Erinnerungen an einen feigen Anschlag

von Redaktion

Am 12. Oktober 1992 greifen zwei Kolbermoorer das Asylbewerberheim in Brückenstraße an

Kolbermoor – „Auf die Asylbewerberunterkunft in Kolbermoor ist in der Nacht zum Montag ein Sprengstoffanschlag verübt worden.“ Diese Nachricht – veröffentlicht im Mangfall-Boten – ist 30 Jahre alt. Am 12. Oktober 1992 wurde das ehemalige „Hotel Wendelstein“ in der Brückenstraße 28 angegriffen, das nach der ersten Flüchtlingswelle als Unterkunft für Asylbewerber diente. „Das war eine schlimme Sache. Dort lebten Menschen vom Balkan: Kroaten, Bosnier, Kosovo-Albaner“, erinnert sich Ludwig Reihmeier, heute 90 Jahre alt und damals der Zweite Bürgermeister Kolbermoors: „Es waren die ersten Kriegsflüchtlinge, die nach dem Zerfall Jugoslawiens Schutz suchten.“

Täter werden
schnell gefasst

Gegen 1 Uhr wurden sie aus dem Schlaf gerissen: „Der in einem Rohrkörper gezündete Sprengstoff schlug ein 20 Zentimeter großes Loch in die Eingangstür“, schrieb der Mangfall-Bote: „Nach Angaben des Landeskriminalamtes wurde keiner der 60 Bewohner verletzt.“ Doch die Detonation weckte Erinnerungen an den blutigen Krieg in der Heimat. „Die Bewohner trauten sich aus Angst, erschossen zu werden, nicht aus dem Haus, und keiner der Nachbarn rief die Polizei“, beschreibt die Geschichtswerkstatt Rosenheim in ihrem Essay „Die rassistischen Gewaltexzesse dürfen nicht vergessen werden“. Die Polizei sei erst am nächsten Morgen durch die Hausmeisterin informiert worden, da es in der Unterkunft kein Notruftelefon gegeben habe, das Büro nur tagsüber besetzt gewesen sei.

„Im Eingangsbereich des Heimes wurden mehrere Flugblätter mit dem Titel ,Der Asylbetrüger in Deutschland‘ sichergestellt“, heißt es im Bericht des bayerischen Verfassungsschutzes für das Jahr 1992: „Gegen dieses Flugblatt besteht ein Beschlagnahmebeschluss des Amtsgerichtes Fulda.“ Schon am 13. Oktober wurden die Täter verhaftet. So schrieb die Agentur DPA im Oktober 1992: „Der Sprengstoffanschlag auf das Asylbewerberheim von Kolbermoor … ist offenbar geklärt. Innerhalb von 48 Stunden gelang es der Sonderkommission der Staatsschutzabteilung des Bayerischen Landeskriminalamts, zwei Männer aus dem Landkreis als mutmaßliche Täter festzunehmen. Bei dem Anschlag war ein Sachschaden von 5000 D-Mark entstanden. Als Motiv ermittelte die Polizei Ausländerfeindlichkeit.“

Bei Wohnungsdurchsuchungen konnte nach Informationen des Verfassungsschutzes umfangreiches Beweismaterial sichergestellt werden. Danach war auch klar: „Bereits am 9. Oktober waren in zwei benachbarten Orten zwei Sprengstoffexplosionen registriert worden, die aufgrund der verwendeten Tatmittel als Probesprengungen zu diesem Anschlag gewertet werden müssen“, analysierte der Verfassungsschutz damals. Während die Behörde nicht näher auf die genauen Orte eingeht, schreibt die Rosenheimer Geschichtswerkstatt: „Die Rohrbombe wurde circa zwei Wochen vor der Tat an der Mangfall getestet.“ Nach den Ermittlungen des Landeskriminalamtes hatten die Täter – ein 22-jähriger Arbeiter und sein 20-jähriger Freund aus Kolbermoor – am 12. Oktober 1992 ein mit Schwarzpulver gefülltes Rohrstück an der Eingangstür des Asylbewerberheims mit einer Zündschnur zur Explosion gebracht. Während der Arbeiter zu den Tatvorwürfen schwieg, legte sein Freund ein Geständnis ab.

1993 fand der Gerichtsprozess vor dem Jugendschöffengericht Traunstein statt. „Die Täter kamen mit einer Bewährungsstrafe davon“, erinnert die Geschichtswerkstatt. Als Bewährungsauflage habe das Gericht „40 Stunden gemeinnütziger Arbeit beziehungsweise eine Geldstrafe von 1000 Euro“ ausgesprochen.

An die Täter kann sich Ludwig Reihmeier heute nicht mehr erinnern, wohl aber an die Proteste in der Bevölkerung: „In Kolbermoor hat sich damals eine starke Gegenbewegung gebildet, die den Überfall und jegliche Fremdenfeindlichkeit verurteilte“, weiß er auch 30 Jahre später noch zu berichten. „Organisiert wurden die Demonstrationen damals von den Grünen.“

Heute würde so etwas
nicht mehr passieren

Vor mehr als 30 Jahren sind die ersten Kriegsflüchtlinge in Kolbermoor gestrandet. Im Dezember 1992, so geht aus einem Bericht des Mangfall-Boten hervor, lebten im Asylbewerberheim „Hotel Wendelstein“ Menschen aus rund 15 Nationen – unter anderem aus Bosnien, der Türkei, Polen, Iran, Rumänien, Angola und Togo. „Für viele“, so hieß es damals, sei „der Aufenthalt in Kolbermoor nicht mehr als ein Zwischenaufenthalt“.

Im Jahr 1992 wurden deutschlandweit 708 Brand- und 14 Sprengstoffanschläge verübt, bei denen 17 Menschen starben. Das Kolbermoorer Attentat war eines davon (siehe Kasten).

„Heute würde das in unserer Stadt nicht mehr passieren“, ist sich Dieter Kannengießer, Zweiter Bürgermeister von Kolbermoor, sicher: „Die Menschen sind aufgeschlossener, haben in diesen 30 Jahren dazugelernt und sich an einen selbstverständlichen Umgang mit Geflüchteten gewöhnt.“ Auch damals, so erinnert er sich, haben viele Menschen ganz schnell geholfen – so beispielsweise auch die Nachbarschaftshilfe, die die Hausaufgabenhilfe für Geflüchtete genauso übernommen habe wie für die Kinder der türkischstämmigen Familien.

Flüchtlingswelle reißt bis heute nicht ab

Nur wenige Kolbermoorer erinnern sich heute noch an den Anschlag. Das einstige Hotel „Wendelstein“ wurde in ein Wohn- und Geschäftshaus umgebaut. Asylbewerber leben in Kolbermoor heute nicht mehr in Sammelunterkünften, sondern dezentral in Wohnungen. Betreut werden sie von ehrenamtlichen Helfern der beiden Kirchen und des Bürgerhauses. Der 12. Oktober 1992 ruft aber auch eines in Erinnerung: „Schon damals tobte mitten in Europa ein Krieg. Keine vier Stunden entfernt von uns, in einer Region, die für viele Menschen in Bayern schon eine Urlaubsregion war“, sagt Ludwig Reihmeier: „Seit 2015 kommen Kriegsflüchtlinge aus Syrien, seit diesem Jahr auch aus der Ukraine.“ Die Flüchtlingswelle reißt nicht ab. Die Menschen fliehen aus der Ukraine, dem Nahen und Mittleren Osten, aus Afrika. Derzeit sucht auch der Landkreis Rosenheim wieder händeringend nach Quartieren oder Stellplätzen für Container. Erst am Montag wandte sich Landrat Otto Lederer in einer Videokonferenz an die Bürgermeister. „Wir haben zu wenig Wohnraum für zu viele Menschen“, beschreibt Kolbermoors Bürgermeister Peter Kloo das Dilemma. Mit der Eingruppierung als ALG-II-Empfänger müssten die ukrainischen Flüchtlinge sich nach dem Gesetz eigentlich eigenverantwortlich um Wohnraum bemühen. Doch wer kümmert sich um sie, wenn sie keinen Wohnraum finden? „Gelten sie dann als obdachlos, und die Kommunen müssen sie unterbringen?“, stellt Kloo eine bislang ungeklärte Frage. Doch neben jenen Kriegsflüchtlingen, die ihre private und oft nur temporäre Unterkunft gerade wechseln müssen, kommen in Deutschland täglich neue an, die ebenfalls Wohnraum brauchen. „Wir haben keinen freien kommunalen Wohnraum, verwehren uns dem Thema aber nicht“, betont Kloo. Es werde derzeit geprüft, ob es geeignete Gebäude für die Unterbringung von Flüchtlingen gibt. Bis Freitag soll eine Entscheidung fallen.

Vor 30 Jahren eskaliert die Gewalt

Im Jahr 1992 schrieb das Bundesamt für Verfassungsschutz in seinem Jahresbericht: „Die gegen Asylbewerber und andere Ausländer gerichtete Welle der Gewalttaten erreichte mit rund 2584 Fällen (Bayern: 110) einen neuen Höhepunkt. Die Zahl der hierbei verübten Tötungsdelikte stieg auf ein erschreckendes Ausmaß: Bei den von rechtsextremistisch motivierten Einzeltätern und militanten Skinheads begangenen Gewaltverbrechen kamen im Bundesgebiet 17 Menschen, davon sieben Ausländer, ums Leben.“ Die Gewalttaten mit rechtsextremistischer Motivation hatten 1992 gegenüber dem Vorjahr um rund 74 Prozent zugenommen, wie der Verfassungsschutz bilanzierte. Darunter waren 708 (1991: 380) Brand- und 14 Sprengstoffanschläge. Dabei wurden 17 Menschen getötet und eine Vielzahl von Menschen zum Teil schwer verletzt. Die Täter waren ausschließlich Männer im Alter von 16 bis 30 Jahren. In Bayern wurden im Jahr 1992 nach Angaben des Verfassungsschutzes 29 Brand- und Sprengstoffanschläge (1991: 15) mit fremdenfeindlichem Hintergrund verübt. Todesopfer politisch motivierter Gewalttaten waren in Bayern 1992 nicht zu beklagen. Im Jahr 2021 lag die Zahl rechtsextremistischer Straf- und Gewalttaten bei 20201 (2020: 22357). In Bayern wurden 1750 registriert, darunter sieben Übergriffe auf Liegenschaften zur Unterbringung von Flüchtlingen und ein versuchtes Tötungsdelikt.

Artikel 2 von 5