Kolbermoor – „Wo man singt, da lass dich ruhig nieder – böse Menschen haben keine Lieder“ lautet ein altes Sprichwort. Doch ebenso wie der gesamtgesellschaftliche Zusammenhalt hat auch die Sangesfreude in den Jahren der Corona-Pandemie arg gelitten.
„Zeit wird es, dem etwas entgegenzusetzen“, dachte sich der Kirchenmusiker und Chorleiter Gerhard Franke, der jüngst seine beiden Kirchenchöre zur Chorgemeinschaft der Stadtkirche Kolbermoor vereinigt hat und nun auf der Suche nach neuen Sängerinnen und Sängern ist.
Freies Singen
ohne Vorkenntnisse
Da die Bereitschaft, sich sofort in einem festen Ensemble zu verpflichten, aber eher zurückhaltend ist, fand nun erstmals ein freies Singen und Kennenlernen in lockerem Rahmen statt. Für die Teilnahme an solch einer „Chorwerkstatt“ ohne Voranmeldung und Vorkenntnisse ist die Hemmschwelle offenbar deutlich niedriger, denn pünktlich um 19.30 Uhr hat sich bereits eine ansehnliche Schar im Pfarrsaal von Heilige Dreifaltigkeit versammelt.
Man kennt sich untereinander nicht, doch das Eis ist schnell gebrochen – mit „Winter ade“, dem bekannten Volkslied, das Franke ohne große Einführungsworte gleich anstimmt. Die anfängliche Zurückhaltung ist Geschichte und nach nur fünf Minuten wird schon zweistimmig gesungen, da die anwesenden Herren zügig in den einfachen Schusterbass einfallen. „Das geht ja schon sehr gut“, freut sich Franke und stimmt das Lied gleich noch zweimal höher an.
Zeit fürs regelmäßige
Proben ein Faktor
Weiter geht es mit einigen Vokalübungen, und so mancher Teilnehmer wundert sich, wie gut die zusammengewürfelte Gruppe nach kurzer Zeit schon zusammen singt. Andreas Duschl aus Kolbermoor beispielsweise hat sich zuvor noch nicht recht an das regelmäßige Singen herangetraut: „Meine letzte Chorstunde war in der Unterstufe des Gymnasiums, seither fehlt mir einfach die Zeit für regelmäßige Proben.“
Die ungezwungene Atmosphäre spricht den Familienvater, der seine Stimmlage eher als Bass verortet, besonders an. Inzwischen haben sich auch die Frauen – wie in den meisten Chören auch in der Chorwerkstatt deutlich in der Überzahl – nach hohen und tiefen Lagen sortiert und so geht es bereits dreistimmig ans nächste Lied „The Lion sleeps tonight“. Der hier recht virtuose Sologesang ertönt kurzerhand aus des Chorleiters Tablet, nach einiger Synchronisation mit der „Konserve“ gelingt den Sängerinnen und Sängern schon eine sehr achtbare, harmonische Begleitung.
Liedblätter oder Chorbücher sucht man in der Chorwerkstatt übrigens vergebens, denn mit der Ausnahme eines kleinen, mehrstrophigen Liedes zwischendurch werden die kurzen Sätze und Melodien grundsätzlich auswendig gesungen. „So kann man sich besser auf die Klangbildung konzentrieren“, sagt Franke, der im Übrigen der Meinung ist, dass jeder Mensch zumindest im Kindesalter grundsätzlich singen kann: „Was man daraus macht, hängt dann vom weiteren Training ab.“
Bewegungen helfen
gerade Anfängern
Regelmäßiges Singen kann also die ehemaligen Anlagen wieder wecken, was angesichts der Ergebnisse einer sehr dichten Stunde in der Chorwerkstatt auch für Laien durchaus plausibel erscheint. Dort geht es nun kosmopolitisch weiter mit einem Lied in einer der vielen, besonders vokalreichen afrikanischen Sprachen, die allerdings die Textsicherheit nicht gerade begünstigt. In heiterer Stimmung versucht man sich an der Aussprache und darf dabei natürlich die rechten Töne nicht vergessen. Doch auch dafür hat Gerhard Franke einen Trick parat: aktives Singen. Im Kreis aufgestellt und mit ein paar einfachen Arm- und Beinbewegungen ausgestattet gelingt das Lied schließlich sogar im Kanon.
„Diese simplen Anweisungen sind es oft, die besser wirken als lange Erläuterungen“, weiß Regina Rackl aus Erfahrung. Die Kolbermoorerin ist eigentlich ein alter Hase, singt schon seit Jahren im Kirchenchor und war Mitinitiatorin der Chorwerkstatt. „Aus meiner eher spontanen Idee hat unser Chorleiter gleich eine richtige Aktion gemacht“, berichtet sie und hofft, dass sich nun auch einige neue Mitglieder für die Chorgemeinschaft begeistern lassen.
Neue Chormitglieder
wurden gefunden
Und tatsächlich erkundigen sich gleich mehrere Teilnehmer am Ende des Abends nach den festen Proben, die nach den Faschingsferien immer dienstags um 19.30 Uhr im Pfarrsaal von Heilige Dreifaltigkeit stattfinden. Eine Teilnehmerin aus Bad Aibling, die über die OVB-Heimatzeitungen auf die Chorwerkstatt aufmerksam geworden ist, lobt die angenehme Atmosphäre und notiert sich gleich die Probenzeiten.
Nächste Werkstatt
startet am 16. März
Doch auch, wer sich (noch) nicht binden möchte, kann weitermachen: Bereits am 16. März um 19.30 Uhr soll es eine weitere Auflage der Chorwerkstatt geben, zu der dann ohne Voranmeldung wieder alle Interessierten eingeladen sind.
Mit der ersten Ausgabe kann Chorleiter Franke jedenfalls bereits sehr zufrieden sein und verabschiedet seine Gesangsgruppe mit „Der Mond ist aufgegangen“ hinaus in die Kolbermoorer Vollmondnacht.