Kolbermoor – „Wem das Herz voll ist, dem läuft der Mund über“. So heißt es in einer zum Sprichwort gewordenen Bibelstelle. Und dass das stimmt, war beim jüngsten Erzählcafé zu erleben. Während sonst die Teilnehmer immer ein klein wenig brauchen, bis sie in Erzählstimmung kommen, gab es diesmal schon Geschichten, da hatte die Veranstaltung noch kaum begonnen. Thema war der Fasching im Allgemeinen und die Tradition des Schäfflertanzes im Besonderen. Und die Auftritte der Schäffler – ob nah oder fern – natürlich von Anekdoten voll.
Auftritt 1991 im
französischen Nizza
Etwa eine Reise nach Nizza im Jahr 1991 im Rahmen eines Kulturaustausches. Vor den Auftritten gab es natürlich eine Stadtrundfahrt in einem dieser kleinen Züge, die man aus fast jeder größeren Stadt kennt, die Schäffler dabei schon in voller Montur.
Ein Haltepunkt der Rundfahrt ein alter Friedhof über der Stadt. Die Schäffler steigen aus, sehen sich um und erfahren dabei, dass an diesem Tag einer der Friedhofsangestellten seinen Ausstand feiert. Keine Frage: Zu seinen Ehren muss getanzt werden. Ein großes Hallo bei den Einheimischen, das mit einer Einladung zur Feier endet, was, wie am Mittwoch zu erfahren war, dem Festbuffet nicht gut bekommen sein soll.
Oder das Jahr 1977: Da war man mit der Panger Musik unterwegs, die am selben Tag noch auf einem Ball hätte spielen sollen. Leider „verhockten“ Schäffler und Musik derart, so erzählte Bürgermeister Peter Kloo, der damals schon dabei, aber noch nicht Schäfflermeister war, dass die Musik zum Ball erst um 22 Uhr statt um 20 Uhr eintraf.
Dabei hätte es die Schäffler da schon gar nicht mehr geben dürfen und Auftritte außerhalb Kolbermoors schon gleich gar nicht. Das meinten zumindest die Münchener Schäffler, die 1949, als die Kolbermoorer Schäffler ihre Tänze wieder aufnahmen, einen bitterbösen Brief geschrieben hatten: Jeder Auftritt sei ab sofort einzustellen, zumindest dürfe man diese nicht mehr als Schäfflertanz bezeichnen, könne sie vielleicht Würstl- oder Reigentanz nennen. Damals keine witzige, sondern eine durchaus ziemlich ernste Angelegenheit, die sich bis in die 50er-Jahre hinzog. Schließlich aber mussten die Münchner einräumen: Auch die Kolbermoorer Schäffler haben Tradition und damit eine Daseinsberechtigung.
Schäffler Kolbermoor
schon seit 1886 aktiv
Die Kolbermoorer Schäffler gibt es schließlich schon seit 1886, höchstoffiziell genehmigt durch Prinzregent Luitpold. Ein Kolbermoorer Gemeindeschreiber namens Bohl, ursprünglich aus München stammend, hatte die Idee dazu. Fasching, so erklärte Peter Kloo, war in der jungen Industriegemeinde eine der wenigen Vergnügungsmöglichkeiten für die Arbeiter, dementsprechend sollte da auch was geboten werden.
Und was ganz Wenige wissen: Weil die jeweils sieben Jahre Tanzpause eine lange Zeit ist, in der ja dann wiederum nichts stattgefunden hätte, schlossen sich einige der damaligen Schäffler zum „dramatischen Club Immergrün“ zusammen, die die tanzlose Zeit mit Theaterspielen überbrückten. Aus dem Theaterclub entstand dann der Trachtenverein Immergrün.
Trachtenverein und junge Industrieansiedlung wiederum sind nur aus heutiger Sicht ein Widerspruch, wie von Peter Kloo zu erfahren war: Die Trachtenvereine waren damals sehr politisch, im Grunde eine Protestbewegung der Knechte und Mägde, die darin eine Chance sahen, sich auch einmal schön anzuziehen und zum Tanzen zu gehen. Und dieses ursprüngliche Ansinnen der Trachtenvereine war durchaus deckungsgleich mit den Bedürfnissen der Arbeiter.
Traditionen werden
strengstens geschützt
Es ist also eine lange Tradition, auf die die Schäffler zurückblicken können und diese soll, so meint Peter Kloo und spricht da sicher auch für den ganzen Trachtenverein, auf keinen Fall aufgeweicht und verwässert werden. Deswegen wird man auch weiterhin streng am siebenjährigen Rhythmus festgehalten. „Es ist ja nicht zuletzt diese lange Pause, die den Schäfflertanz zu etwas ganz besonderem macht“, sagte Peter Kloo. „Keiner – weder von den Zuschauern noch von den Tänzern – weiß, ob er beim nächsten Mal noch dabei sein kann“.
Auch wenn das für Einzelne dann nicht mehr gilt – die Tradition als solche wird wohl ganz sicher überleben. Und deshalb ein anderes Schicksal haben, als die vielen Faschingsbälle, für die Kolbermoor einst durchaus berühmt war. Sie konnten an diesem „Schäfflerabend“ nur ganz kurz gestreift werden.
Da aber der bisherige Erfolg des Erzählcafés vermuten lässt, dass auch diese Einrichtung zu einer Art Kolbermoorer Tradition werden könnte, kann man das Thema Fasching ja vielleicht im nächsten Jahr noch einmal aufgreifen.