„Wird eine krank, fliegt uns alles um die Ohren“

von Redaktion

93 Kolbermoorer Kinder haben einen Rechtsanspruch, aber keinen Betreuungsplatz

Kolbermoor – Die Zahlen ändern sich täglich und sind heute noch ernüchternder als Anfang der Woche: Die Stadt Kolbermoor musste nicht 60, sondern 105 Familien eine Absage für das neue Betreuungsjahr ab September schicken. Darüber informierte Elisabeth Kalenberg, Geschäftsleiterin der Stadtverwaltung, auf der jüngsten Stadtratssitzung. Am 26. April, 19 Uhr, waren die Zahlen so: 16 Absagen für den Hort, 77 für den Kindergarten, zwölf für die Kinderkrippe. Wobei in der Krippe mehr Kinder einen Platz bekommen könnten, wenn die Familien nicht auf eine Wunscheinrichtung bestehen würden. Bleiben trotzdem 93 Kinder, deren Rechtsanspruch auf Betreuung nicht entsprochen werden kann. Dabei sind ausreichend Plätze vorhanden, zumindest nach der Betriebserlaubnis der Kolbermoorer Einrichtungen: insgesamt 915 Plätze, davon 170 in Kinderkrippen, 700 in Kindergärten und 45 im Hort. Das Problem ist das fehlende Personal. „Die Träger melden uns täglich den aktuellen Stand“, erklärt Karin Wallisch, in der Stadtverwaltung für Kindertagesstätten zuständig. Dazu gehören auch (wenige) positive Nachrichten: Denn vielleicht gelingt es den Trägern der Einrichtungen ja bis September doch noch, Personal zu finden und einzustellen. „Dann können wir den unversorgten Kindern möglicherweise noch einen Platz anbieten“, hofft Wallisch. Doch genauso muss auch mit dem gegenteiligen Szenario gerechnet werden, denn: „Wenn weitere Fachkräfte kurzfristig ausfallen, fliegt uns das ganze System um die Ohren“, macht Elisabeth Kalenberg klar.

Die Stadt hat darauf keinen Einfluss. Sie hat vorgesorgt, Geburten in einer Bedarfsplanung prognostiziert und entsprechende Kindereinrichtungen neu gebaut. Ausreichend Plätze sind da. Jetzt aber bleiben viele frei und Familien unversorgt, weil kein Personal da ist. „Es war seit Jahren ein Schwelbrand, der ignoriert wurde. Jetzt ist es ein riesiges offenes Feuer“, machte Bürgermeister Peter Kloo (SPD) darauf aufmerksam, dass Bundes- und Landesregierungen diese Situation seit Jahren nicht ernst genommen haben und sehendes Auges in die Katastrophe geschlittert sind. „Das ist ein Disaster, verursacht durch fehlgeleitete Politik und fehlende Wertschätzung für den Beruf“, machte Dagmar Levin-Feltz (SPD) ihrem Unmut Luft. Sie forderte, dass der Bund reagieren und dringend nach Lösungen suchen müsse, denn er habe nach dem Rechtsanspruch auf einen Kita-Platz ab dem ersten Lebensjahr inzwischen auch einen Rechtsanspruch auf Ganztagsbetreuung gesetzlich verankert, der ab 2026 in Kraft trete und das Probleme potenzieren werde.

Zugleich machte sie darauf aufmerksam, dass es nicht einmal Wirkung zeige, wenn die Eltern ihren Rechtsanspruch einklagen: „Die Plätze sind da. Eine Klage generiert kein zusätzliches Personal.“ Zwar könne man eine Entschädigung erstreiten, erklärte Bernhard Bystron (Grüne), der von einer Absage selbst betroffen ist. „Doch die zahlt am Ende auch wieder der Bürger selbst“, betonte Bürgermeister Kloo, denn: „Die Entschädigung müsste der Landkreis als Träger der örtlichen Jugendhilfe tragen. Wir zahlen aus den Steuern unserer Bürger und Unternehmen die Kreisumlage, die den Kreishaushalt speist.“

Leonhard Sedlbauer (CSU) fragte nach, wer über die Verteilung der „besetzbaren“ Kita-Plätze entscheide. „Die Träger der Einrichtungen“, informierte der Bürgermeister: „Nach sozialen Gesichtspunkten, auf Grundlage ihres Betreuungskonzeptes, der gewünschten Betreuungszeiten und der Betriebsvereinbarung.“

Andrea Rosner (Grüne) forderte eine Bildungsoffensive des Freistaates. Sie kennt den Fachkräftemangel aus dem Klinikalltag und hatte keinen ermunternden Vergleich: „Es wird 15 Jahre dauern, ehe wir die Versäumnisse in der Ausbildung aufholen.“ka

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