Kirchengeheimnissen auf der Spur

von Redaktion

Sie taucht ganz tief in die Geschichte der Kolbermoorer Pfarrei Heilige Dreifaltigkeit ein: Regina Rackl versucht, alte Briefe aus dem Archiv wieder lesbar und verständlich zu machen. Was sie dabei schon an berührenden Geschichten entdeckt hat.

Kolbermoor – Als Regina Rackl vor gut drei Jahren die Aufgabe übernahm, sich um das Pfarrarchiv der Kirche Heilige Dreifaltigkeit in Kolbermoor zu kümmern, stieß sie auf einen riesigen Berg von Geheimschriften. Nicht, dass Pfarrer Stephan Rainer und seine Nachfolger im letzten Drittel des vorvorigen Jahrhunderts die Abschriften ihrer Briefe verschlüsselt hätten. Nein, sie schrieben sie nur in ihrer Handschrift. Und die ist klein, eng, und – wie damals üblich – stark nach rechts geneigt, mit großen verschnörkelten Ober- und Unterlängen.

Schön anzusehen,
aber fast unlesbar

Kurz: Die Schrift ist zwar sehr schön anzuschauen, war aber wohl schon damals nicht der Gipfel der Lesbarkeit. Für den normalen heutigen Betrachter ist sie nur noch eines: unlesbar.

Ordnung in ein Archiv zu bringen, dessen Texte man nur mit Mühen – und selbst das nicht immer – lesen kann, ist schwierig. Die einzige Hoffnung Regina Rackls war es deshalb, einen Kolbermoorer zu finden, der so alt war, dass er noch mit der sogenannten Deutschen Schrift aufgewachsen ist.

Sütterlin-Experte
hilft bei Entzifferung

Diese oft auch Sütterlin genannte Schrift ist zwar nicht die der Texte aus den 1860er- und 1870er-Jahren, sondern gut ein halbes Jahrhundert jünger, aber eben näher dran, als die heutige Schreibschrift.

Die Suche nach einem solchen „Schriftkundigen“ war nicht einfach, aber am Ende hatte Rackl Glück und fand mit Karl Zimmer nicht nur einen, der die Briefe entziffern konnte, sondern auch einen mehr als engagierten Mitstreiter. Engagement war auch nötig: Der 89-Jährige brauchte nicht selten eine ganze Woche, um einen einzigen Brief zu entschlüsseln. Denn in die „Geheimschriften“ waren weitere Komplikationen „eingebaut“: Die Sätze sind lang, gehen nicht selten über einen ganzen Absatz hinweg, sind für heutiges Sprachempfinden verdreht und verwunden, sodass es gar nicht leicht ist, ihren Sinn zu erfassen.

Das aber macht es schwierig, einzelne Wörter, die man nicht auf Anhieb entziffern oder verstehen kann, aus dem Sinnzusammenhang zu erschließen. Immer wieder gibt es Wörter, die selbst Zimmer vor Rätsel stellen. Was etwa soll „Tram“ in einem Brief aus den 1860er-Jahren bedeuten? Darauf, dass es sich hier um Dachbalken handelt, muss man erst mal kommen. Vor diesem Hintergrund fragt man sich: Wieso macht sich jemand diese Mühe? Was bewegt einen, über Jahre hartnäckig dranzubleiben, in rein ehrenamtlicher Tätigkeit? Regina Rackl spricht sicher auch für Karl Zimmer, wenn sie sagt: „Weil man über die entzifferten Briefe ganz unmittelbar an Kolbermoors Geschichte herankommt.“ Der Bau der Kirche Heilige Dreifaltigkeit, um den es in den Briefen der ersten Jahrzehnte vor allem geht, sei zwar im Prinzip gut dokumentiert, meint sie. Das aber ist Faktenwissen, gewissermaßen das Skelett des damaligen Lebens. „Fleisch und damit Leben“ bekommt Geschichte aber erst durch persönliche Details.

Auf altem Papier wird
Geschichte lebendig

Etwa wenn man in den Briefen mitverfolgen kann, wie mühsam es für Pfarrer Rainer war, durch immer wieder erneute Bittbriefe an die Diözese, auch an den König selbst, Geld für einen Kirchenbau in Kolbermoor zu erbetteln. Oder wenn man später liest, dass ein Arbeiter beim Errichten des Dachstuhls in den Tod stürzte, gerade einen Tag vor seiner Hochzeit. Und man erfährt auch ganz unmittelbar, welche zentrale Rolle der Glaube im Leben der damaligen Arbeiter der Spinnerei hatte.

Dabei sind Regina Rackl und Karl Zimmer mit ihrem Abenteuer noch längst nicht am Ende: 286 Dokumente haben sie nun transkribiert und sind damit im Jahr 1897 angekommen. Die Dokumente aus der Zeit des Ersten und Zweiten Weltkriegs und der Revolution um 1918, versprechen noch spannend zu werden.

Arbeit noch längst
nicht abgeschlossen

Die Arbeit des Entzifferns wird dabei zwar zunehmend leichter, dennoch wäre Regina Rackl für jeden dankbar, der sie bei der Mammutarbeit, den Berg von Briefen und Dokumenten in ein echtes Archiv zu verwandeln, unterstützen würde. Denn erst die Ordnung und damit die Möglichkeit, gezielt auf Dokumente zugreifen zu können, schafft die Voraussetzung für den nächsten Schritt: das Wissen, das es bislang über Kolbermoors Vergangenheit gibt, zu erweitern.

Soll heißen: dem Gesicht des einstigen Kolbermoors noch viel mehr als jetzt
lebendige Züge zu geben.

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