Kolbermoor – Es ist fast schon eine Plattitüde: Der Krieg in der Ukraine hat auch in Deutschland viele Karten neu gemischt, gerade hinsichtlich der Energieversorgung. Vor etwa zwei Jahren wären zu einem Vortrag über den Ausbau des Kolbermoorer Fernwärmenetzes wohl nur eine Handvoll Leute gekommen. Jetzt aber war der Sitzungssaal des Rathauses voll, gut 80 Bürger waren einer Einladung des Vereins „Energieberatung Kolbermoor“ gefolgt, um sich von Heiko Peckmann, Geschäftsführer der INNergie GmbH, informieren zu lassen.
Zwischenlösung für mindestens 50 Jahre
Und genau in diesem Wandel sozusagen über Nacht liegt auch Peckmanns Problem, denn: „Bis vor zwei Jahren stand es für alle, die im Energiesektor beschäftigt waren, völlig außer Frage, dass Erdgas sehr langfristig gedacht, zwar auch nur eine Zwischenlösung, aber für mindestens die nächsten 50 Jahre der Hauptenergieträger für die Wärmeerzeugung in Privathäusern sein wird.“
Die INNergie, so erläuterte Peckmann, habe sich sehr früh mit dem Aufbau von Fernwärmenetzen befasst. Schon seit 2014 sei man hier engagiert. Allerdings sei zu Beginn auch der Netzaufbau in Kolbermoor eher als Ergänzung zum Gasnetz gedacht gewesen. Eine Ergänzung, an der man kontinuierlich und mit durchaus viel finanziellem Einsatz arbeitete, um eine allmähliche Umstellung überall dort zu ermöglichen, wo es die Dichte der zu erwartenden Anschlüsse sinnvoll erscheinen ließ. Nicht aber als Sofortlösung.
Dann kam der russische Angriffskrieg auf die Ukraine, und binnen weniger Monate war nichts mehr wie vorher. Die Nachfrage nach Fernwärme stieg sprungartig. Eine Lösung für ganz Kolbermoor, das wurde in Peckmanns Vortrag deutlich, könne Fernwärme nicht sein, jetzt nicht und auch in Zukunft nicht. Der Aufwand für Planung und Bau ist von den Kosten her einfach immens, von den Schwierigkeiten, die mit der Trassenwahl verbunden sind, gar nicht zu reden. Zudem – und das ist ein Umstand, den auch Bürgermeister Peter Kloo immer wieder deutlich macht – sind an der INNergie acht Kommunen im Landkreis beteiligt. Hohe Investitionen schmälerten hier also nicht einfach einen Unternehmensgewinn, sondern gingen zu Lasten der Steuergelder aller Bürger. „Hunderttausende im Boden zu versenken, wenn damit nur ein paar einzelne Haushalte anzubinden sind, das ist nicht machbar“, so der Bürgermeister: „Nur wenn größere Anschlusszahlen möglich oder in nächster Zukunft erwartbar sind, ist die Investition vertretbar.“
Ganz grundsätzlich beschwört der Bürgermeister die Kolbermoorer, in Sachen Energieversorgung nicht in kopflose Panik zu verfallen. „Es wird weder heute noch morgen einer vor der Tür stehen und die Entfernung der Gasheizung fordern.“ Eine Sichtweise, die auch Thomas Ertl und Rainer Tschichholz am Herzen liegt. Der Klimamanager der Stadt Kolbermoor und der Erste Vorstand der Energieberatung Kolbermoor waren beide an dem Vortragsabend anwesend und betonten einhellig, dass Schnellschüsse bei der eventuellen energetischen Umrüstung eines Hauses fatal seien. Da sei zum Beispiel die grundsätzliche Frage, wie groß der Handlungsbedarf im Moment überhaupt sei. Eine noch gut funktionierende Bestandsheizung etwa nehme da bereits viel Zeitdruck. Zeit, die man einsetzen könne, um sich gründlich zu informieren: Etwa über die Frage, ob das Gebäude mit sinnvollem Aufwand energetisch zu optimieren ist und ob sich daraufhin möglicherweise Energiealternativen eröffnen – oder aber eben auch nicht.
Arbeitsbelastung
im Grenzbereich
Alle, die vielleicht schon jetzt – oder aber auch später – feststellen wollen, ob und wann mit einer Fernwärmenetzanbindung an ihrem Standort zu rechnen sei, bat Heiko Peckmann um aktive Teilnahme. Bei der INNergie sei man – wie alle anderen Energieanbieter auch – hinsichtlich der Arbeitsbelastung derzeit an der Grenze, nicht nur um den Ausbau der Netze voranzutreiben, sondern auch um alle Gesetzesänderungen der letzten Zeit bezüglich der Gaskosten-Abrechnung umzusetzen. Der Vertrieb könne deshalb nicht von sich aus so auf die Bürger zugehen, wie es in normalen Zeiten üblich war. Jeder, der sich aber über die Homepage selbst an die INNergie wende, werde aber so schnell wie möglich über den aktuellen Stand informiert und auch darüber, ob und wann es bei seinem Haus Chancen auf eine Anbindung gäbe.