Atemlos in Vancouver

von Redaktion

Sechs Aiblinger Berufsschüler sammeln an Partnerschule in Kanada Erfahrungen

Bad Aibling – Allein die Größe des British Columbia Institute of Technology (BCIT) von Vancouver, mit dem die staatliche Berufsschule Bad Aibling die kommenden drei Jahre zusammenarbeitet, sprengte die Vorstellung der Delegation aus Bad Aibling: Es besteht aus fünf Campussen. „Einer ist schon so groß wie bei uns die Dörfer. Man braucht schon mal 15 Minuten, um von A nach B zu kommen“, berichtet Benedikt Croce (20).

2000 Lehrer für
45000 Berufsschüler

Während an der Berufsschule in Bad Aibling rund 40 Lehrkräfte insgesamt circa 1000 Schüler unterrichten, sind am BCIT 2000 Lehrer für 45000 Schüler eingeteilt. „An der Westküste gibt es eigentlich nur Vancouver als große Stadt, von daher ist der Einzugsbereich riesig“, wissen die Aiblinger.

Besonders beeindruckend war für die Berufsschüler der „Heavy Duty Technology Campus“ und der Aerospace Technology Campus, der sogar über einen eigenen Hangar mit Flugzeugen verfügt. In Simulatoren konnten sie Bagger und weitere Baumaschinen steuern. „Wir bekamen dort hautnah Einblicke in die Instandhaltung von Hubschraubern, Turbinen, Motoren und Baufahrzeugen“, sagt Martin Friedrich (32). „Die Hallen sind riesig, dort können die Studenten an 20 Motoren parallel arbeiten“, fügt Benedikt Croce hinzu.

Praktisch arbeiten
wie die Kanadier

Die beiden Feinwerkmechaniker mit Ausrichtung Maschinenbau sowie die Industriemechaniker Lukas Nusser, Louis Huber, Enrico Dormann und Benedikt Langzauner, die von ihrem Lehrer Helmut Kotter begleitet wurden, bekamen eine Menge Gelegenheit zum praktischen Arbeiten. Einer der Höhepunkte: In Teams designten sie jeweils einen Truck nach vorgegebenen Rahmenbedingungen. Dabei wurden je zwei Aiblinger Schüler drei kanadischen Schülern zugelost. „So fand von der ersten Stunde an ein wertvoller Austausch zwischen den Schülern statt“, beobachtete Helmut Kotter. „Zuerst haben wir den Truck zusammen als 3D-Modell konstruiert. Danach haben wir mittels der 3D-Modelle Programme für die Fräs- und Drehbearbeitung erstellt“, berichten die Berufsschüler.

Laut Kotter mussten sich die Schüler für die Fertigung der Fräs- und Drehteile in die fremde Steuerung der Maschinen einarbeiten. Dieses Thema sei eine echte Herzensangelegenheit gewesen und so hätten sich die Teams richtig ins Zeug gelegt. „Beim Showdown am Ende der Woche wurden unsere Autos nach ihrer Fahrtauglichkeit, ihrem Design und ihrer Konstruktion bewertet und bei einem gemeinsamen Mittagessen die Sieger geehrt“, berichten Martin Friedrich und Benedikt Croce immer noch begeistert.

Überhaupt sei der Unterricht am BCIT sehr viel projektbezogener, haben sie festgestellt. Im dualen Ausbildungssystem in Bad Aibling sind die Berufsschüler dreieinhalb Tage in ihrem Betrieb und eineinhalb Tage pro Woche im Mittel an der Berufsschule, davon drei Stunden allgemeinbildend (Religion, Deutsch, Politik und Gesellschaft).

In Vancouver herrsche eine andere Unterrichtsdichte: Die Schüler seien für vier Monate am Stück in den Kursen – in zwei Schichten (entweder vormittags oder nachmittags) an fünf Tagen pro Woche. „Hut ab vor dem straffen Programm“, meint Martin Friedrich. Die intensive Nutzung aller Einrichtungen rechtfertige das hohe Förderbudget seitens des Staates, fügt Helmut Kotter hinzu. So verfüge das BCIT sogar über eine eigene Medienabteilung für Präsentationen und Podcasts. Es gebe ein Tonstudio und eine digitale Plattform; auch Lehrvideos würden hier produziert.

Beeindruckend auch die Begegnung mit dem deutschen Generalkonsul vor Ort, der die Gäste nach ihren Erfahrungen und den Unterschieden in der Ausbildung fragte. „Er sieht uns als Speerspitze im Bildungsaustausch zwischen Deutschland und Kanada“, freuen sich die Schüler und ihr Lehrer. Sie bestätigen: „Vielen ist nicht bewusst, dass man als Meister sehr gutes Geld verdienen kann, dass man flexibel und breit aufgestellt ist.“

Der Generalkonsul wisse um die Qualität der deutschen Bildung und habe erklärt, es gelte die Facharbeiter- und Weiterbildung zu stützen, da sonst eine starke Säule im Arbeitsmarkt wegbreche. Zu den beruflichen Eindrücken kamen für die sechs Berufsschüler noch die Erlebnisse in ihrer freien Zeit, in der sie versuchten, so viel wie möglich zu erkunden. „Wir hatten das Glück, in der Vormittagsschicht im Unterricht zu sein. So hatten wir danach Freizeit. Wir haben viel von der Stadt gesehen, waren auch in Whistler und Squamish, in vielen Naturschutzgebieten, beim Wandern, Klettern und Schwimmen. Das Highlight aber war das mittlere Wochenende auf Vancouver Island“, schwärmen Friedrich und Croce vom gemeinsamen Fischen, Lachs zubereiten und dem Weißkopfseeadler, der neben ihnen auf Nahrungsfang war.

Einzigartige Eindrücke und Begegnungen

„Diese einzigartigen Eindrücke, eine fremde Großstadt, der Empfang beim deutschen Botschafter und all die Konversationen auf Englisch förderten die Persönlichkeitsentwicklung der Schüler enorm“, so das Fazit von Helmut Kotter. Das bestätigt Martin Friedrich: „Mich haben die zwei Wochen sehr vorangebracht, es war ein Anstoß, eine wertvolle Erfahrung. Wir haben auch gesehen, welche Chancen es dort gibt, haben einen anderen Blickwinkel auf Ausbildung und Beruf vermittelt bekommen. So eine Chance bekommt man nicht so oft.“

„Azubis sind
heiß umworben“

Die Berufsschüler schätzen auch sehr, dass sie in Deutschland vom Arbeitgeber bezahlt werden, während sich in Vancouver zwar einige Ausbildungsbetriebe an den Kosten beteiligen würden, die Schüler diese aber sonst privat finanzieren müssen. Dass man als deutscher Facharbeiter sehr anerkannt ist und Azubis heißumworben sind, haben sie ebenfalls vermittelt bekommen. Auch Benedikt Croce kann sich ein Auslandssemester nun gut vorstellen. Alle Teilnehmer haben ein Zertifikat bekommen – „eine weitere Perle in ihrem Lebenslauf“, wie Helmut Kotter sagt.

Die Partnerschaft

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