Kolbermoor – Die Bayernwerk Netz GmbH wird förmlich überrannt. Mit der Energiekrise hat sich die Zahl der Anschlussanfragen für Erneuerbare-Energie-Anlagen innerhalb eines Jahres mehr als verdoppelt. Bayernweit werden mehr als 10000 Anfragen pro Monat gestellt. Im Versorgungsgebiet des Kundencenters Kolbermoor – dazu gehören die Landkreise Rosenheim, Traunstein und Miesbach mit 55 Kommunen – gehen monatlich etwa 300 Anfragen ein. Die Antragsflut führt zu längeren Warte- und Bearbeitungszeiten, doch das Unternehmen sucht nach Lösungen. Welche Hürden die Bayernwerk Netz GmbH für den Netzausbau nehmen muss, erklären Gazmend Kryeziu, Leiter des Kundencenters Kolbermoor, und Silke Mall, Leiterin Kommunalmanagement Oberbayern, im Interview.
Warum haben sich die Bearbeitungszeiten für Anschlussanfragen für Erneuerbare-Energien-Anlagen verlängert?
Gazmend Kryeziu: Die Flut von Anschlussanfragen, die wir seit Ende 2021 mit dem Anschlussboom bayernweit erleben, ist eine Riesenherausforderung, die uns in vielerlei Hinsicht fordert. Doch: Wer den Ausbau der erneuerbaren Energien will, muss auch an das Netz denken. Denn Stromverteilnetze sind das Rückgrat der Energie- und Klimawende. Ohne sie als Energieinfrastruktur können PV-Anlagen keinen Strom einspeisen, Elektroautos nicht geladen werden und Wärmepumpen nicht heizen.
Beim Bayernwerk und auch am Standort Kolbermoor haben wir bereits reagiert und beispielsweise Prozesse schneller gemacht, Bearbeitungsschritte automatisiert, Personal aufgebaut oder Arbeitszeiten flexibilisiert. Das sind konkrete Schritte, um die politischen und gesellschaftlichen Ziele gemeinsam zu erreichen und die Wartezeiten für Anlagenbetreiber zu verkürzen. Parallel dazu suchen wir weiter nach Fachkräften aus dem Bereich Elektrotechnik, um unser Team von derzeit 80 Mitarbeitern zu verstärken.
Sind ausreichend Netzkapazitäten da, um den Strom aller neu geplanten Anlagen einzuspeisen?
Gazmend Kryeziu: Grundsätzlich erhält jeder Antragsteller von uns einen Netzverknüpfungspunkt, der bis zur tatsächlichen Errichtung der Anlage reserviert wird. Voraussetzung ist eine verbindliche Prüfung der Netzverträglichkeit. Wir berechnen für jede einzelne Anfrage den technisch-wirtschaftlich optimalen Verknüpfungspunkt und reservieren die entsprechende Netzkapazität.
Mit geringer werdenden freien Kapazitäten kommt es in manchen Netzgebieten jedoch zu längeren Strecken bis zum nächsten Netzanschlusspunkt, was Einfluss auf die Wirtschaftlichkeit eines Projekts haben kann.
Da bayernweit etwa 90 Prozent der zugesagten Reservierungen letztlich nicht realisiert werden, stehen wertvolle Netzkapazitäten für andere Projekte zwischenzeitlich nicht zur Verfügung. Das Netz ist sozusagen virtuell verstopft.
Wie lässt sich
dieses Problem lösen?
Silke Mall: Man muss sprichwörtlich die Spreu vom Weizen trennen, um eine höhere Realisierungsquote bei reservierten Netzkapazitäten zu erreichen. Die Bayernwerk Netz hat sich mit einem Zehn-Punkte-Plan an Bayerns Staatsregierung gewandt. Darin zeigen wir Hemmnisse aus der täglichen Praxis auf und bieten konkrete Lösungsvorschläge an. Ein erster Erfolg ist die Umstellung des Antragsverfahrens. Voraussetzung für die Berechnung eines verbindlichen Netzverknüpfungspunkts für eine neue Anlage ist jetzt die Vorlage von konkreten Projektunterlagen oder einem Aufstellungsbeschluss.
Um sich unverbindlich und tagesaktuell über verfügbare Netzverknüpfungen zu informieren, dient eine neues Online-Angebot, die „Schnelle Netzanschlussprüfung“ (SNAP). Das ist eine interaktive Karte für Anlagenplaner, um mit der Angabe von Leistung und Ort erkennen zu können, wo sich voraussichtlich der nächste Netzverknüpfungspunkt befindet. Diese Prozessanpassung bezieht sich auf größere Anlagen wie Freiflächen-PV, nicht auf Haushaltskunden und Hausanschlüsse.
Wird die Energiewende nicht verlangsamt, wenn man erst auf die behördliche Genehmigung einer Enerneuerbare-Energie-Anlage warten muss, ehe man erfährt, ob dafür überhaupt ausreichend Netzkapazität da ist?
Silke Mall: Genehmigungsverfahren können lange dauern, das stimmt. Das ist nicht nur ein Problem für private Investoren, sondern auch für uns als Netzbetreiber. Um das gesellschaftliche Ziel eines klimaneutralen Freistaats bis 2040 zu erreichen, müssen sich die Rahmenbedingungen für Netzbetreiber verbessern. Beispielsweise dauern Genehmigungsverfahren für Hochspannungsleitungen und Umspannwerke viel zu lange und sind bürokratisch aufwendig. Deshalb unterstützen wir die Initiative der Bayerischen Staatsregierung. Sie hat eine ministeriumsübergreifende Task-Force zur Umsetzung schnellerer Genehmigungsprozesse sowie des Leitungs- und Umspannwerkausbaus eingerichtet. Die Energiewende kann nur in der Verantwortungsgemeinschaft aus Gesellschaft, Politik und Energieversorgungsunternehmen gelingen.
Welche Rolle spielen
die Bürger in der gesellschaftlichen Verantwortungsgemeinschaft für die Energiewende?
Silke Mall: Eine hohe Akzeptanz in der Gesellschaft und die aktive Beteiligung der Bürger in den Regionen ist entscheidend für das Gelingen der Energiewende. Aufgrund der vielen Anschlussanfragen kann man den ländlichen Raum als grünes Kraftwerk Bayerns bezeichnen.
Doch es gibt Menschen, die die Energiewende zwar generell befürworten, den erforderlichen Ausbau der Infrastruktur jedoch kritisch sehen. Insbesondere wenn er vor der eigenen Haustüre stattfindet. Deshalb würden wir eine gemeinsame Akzeptanzkampagne von Politik, Energiewirtschaft, Industrie, Kommunen und Verbänden begrüßen, um den Leitungsbau und den Erwerb von Grundstücken für Umspannwerke oder Trafostationen zu beschleunigen.
Wieso ist der Ausbau
von erneuerbaren
Energien so stark vom Netz abhängig?
Silke Mall: Die Energiewende findet im Verteilnetz statt. Ein Großteil der Erneuerbare-Energie-Anlagen, wird an das regionale Stromverteilnetz angeschlossen. Perspektivisch sollte eine regionale Stromerzeugung und -vermarktung zum Ziel haben, dezentrale Energien vor Ort zu nutzen oder zu speichern. Momentan wird in Phasen von Einspeisespitzen regional erzeugter Grünstrom ins europäische Verbundnetz abgegeben, um wenig später bei Abnahmespitzen Strom wieder in die gleiche Region zu importieren. Die bessere Lösung wäre, wenn der Ausbau dezentraler Energien mit der erzeugungsnahen Installation von Speichern enger verbunden wäre.