Komplizierte Planung in der Schwaig

von Redaktion

Die Zukunft von sechs Hektar kommunaler Fläche entscheidet sich in der Denkfabrik

Kolbermoor – Seit vier Jahren liegen in der Schwaig sechs Hektar kommunaler Fläche brach. Warum entstehen dort nicht kurzfristig Wohnungen oder Gewerbeflächen? Und warum geht die zeitaufwendige Bauleitplanung jetzt in die nächste Runde? Im Interview mit dem Mangfall-Boten erklärt Bürgermeister Peter Kloo, welche Bedeutung diese letzte überplanbare Fläche für Kolbermoor hat.

In Kolbermoor stehen mehr als 400 Menschen auf der Warteliste für kommunalen Wohnraum. Warum baut die Stadt
in der Schwaig nicht

einfach Wohnungen ?

Die Schwaig ist eine der letzten Flächen, die wir als Stadt noch überplanen können. Es wäre schade, sie allein für Wohnungsbau zu nutzen. Denn wo sollen dann unsere Handwerker hin, die dringend Fläche brauchen und dort ideal an die B 15 angebunden wären. Im Wohnungsbau ist an der Conradty-Straße extrem viel gewachsen. Zudem setzen wir auf Nachverdichtung. Wir haben in unseren Siedlungsgebieten noch freie Parzellen. Würden wir hier optimal nachverdichten, könnten wir Wohnraum für insgesamt etwa 24000 Einwohner schaffen. Dabei stellt sich natürlich grundsätzlich die Frage, wie weit Kolbermoor wachsen will und welchen Zuzug die Nachbargemeinden aufnehmen können. Das ist ein sehr komplexes Thema.

Die Schwaig war für Wohnraum und Gewerbe gedacht. Warum dauert es von der Idee über den Kauf des Areals im Jahr 2018 bis zur Umsetzung so lange?

Es gibt in diesem etwa sechs Hektar großen Gebiet drei wesentliche Herausforderungen. Die größte ist das Wasser – also das Hochwasser der Mangfall, das Grundwasser und das Niederschlagswasser. Die Schwaig war immer ein wichtiges Retentionsgebiet für die Mangfall. Wer das Hochwasser 2013 miterlebt hat, kann sich daran erinnern, dass die Fluten der Mangfall dort abgeflossen sind. Inzwischen wurden zahlreiche Hochwasserschutzmaßnahmen an der Mangfall umgesetzt. In Kolbermoor sind sie abgeschlossen. Und damit sind wir auch jetzt erst in der Lage, das Gebiet in der Schwaig zu entwickeln. Wir haben inzwischen auch Antworten auf die Frage, wie wir das etwa sechs Hektar große Gebiet so bebauen können, dass das Oberflächenwasser dort zurückgehalten wird, wo es entsteht. Eine weitere Herausforderung ist die verkehrstechnische Erschließung des neuen Gebietes von der Staatsstraße aus. Zudem brauchen wir eine gute Lösung für das gesunde Miteinander von Gewerbe und Wohnen.

Wird deshalb jetzt noch einmal alles „auf Anfang“ gestellt?

Nicht auf Anfang. Wir bauen auf den bisherigen Planungen auf, führen jetzt aber die Bebauungspläne „Wendelstein Ost“ und „Rasco“ zu einem Bebauungsplan „Gewerbegebiet am Rothbachlgraben“ (Nr. 91) zusammen. Ziel ist es, das bestehende Gewerbegebiet mit der Bayernwerk Netz GmbH, der Rofa Industrial Automation AG, der Cohu GmbH sowie dem Bauhof und Wertstoffhof der Stadt Kolbermoor als Einheit im Bebauungsplan „Gewerbegebiet am Rothbachlgraben“ parallel zum neuen Gelände im Planungsgebiet des Bebauungsplanes Nr. 90 Schwaig zu entwickeln. Der Bauausschuss hat das einstimmig befürwortet.

Warum ist das wichtig?

Weil die Entwicklung beider Gebiete zusammenhängt und sich gegenseitig bedingt. Die Schwaig kann verkehrstechnisch nur über die Geigelsteinstraße erschlossen werden, an der die genannten Gewerbebetriebe angesiedelt sind. Der Wertstoffhof braucht perspektivisch doppelt so viel Platz wie bisher. Für ihn brauchen wir Flächen in der Schwaig. Dann könnte sich auch unser Bauhof vergrößern und das bisherige Gelände des Wertstoffhofes mit nutzen. Gewerbeerweiterungen und -neuansiedlungen sowie das Wohnen in den Siedlungsgebieten im Westen müssen gut aufeinander abgestimmt sein. Die Entwicklung der beiden Planungsgebiete hängt also unmittelbar miteinander zusammen.

Was genau soll in der Schwaig entstehen?

Drei Dinge stehen fest. Wir brauchen einen neuen Wertstoffhof, damit eine Erweiterung unseres Bauhofes möglich wird. Wir wollen geförderten Wohnungsbau. Und wir wollen im Gewerbegebiet Platz für die Ansiedlung von Handwerksbetrieben schaffen. Da gibt es bereits sehr viele Anfragen. Doch an dieser Stelle kommen wir zu einer strukturellen Frage, nämlich ob wir Gewerbegrund verkaufen oder einen Handwerkerhof gründen wollen.

Warum ist diese Frage

so grundlegend?

Weil sich unsere Gesellschaft verändert hat. Vor zehn Jahren haben unsere Unternehmen händeringend darum gekämpft, Arbeitsplätze zu schaffen. Heute suchen die Unternehmen verzweifelt nach Fachkräften. Stellt sich also die Frage, ob Handwerker perspektivisch noch eigene Grundstücke brauchen und finanzieren können oder ob wir in ein kommunales Gründerzentrum investieren, in dem es eine zentrale Verwaltung für alle gibt, und die Handwerker selbst nur kleine, ihrem wirklichen Lager- und Werkstattbedarf entsprechende Flächen mieten. Ein solches Projekt schauen wir uns jetzt an, um dann in unserer Kolbermoorer Denkfabrik – das ist der Projektausschuss des Stadtrates, dem die Fraktionssprecher und Fachleute aus der Wirtschaft angehören – darüber zu diskutieren, wie die Schwaig entwickelt werden soll. Wir wollen neuen Gedanken Raum geben. Es gibt 1000 Fragen. Und das Ergebnis ist völlig offen, wird aber zu gegebener Zeit natürlich im Stadtrat öffentlich diskutiert werden.

Das kann allerdings
dauern…

Stadtentwicklung dauert, Aber wie gesagt. Es ist das letzte Grundstück, das wir überplanen können. Deshalb sollten unsere Ideen Zukunftspotenzial haben.

Interview: Kathrin Gerlach