Kolbermoor – „Früher war irgendwie alles besser.“ Das ist schnell geseufzt, aber trotzdem falsch. Richtig ist immerhin, dass es einige Dinge aus der Vergangenheit gibt, die es wert wären, bewahrt zu werden. Zum Beispiel das soziale Engagement der Bezirksraucher-Sterbekassen-Vereinigung. Dazu muss man aber erst einmal den Namen erklären, denn der ist für den Laien doppelt irreführend.
Vereinigung des
Altlandkreises
Zunächst: Der Bezirk im Namen rührt daher, dass es sich hier um einen Zusammenschluss von fünf „Rauchclubs“ aus dem Altlandkreis Bad Aibling handelt mit den Orten Bad Aibling, Bruckmühl, Kolbermoor, Pullach und Unterheufeld. Mit dem Rauchen allerdings haben die Vereinigungen seit Langem nichts mehr zu tun, es stand jedoch immerhin am Ursprung dieser Zusammenschlüsse.
Tabak für den
genüsslichen Ratsch
„Am Ende des vorletzten Jahrhunderts“, so erzählt Anton Brenner, der heutige Vorstand der Bezirksvereinigung, „war es üblich, dass sich die Honoratioren der Orte – etwa Arzt, Apotheker oder Lehrer – trafen, um zusammen zu rauchen und miteinander über Gott und die Welt, vor allem aber auch den eigenen Ort zu disputieren.“
Damit der Tabak nicht ausging, wurde untereinander gesammelt, manchmal blieb dabei Geld übrig, und es bürgerte sich bald ein, damit jenen in der Gemeinde unter die Arme zu greifen, die gerade in Not waren. Frauen etwa, deren Mann überraschend gestorben war und die nun als Witwe vor der Aufgabe standen, sich und meist eine ganz Schar von Kindern allein durchzubringen. Diese Unterstützung wurde schnell zum eigentlichen Zweck der noch losen Vereinigungen, das Rauchen immer mehr zum Beiwerk, wenn es auch namensgebend blieb. Die Rauchclubs waren Gruppierungen zur örtlichen Selbsthilfe, bitter notwendig in einer Zeit, in der von dem, was wir heute unter sozialem Netz verstehen, noch keine Rede sein konnte. Die Beschreibung „Sterbekassenvereinigung“, die allmählich auftauchte, um den Bestimmungszweck der Verbünde zu beschreiben, war also im Grunde unzureichend: Es ging auch, aber eben nicht nur, darum, den Ärmeren in der Gemeinde ein würdiges Begräbnis zu ermöglichen. Immer damit verbunden war die Sorge um die Hinterbliebenen, das Bemühen um Unterstützung – und das nicht nur materiell, sondern auch menschlich.
Während das Sterbekassen-Element in den Gruppierungen, wie der Name schon andeutet, im Laufe der Jahrzehnte zusehends in feste Formen mit Statuten und Regeln gegossen wurde, blieb der große restliche Bereich der Unterstützung „frei“: geholfen wurde einfach dort, wo es nötig war, und mit den Mitteln, die der Bedarf gerade erforderte. „Noch in den Zeiten unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg war diese Art der unkomplizierten, schnellen Hilfe durchaus weit verbreitet“, erzählt Anton Brenner.
Feste Bestandteile
im Ortsgefüge
Die „Rauchclubs“ waren selbst noch in der Zeit des beginnenden Wirtschaftswunders ein fester Bestandteil im Ortsgefüge: Den Rauchclub kannte jeder, und für die meisten Bewohner in den Orten war es schlicht eine Selbstverständlichkeit, dort Mitglied zu sein. Zumal diese festen Punkte im Ortsleben durchaus auch Unterhaltung boten. Es gab Feste und gemeinsame Ausflüge, die so sehr nachgefragt waren, dass die Bezirksrauchervereine ganze Sonderzüge dafür chartern konnten.
Mit solch großen Ausflügen ist es seit etlichen Jahren vorbei. Der Vereinigung, der wegen dem dichter gewobenen sozialen Netz immer weniger neue Mitglieder zuwachsen, geht es wie einem Menschen: Sie wird älter und vieles von dem, was früher üblich und möglich war, dünnt langsam aus. Zwar steht es nach wie vor bestens um die Finanzen der Bezirksraucher-Sterbekassen-Vereinigung, und sie hat derzeit immer noch über 3000 Mitglieder – aber knapp 500 davon sind bereits über 80 Jahre alt.
Keiner will mehr
in den Vorstand
Das große Problem dabei ist aber noch nicht einmal das Alter der Mitglieder. Es ist die Tatsache, dass sich selbst unter den „Jüngeren“ kaum noch Mitglieder finden, die bereit wären, ein Amt in der Vorstandschaft zu übernehmen. Der Bruckmühler Ortsverein ist deswegen derzeit faktisch aufgelöst, die Geschäfte werden wohl dauerhaft von der Bezirksvereinigung übernommen. Eine Entwicklung, die mehr als schade ist, denn die Rauchclubs waren eben tatsächlich Bestandteile des Ortslebens, die fast alle Einwohner sammelten. Etwas, das nur wenige Vereinigungen von sich behaupten können.
Ein Quell der
Gemeinschaft versiegt
Gerade damit aber wurden vielfältige Aktionen möglich, nicht nur in Sachen unkomplizierter Hilfe, sondern auch ganz einfach Unternehmungen, die das Gemeinschaftsgefühl in den Orten förderten, dabei Alt und Jung zusammenbrachten. Hier nähert sich, ganz langsam, aber sicher, eine Einrichtung ihrem Ende entgegen, die es eigentlich wert wäre, bewahrt zu werden.