Kolbermoor – Als die ersten türkischen Gastarbeiter nach Kolbermoor kamen, standen sie Seite an Seite mit ihren deutschen Kollegen an den Maschinen der Spinnerei. Die gemeinsame Arbeit, das wurde beim Kolbermoorer Erzählcafé deutlich, war ein hervorragendes Integrationsinstrument. Sie war der Ort, an dem alte und neue Kolbermoorer miteinander in Kontakt kamen. Die viele Zeit, die sie miteinander und nebeneinander verbrachten, eröffnete auch die Chance, sich näher kennenzulernen.
Erinnerungen
an die 60er-Jahre
Beim zweiten Erzählcafé ging es um die Erinnerungen und Erlebnisse aus der Zeit der Zuwanderung in den 60er-Jahren.
Dabei wurde auch deutlich, dass dieser Lebensabschnitt in Deutschland eigentlich nur kurz sein sollte: Zwei, drei, vielleicht fünf Jahre wollten viele türkischen Arbeiter hier bleiben – eben gerade so lange, bis sie genügend Geld erspart hätten, um in der Heimat etwas aufzubauen.
Angesichts dieser geplanten, kurzen Zeitspanne wird aus heutiger Sicht verständlich, dass eine engere Verbindung zu dem neuen Aufenthaltsort –von einer „neuen Heimat“ sprach damals noch niemand – keine allzu große Bedeutung beigemessen wurde.
Bülent Tirmik, der in Kolbermoor geboren und aufgewachsen ist, erinnerte sich daran, dass es für die Generation seiner Eltern wichtig war, ein Mittel gegen das Heimweh zu finden. Der enge Kontakt untereinander half, und der wurde auch dadurch erleichtert, dass man in der Werkssiedlung der Spinnerei nah beieinander wohnte.
Vereine bringen
Integration voran
In den Schulen wurden damals rein türkische Klassen aufgebaut, in denen der Unterricht teilweise nur auf Türkisch gehalten wurde, Deutsch eine Fremdsprache blieb. Dadurch wurde einer ganzen Generation junger türkischer Mitbürger die Integration erheblich erschwert.
Bülent Tirmik hatte Glück: Er wurde von einer damaligen Lehrerin sozusagen „gezwungen“, in einen Sportverein zu gehen, und ist ihr dafür bis heute zutiefst dankbar. Denn aus eigener Erfahrung ist er felsenfest davon überzeugt: „Noch viel mehr als Schule und Kindergarten bringen Vereine die Integration voran. Weil es hier um ein gemeinsames Ziel geht, das man nur zusammen erreichen kann. Wer zum Beispiel auf ein Fußballtor zustürmt, dem ist es egal, von wem er das entscheidende Zuspiel bekommt, ob von einem Deutschen, einem Türken, einem Syrer oder von wem auch immer.“
Anders als Familien aus Griechenland oder Italien blieben viele Türken in Deutschland. Auch dafür hatte Bülent Tirmik eine Erklärung. Die Türkei schlitterte Anfang der 70er-Jahre in eine Zeit der politischen Unruhen, es herrschten teilweise fast bürgerkriegsähnliche Zustände. „Viele aus der Generation meiner Eltern fühlten sich hier einfach sicherer als zu Hause“ erzählte er.
Gemeinsame
Sprache verbindet
Das Gefühl, sicher leben zu können, ist eine wichtige Voraussetzung, um sich irgendwo heimisch zu fühlen. Um wirklich daheim zu sein, braucht es aber noch ein bisschen mehr. Einen möglichen Weg dahin wiesen beim Erzählcafé Tina Knight und ihr Mann Charles Currey auf. Die Amerikanerin kam 1969 zum ersten Mal nach Deutschland, lebte danach wieder eine Zeit lang in den USA und kehrte vor zehn Jahren nach Kolbermoor zurück, um sich hier endgültig niederzulassen.
Sie organisiert einen Englisch-Stammtisch, an dem viele Nationalitäten zusammenfinden. Die gemeinsame Sprache ist die Brücke, um miteinander ins Gespräch zu kommen, und ist mindestens genauso wichtig wie das gemeinsame Essen oder die Musik: Denn nicht nur Liebe, sondern auch Völkerverständigung geht nicht zuletzt durch den Magen.