„Der Club 71“ war eine echte Institution

von Redaktion

Kolbermoorer erinnern im Erzählcafé an die bunte Gastronomielandschaft der Stadt

Kolbermoor – „Wenn man Euch so zuhört, könnte man meinen, Kolbermoor bestand vor allem aus Wirtshäusern“ meinte ein Besucher des letzten Erzählcafés in Kolbermoor. „Dem war auch so!“, rufen die anderen aus der Runde und machen sich sofort ans Aufzählen. Gute 30 Wirtschaften bringen sie auf Anhieb zusammen. Wieviel es im Jahr 1924 genau waren, hat man sogar amtlich.

4390 Einwohner und
neun Wirtschaften

Eine Besucherin, Margit Bauer, hat nämlich einen Bescheid dabei. Ihr Vorfahr, Fortunat Holzmayr, der in der Rainerstraße damals nur Kaffee, Wein und Spirituosen im Angebot hatte, stellte den Antrag, eine richtige Schankwirtschaft werden zu dürfen, mit „Ausschank von Weiß- und Braunbier“. Sein Gesuch wurde abschlägig beschieden, denn es lag, wie es hieß, kein Bedarf vor: Kolbermoor, das damals 4390 Einwohner zählte, verfüge „bereits über neun Gastwirtschaften, vier Schankwirtschaften, zwei Fabrikkantinen, eine Brauereiausschankstelle und drei Flaschenbierhandlungen“. Das Fazit des Bezirksamtes Aibling deshalb: „Diese große Zahl von Bierwirtschaften ist für die Gemeinde Kolbermoor in vollem Maße genügend.“ Dass es später, in den 60er-, 70er-Jahren dann doch mehr wurden, lag zum einen am Wachstum Kolbermoors, sowohl von den Einwohnern als auch von der Fläche her. Zum anderen lag es daran, dass man beim Erzählcafé auch „Wirtschaften“ zählte, die wirklich winzig waren. Etwa die von der Sigl Mama am Markholz – die bestand nämlich im Grund aus nichts anderem als ihrer Wohnküche. Nicht viel größer muss der Stanzenwirt in der Schlarbhofener Filzn gewesen sein. Nach Meinung der Gäste am Erzählabend dafür berühmt oder berüchtigt – je nach Sichtweise – , dass man dort auch sehr schnell sehr kurzfristige Bekanntschaften schließen konnte, um es einmal vorsichtig zu formulieren.

Wesentlich anständiger, aber durchaus zwischenmenschlich ging es dagegen im Club 71 zu. Der war von Pfarrer Glas gegründet worden, ein, wie Peter Kloo meint, für die damalige Zeit „äußerst fortschrittlicher Geistlicher“. Der wollte für seine Jugendlichen einen Treff schaffen, in dem der Konsum auch für junge Leute bezahlbar war, ganz im Gegensatz zu den aufkommenden Diskotheken. Und gleichzeitig einen Ort, in dem erste Kontakte zwischen den Geschlechtern sozusagen in einem gesicherten Rahmen stattfinden konnten. „Der Club 71 war eine echte Institution“, sagt eine der Teilnehmerinnen, denn dort ließen einen die Eltern eher hingehen, als in irgendwelche anderen Wirtschaften.

Wem das zu brav war, der ging ins Rialto. „Dort wusste man: Wenn man will, wird man aufgerissen“, sagte eine Besucherin. „Und Eis gab es natürlich auch.“ Auch sonst war das Rialto eine Art „In-Treff“, denn schließlich fand sich dort die erste Jukebox in Kolbermoor und ein Flipper obendrein. Übrigens gab es auch schon damals Autoposer. Zumindest einen. Mehrere Teilnehmer erinnern sich daran, wie ein Kolbermoorer mit seinem heißen Gefährt, der Erinnerung nach einem roten Mustang, die Rosenheimer Straße auf und ab zu brausen pflegte.

Damals war heile
Welt in Kolbermoor

Aus heutiger Sicht war das damalige Kolbermoor eine heile Welt. Manchen Zeitgenossen aber erschien es „laut, dreckig, chaotisch“. „Und war genau deshalb für uns, die wir damals jung waren, viel interessanter als das bürgerlich verschlafene Aibling“, wie Stadtmarketingchef Christian Poitsch betont.

Selbst die Schäffler hatten, wie es Bürgermeister Peter Kloo beschreibt, „einen durchaus berüchtigten Zufluchtsort“. Sie saßen nach einem Tag voller Tänze noch in Renates Bar zusammen, die sich im Keller des Milano befand. Bisweilen bis 3, 4 Uhr morgens. Und dennoch war die ganze Mannschaft ein paar Stunden später für die nächsten Auftritte vollständig und im ordentlichen Aufzug beisammen.“

Alltagsgeschichten
werden lebendig

Wie schon bei den bisherigen Veranstaltungen zeigte sich: Wenn sich eine Runde zum Erzählen trifft, kommt man vom Hundertsten ins Tausendste, weshalb an den Erzählcafé-Abenden Kolbermoors Alltagsgeschichte immer wieder in ihrer Vielfältigkeit lebendig wird.

Für die Veranstalter, Volkshochschule, Stadtbücherei und Stadtmarketing, ist es deshalb keine Frage, dass das Erzählcafé fortgesetzt wird, Themen, über die man reden kann, gibt es genug.

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