„Die Seele der Stadt“

von Redaktion

Alte Spinnerei in neuem Glanz – Letzter Mosaikstein der Genussmeile

Kolbermoor – Vor 20 Jahren sahen viele Kolbermoorer nur im Abriss eine Zukunft für die Spinnerei. Kaum ein Mensch konnte sich vorstellen, dass aus den Ruinen des 1993 geschlossenen Unternehmens einst die Seele der Stadt werden würde. Jetzt wurde in historischem Ambiente der letzte Mosaikstein der Genussmeile „verlegt“. Am heutigen Samstag eröffnet die „Brasserie Turbinenhaus by Tim & Anton“. Am Donnerstag wurde die Fertigstellung der Genussmeile der Alten Spinnerei gefeiert. Eine gute Gelegenheit, sich an die Anfänge zu erinnern.

Hochverdichteter Wohnungsbau

„Wenn ich mir vorstelle, dass die ganze Industriebrache der Spinnerei weggerissen und durch einen hochverdichteten Wohnungsbau ersetzt werden sollte“, blickt Bürgermeister Peter Kloo zurück und berichtet vom Bürgerentscheid aus dem Jahr 2005. Damals befürworteten 75 Prozent der Bürger das Projekt von Klaus und Thomas Werndl. Und das bedeutete, dass der Spinnereiwald nicht in seiner Ursprünglichkeit belassen, sondern verändert werden durfte. „Die Werndls hatten mit der Restaurierung der Rosenheimer Kunstmühle gezeigt, welchen Charme wiederbelebte historische Gebäude ausstrahlen“, erinnert sich Kloo. Er war es, der 2003/04 das Interesse der Familie Werndl auf die historischen Wurzeln der Stadt lenkte, deren 160-jährige Geschichte eng mit der Baumwollspinnerei verknüpft ist.

„Es war ein mutiges Projekt, die alte Bausubstanz mit Schweröl- und Kohlekesseln oder alten Turbinen und vielen industriellen Kontaminierungen zu erhalten. Und kaum einer konnte sich damals vorstellen, was man beispielsweise aus einem 120 Meter langen Industriebau mit riesigen Geschossflächen anfangen sollte“, erzählt Kloo. Nach seiner Lehre war er, bis zu ihrer Schließung im Jahr 1993, als Elektromeister für die Stromversorgung der Baumwollspinnerei verantwortlich. „Im historischen Neubau waren alle Erdgeschossfenster zum Mangfallkanal hin als Schallschutz für die Weberei zugemauert worden“, erzählt er: „Was sollte man mit so einer Kiste machen?“ Während die meisten fürs „Plattmachen“ plädierten, hätten die Werndls in der historischen Bausubstanz eine Herausforderung gesehen, denn, so weiß der Bürgermeister: „So etwas kann man heute nicht mehr bauen.“

Überlegungen, dort das Rathaus in Form einer Marktstraße einzurichten, wurden aus Kostengründen ad acta gelegt: „Das hätte Charme gehabt, aber Landkreis und Bezirk wollten sich finanziell nicht beteiligen“, erzählt Kloo, der die damalige Entscheidung als persönliche Niederlage sah. Doch mit dem Ensemble aus Rathaus, Bücherei, Volkshochschule, Park und Gastronomie ist ein neuer, zusätzlicher Wohlfühlort für Kolbermoor entstanden. Und der historische Neubau der Alten Spinnerei ist heute das Domizil von Loftwohnungen, Gewerbe, Medizin und Gesundheit.

„2005 wurde in einem städtebaulichen Vertrag vereinbart, dass erst die alte Bausubstanz saniert werden muss, ehe im Bereich des Spinnereiparks gebaut werden darf“, informiert Kloo. „Wer heute das Areal besucht, sieht, dass die Bauherren Wort gehalten haben. Die Alte Spinnerei ist eine Erfolgsgeschichte.“ Mit riesigem Pflegeaufwand sei auch der Park, der viele Jahre nur dem Spinnereidirektor vorbehalten war, wieder urbar und mit Weiher, Spielflächen, Wegen und Grün allen Kolbermoorern zugänglich gemacht worden.

„Als wir die Spinnerei erworben haben, wussten wir, dass wie vier Elemente brauchen, um sie zu beleben: Einkaufen, Wohnen, Arbeiten und Genießen“, umreißt Klaus Werndl seine Philosophie. Der Einkaufs- und Servicemix aus Vollsortimenter, Modeketten, Boutiquen, Apotheken und Optikern wird gut angenommen. Und so als wäre es gestern gewesen, gibt Peter Kloo ein Gespräch wieder, das fast 20 Jahre zurückliegt: „Ich weiß noch genau, wie überzeugt Klaus Werndl damals war, dass die Gebäude der Spinnerei 100 Jahre lang Kolbermoorer Familien ernährt hatten und es auch weitere 100 Jahre tun würden.“ Inzwischen gebe es in der Alten Spinnerei weitaus mehr Arbeitsplätze als 1993, als die Spinnerei ihre letzten 350 Mitarbeiter über einen Sozialplan ausstellte, ist Bürgermeister Peter Kloo überzeugt, der einer von ihnen war.

Die ersten Wohnungen entstanden im historischen Neubau und am gegenüberliegenden Kanalufer. Auch vier der Y-förmigen Wohngebäude im Spinnereipark und ein Wohngebäude an der Conradtystraße sind schon bezogen. 23 Wohnungen und eine neue Kindertagesstätte für die Stadt sind aktuell im Bau. Im Juli 2024 sollen 74 „Wollmäuse“ in die neue Kita einziehen. Seit Beginn der Revitalisierung der Alten Spinnerei haben sich die Baukosten enorm verändert. „Im historischen Neubau haben wir vor zwölf Jahren noch für 3000 Euro pro Quadratmeter gebaut“, informiert Max von Bredow, Geschäftsführer der Quest Baukultur GmbH. „An der Conradtystraße 4 haben wir Anfang 2022 mit dem Bau begonnen und liegen daher noch bei einem Quadratmeterpreis von 7600 Euro“, so Projektleiterin Sophie Pfaffinger. Inzwischen sind die Preise weiter bergauf geklettert: „Wer heute mit dem Bau beginnt, muss 8000 Euro pro Quadratmeter veranschlagen.“

Im Frühjahr sollte der Spatenstich für zwei weitere Wohnhäuser – C 3 und Y 4 – erfolgen. Aufgrund der angespannten Wirtschaftslage sind sie derzeit in der Warteschleife. Die für den westlichsten Bereich des Spinnereiparks angedachten Gebäude – Y 5 und C 4 – wurden ebenfalls auf Eis gelegt.

Das einstige Garnmagazin als „Schlussstein“ der Alten Spinnerei wird gerade für Gewerberäume und Wohnungen umgebaut. Dabei sollen auch das ehemalige Zufahrtstor geöffnet und eine neue Brücke über den Triebwerkskanal geschlagen werden, um Süden und Norden der Stadt miteinander zu verbinden.

Mit der Akademie der Bildenden Künste, die 2014 auf Initiative der Familie Werndl im einstigen Verwaltungsgebäude der Spinnerei gegründet wurde, konnte sich Kolbermoor auch als künstlerisches Zentrum etablieren, das sich im Umfeld vieler freier Kunstschulen im süddeutschen Raum und großer staatlicher Akademien der Bildenden Künste behauptet.

„Darauf bin ich besonders stolz“

Doch das Herzstück der Alten Spinnerei ist die „Energiezentrale“ aus Kessel- und Turbinenhaus. An die Geburt der Idee, aus dem Kesselhaus eine besondere Eventlocation zu machen, kann sich Bürgermeister Kloo noch genau erinnern: „Das Kesselhaus mit dem alten Dampfkessel und das Turbinenhaus mit dem alten Kamin waren nichts mehr wert. Keiner konnte sich vorstellen, dass es stehenbleibt, aber Klaus Werndl hat gerade das besonders gereizt.“ Heute, so sagt Kloo, ist es „die Seele der Stadt.“ Und sollte ursprünglich direkt am Kesselhaus der Wohnbau anschließen, habe sich Klaus Werndl für die Gestaltung eines weitläufigen Rosengartens stark gemacht, damit Kessel- und Turbinenhaus besser wirken.

„Vor Jahren hätte wohl keiner gedacht, dass er mal nach Kolbermoor zum Feiern kommen würde“, sagt Bürgermeister Kloo lachend. 2008 begründeten Klaus Werndl und Giuseppe Tedesco die Genussmeile. „Damals haben wir es nach unseren Vorstellungen bestmöglich gemacht“, sagt Werndl. „15 Jahre und viele Erfahrungen später haben wir das Konzept verfeinert, Kessel- und Turbinenhaus zu neuem Glanz verholfen.“

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