre alt. Und die, aus deren Feder er stammt, feiern schon ihren 71. Geburtstag.

Andreas Paukert staunte nicht schlecht, als er 1988 – damals war er noch Hausmeister der Hauptschule in der Flurstraße – auf dem Speicher Ordnung schaffen wollte und eine alte, lederne Aktentasche entdeckte. Doch besonders groß war die Freude, als er den Inhalt sah: Bunte Bilder aus dem Kunstunterricht, sorgsam aufbewahrt in Folienhüllen, mit Namen und Datum versehen. Es waren Bilder aus dem Jahr 1962, Werke seiner einstigen Klassenkameraden – unter anderem von Karl Rainer, Falk Werner, Nik Kannengießer, Werner Ascher, Toni Bierlmaier oder Willi Tuschl.

Erinnerungen an einen tollen Lehrer

„Damals waren wir in der fünften Klasse“, erinnert sich Paukert. Rektor Erich Breu war auch der Klassenlehrer der Knaben. „Er war so ein guter Lehrer. Im Kunstunterricht hat er uns zu solchen Bildern motiviert“, erzählt „Schüler“ Paukert. Neben farbigen Zeichnungen vom Alten Rathaus oder den Segelschiffen von Christoph Kolumbus finden sich Motive wie Indianer, Krampusse, Blumen, Schmetterlinge, Kronen, Almhütten, Clowns, Scherenschnitte und fantasievolle Familienwappen. Doch keines der Bilder trägt den Namen von Andreas Paukert. „Weil unser Lehrer nur die Einser und Zweier aufgehoben hat, und ich war kein guter Zeichner, eher ein Vierer. Dafür war ich in Rechnen und Werken unschlagbar und baue bis heute alles selbst“, erzählt er lachend.

Im Januar 1988 entdeckte er die Zeichnungen, im April fand das erste Klassentreffen der inzwischen erwachsenen „Knaben“ statt. Paukert stellt die Bilder dort aus. „Doch mitgenommen hat sie keiner der einstigen Maler“, wundert er sich bis heute, denn: „Ich würde sie doch voller Stolz meinen Enkeln zeigen wollen.“

65 Jahre nach dem Schulanfang soll nun bald wieder ein Klassentreffen stattfinden.

Auch das will Paukert organisieren. „Doch leicht ist es nicht, alle Adressen herauszufinden.“ Einige seiner Klassenkameraden sind wie er ihrer Heimatstadt Kolbermoor treu geblieben. Nik Kannengießer beispielsweise. Er gehörte damals zu den Einser-Schülern in Kunsterziehung. „Ich kann mir gar nicht vorstellen, dass ich mit elf Jahren so gemalt habe“, meint er und erzählt, dass er später – mit 28 Jahren – neben der Ausbildung zum Krankenpfleger mit Öl zeichnete und die Bilder an Freunde verschenkte. Dann stand er viele Jahre nicht an der Staffellei, weil ihn Familie, Beruf und Ehrenämter ausfüllten. „Doch seit der Rente male ich wieder“, erzählt er.

Seine Bilder zeigt er mit „Begeisterung“ in der gleichnamigen Ausstellung am 23. September in der Volkshochschule Kolbermoor. Und am 29. und 30. Oktober stellt er mit den Kolbermoorer Malern aus. Doch was wird aus seinen Kinderbildern, dem Schatz aus der Aktentasche? „Ich fände es schön, wenn man sie in einer Ausstellung zeigen würde“, sagt Andreas Paukert. „Schließlich sind sie ein Stück Kolbermoorer Heimatgeschichte und für die Maler ein Stück ganz persönlicher Geschichte.“

Stefan Reischl, ehrenamtlicher Leiter des Industrie- und Heimatmuseums, hat auch schon eine Idee: „Wir haben doch gerade eine Sonderausstellung zu 150 Jahren Schule in Kolbermoor.

Da würden diese Bilder doch wunderbar dazu passen.“ Noch hat das Museum Sommerferien, doch ab dem Wochenende vom 17. und 18. September ist es wieder regelmäßig von 14 bis 17 Uhr geöffnet. Und dann wird sicher auch der „Schatz aus der Aktentasche“ zu sehen sein.

Für einen guten Zweck versteigern

Nik Kannengießer – einer der Maler von einst und heute – hat 2021 eines seiner jüngeren Bilder in einer Auktion für die Nachbarschaftshilfe, deren ehrenamtlicher Vorsitzender er ist, für 600 Euro versteigert. „Vielleicht“, so die Idee von Paukert, „könnten wir ja auch die 60 Jahre alten Bilder aus unserer Kindheit für einen guten Zweck versteigern?“ Mal sehen, was der umtriebige Kolbermoorer da noch auf die Beine stellt.

Übrigens: Wer zur Klasse 1b des Jahrgangs 1957/58 gehörte und Interesse an einem Klassentreffen hat, kann sich gern bei Andreas Paukert per E-Mail an
wurzei@t-online.de melden. Er würde sich freuen, denn: „Auch wenn man sich mit 71 Jahren schon ab und an fragt, was im Leben noch vor einem liegt, sind gemeinsame Erinnerungen das Wertvollste, denn die kann uns keiner nehmen.“

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