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von Redaktion

Erzählcafé am kommenden Donnerstag auf den Spuren Kolbermoorer Gastarbeiter

Kolbermoor – Ein Schmelztiegel der Kulturen ist Kolbermoor schon seit mehr als 100 Jahren. Deshalb soll im zweiten Erzählcafé mit persönlichen Erinnerungen ein Stück Heimatgeschichte lebendig werden. Diesmal geht es um Herkunft und persönliche Lebenswege.

„Mit 16 Jahren hat mich mein Onkel aus der Türkei mit nach Kolbermoor genommen. Mit 17 begann ich in der Spinnerei das Arbeiten. Sieben Jahre war ich dort, danach 40 Jahre in der Käserei Bad Aibling“, erzählt Balta Ihsan. Seit 1971 lebt er nun schon in Kolbermoor und sagt: „Ich zähle mich zu den glücklichen Menschen, weil ich in Kolbermoor aufgewachsen bin. Meine Zwillinge leben auch gern hier. Für mich ist Kolbermoor die zweite Heimat, für meine Kinder die erste Heimat. Die Türkei ist zwischenzeitlich für uns mehr ein Urlaubsland.“ So wie die persönliche Geschichte des heute 66-Jährigen sollen im zweiten Kolbermoorer Erzählcafé am Donnerstag, 2. Februar, viele persönliche Erinnerungen wach werden. Ab 19 Uhr geht es im Sitzungssaal des Rathauses um „ Identität und Migration, Heimat und Herkunft“.

Unverwechselbare
Biografien erleben

„Jeder hat seine unverwechselbare Biografie. Sie ist zutiefst persönlich, spiegelt aber immer auch Zeitumstände und Geschichte wider“, beschreibt Ulrike Sinzinger, die Leiterin der Kolbermoorer Volkshochschule, ihre Motivation, gemeinsam mit Stadtbücherei und Stadtmarketing in der Reihe „Erzählcafé“ Heimatgeschichte lebendig werden zu lassen. Nach der erfolgreichen Premiere mit Wirtshausgeschichten freut sie sich nun auf die Suche nach den Wurzeln der Kolbermoorer und damit auf einen ganz besonderen Abend: „Wir wollen persönliche Lebensgeschichten erlebbar machen. Wir wollen einen Blick auf das Leben anderer Menschen, auf eine andere Zeit werfen und fragen deshalb: Wer erzählt von Arbeitskollegen der Spinnerei oder erinnert sich an Schulkameraden? Wer war bei den legendären Festen des griechischen Vereins oder hat die Gastfreundschaft türkischer Kolbermoorer kennengelernt?“

Schon vor mehr als 100 Jahren kamen die ersten Gastarbeiter nach Kolbermoor. „Zuerst waren es Italiener, die als Ziegel- und Bauarbeiter tätig waren“, weiß Stefan Reischl, ehrenamtlicher Leiter des Heimat- und Industriemuseums. Mit dem Wirtschaftswunder  wurden in den 60er-Jahren auch in Kolbermoor mehr und mehr Arbeitnehmer gesucht, die auf dem inländischen Markt nicht mehr zu finden waren. Die Bundesrepublik schloss Anwerbeabkommen ab – unter anderem 1955 mit Italien, 1960 mit Griechenland und 1961 mit der Türkei. Ihre Anwerbung und Vermittlung übernahmen Außenstellen der Bundesanstalt für Arbeit entsprechend des Bedarfs deutscher Unternehmen.  Doch der Chef der Kolbermoorer Spinnerei machte sich aber auch persönlich auf den Weg nach Anatolien, um dort neue Mitarbeiter zu werben.

1973 – 2,6 Millionen
ausländische Arbeiter

Bundesweit stieg die Zahl der ausländischen Arbeitnehmer von rund 330000 im Jahr 1960 auf über 1,5 Millionen im Jahr 1969 und 2,6 Millionen im Jahr 1973. Die Zahlen für Kolbermoor hat Stefan Reischl in historischen Ausschnitten des Mangfall-Boten gefunden. So wurde am 10. August 1966 darüber informiert, dass 478 Ausländer in Kolbermoor leben und arbeiten, darunter beispielsweise „176 Griechen, 132 Italiener, 68 Österreicher und 39 Jugoslawen“. Nur drei Jahre später – am 16. November 1969 – sind es schon 200 mehr. Damals gehörten 673 Ausländer zu den 9836 Kolbermoorern, unter ihnen 236 Griechen (132 Männer und 104 Frauen), 142 Italiener (90 Männer und 52 Frauen), 100 Jugoslawen (58, 42), 80 Türken (66, 14) und 70 Österreicher (39,31).

In den 70er-Jahren erreicht die Suche nach ausländischen Arbeitskräften ihren Höhepunkt, die vor allem in der Spinnerei, den Conradty-Werken und im Tonwerk gebraucht wurden. „1975 wird darüber berichtet, dass von den 11200 Einwohnern 1100 einer fremden Volksgruppe angehören‘. Das waren zehn Prozent der Bevölkerung“, zitiert Reischl den Mangfall-Boten. Wie er werden sich viele Kolbermoorer an die Extra-Klassen für griechische und türkische Kinder erinnern. „Die gab es bis in die 80er-Jahre von der Grund- bis zur Hautpschule“, erzählt der Heimatforscher. „Doch auch in den Regelklassen erinnern sich die Kolbermoorer an ihre ausländischen Mitschüler“, weiß die Leiterin der Volkshochschule von ihren heute erwachsenen Schülern.

Griechen und Italiener
gingen oftmals zurück

Doch wo sind die Gastarbeiter von einst? Zurückgekehrt in ihre Heimat, in Kolbermoor geblieben oder innerhalb von Deutschland umgezogen? Auch das sind Fragen, auf die es im Erzählcafé vielleicht Antworten gibt. „Ich finde es interessant, dass die meisten Griechen und Italiener wieder nach Hause gegangen sind, die türkischen Familien aber seßhaft geworden sind, und ihre Nachkommen in zweiter und dritter Generation Kolbermoor als ihre Heimat angenommen haben“, macht Sinzinger auf einen weiteren Aspekt aufmerksam.

Zum Kolbermoorer Erzählcafé „Identität und Migration, Heimat und Herkunft“ sind aber nicht nur ehemalige Gastarbeiter und ihre Familien eingeladen. „Jeder, der den Mut hat, seine Lebensgeschichte zu erzählen und seinen Weg nach Kolbermoor zu schildern, ist willkommen“, lädt Sinzinger ein. Seien die „Zugereisten“ aus dem Osten oder Norden Deutschlands, aus Kasachstan, Syrien oder der Ukraine. Lebenswege gibt es viele und mit ihnen auch viele Geschichten. „Dieser Erzählcafé-Abend ist dem Miteinander und Nebeneinander verschiedener Kulturen gewidmet. In der Begegnung, beim Erzählen und beim Zuhören können wir uns besser kennen- und verstehen lernen und unseren Horizont erweitern“, freut sich Sinzinger auf einen spannenden Abend.

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