Zeitzeuge erinnert sich an die Anfänge

von Redaktion

Kolbermoorer Siedlung feiert 90-jähriges Jubiläum – Siedlungsfest 18. bis 20. August

Kolbermoor „Hier war nichts als Moor, Heidekraut und ein paar Birken“, erzählt Franz Leithner. Kurz nach Ende des Zweiten Weltkrieges herrschte in Kolbermoor Armut und Wohnungsnot. Und so wurde dem Hochmoor im Norden Kolbermoors ab 1949 die zweite, die neue Siedlung abgerungen. Unter den ersten acht Häuslebauern war auch Thomas Leithner mit seiner Frau und den fünf Kindern – eines davon war Franz.

Mit 47 Tagwerk
Ödland fing es an

Die Weichen für dieses mutige Projekt stellte Ludwig Prager, der Vater des Kolbermoorer Siedlungsgedankens, schon viele Jahre zuvor. 1931 hatte er sich um Grundstücke für Siedlungswillige bemüht und das Tonwerk um „47 Tagwerk Ödland“ gebeten. Ein Tagwerk hatte in Bayern damals etwa 3000 Quadratmeter. Ziel war es, in der schweren Wirtschaftskrise Wohnungsnot und Arbeitslosigkeit zu lindern, wie Franz Schrank in der Chronik des Siedlungsvereins berichtet. Aber auch der Hungersnot sollte mit der Möglichkeit zu Kleintierhaltung, Obst- und Gartenbau begegnet werden.

1934 entstanden die
ersten acht Häuser

Die Gemeinde übernahm damals die Trägerschaft des Projekts. Doch bevor gebaut werden konnte, musste das Hochmoorgebiet mit Drainagen und Vorflutern entwässert werden. 1934 entstanden die ersten acht Häuser der Alten Siedlung, kurz darauf weitere 23. Auch für eine zweite Siedlung gab es damals bereits Planungsentwürfe der Baumwollspinnerei, doch die versandeten in den Wirren des Zweiten Weltkrieges.

1946 wurden sie auf Initiative von Ludwig Prager wieder aufgegriffen. Krieg und Vertreibung hatten zahlreiche Flüchtlinge nach Kolbermoor gespült. Arbeiter zogen in die Stadt, um ihre Familien zu ernähren. Für etwa 5000 Familien fehlte der Wohnraum, heißt es in der Chronik.

Baumwollspinnerei
stellt Land bereit

Rudolf Hausenblas, der damalige Direktor der Baumwollspinnerei, unterschrieb 1946 die Verträge für die neue Siedlung. Doch erst zwei Jahre später erhielten die Siedler ihre Grundstücke. Erst gab es Reibereien wegen des Bebauungsplanes, denn Architekt Erich Guhmann hatte Einzelhäuser geplant. Die Obere Siedlungsbehörde aber bewertete das als „unsozial“ und forderte aufgrund der Wohnungsnot „erdgeschossige Doppelhäuser mit ausgebautem Dachgeschoss und zwischengeschaltetem Schuppenteil“. Doch die Siedler setzten sich schließlich durch. Im Jahr 1947 wurde die „Ortserweiterung mit Einzelbebauung“ beschlossen. Doch dann fehlten Vermesser und Notare, weil die deutschen Beamtenstuben entnazifiziert wurden. 1948 schließlich unterzeichneten die ersten acht Bewohner der neuen Siedlung ihre Kaufverträge – darunter auch Thomas Leithner. „Wir mussten die Grundstücke erst einmal roden, kalken und trockenlegen. Das hat fast zwei Jahre gedauert“, beschreibt Sohn Franz den enormen Kraftakt. Torf sei aus der Baugrube gestochen und mit Loren abtransportiert worden. Und so wurde eine Baugrube nach der anderen ausgehoben, ein Haus nach dem anderen gebaut. Und alle packten mit an.

„Das war eine tolle Gemeinschaft“, erinnert sich der 89-Jährige. „Wir haben eine Schalung für alle Keller gezimmert“, erzählt er. Das Holz kam aus dem Sägewerk, „das dort war, wo heute der Sportplatz ist“. Die Baustoffe wurden mit dem Pferdewagen angeliefert. Für den Beton gab‘s die Betonmaschine. „Da wurden Sand und Zement reingeschaufelt und gemischt. Das Wasser haben die Frauen reingekippt“, erzählt Franz Leithner, der damals 19 Jahre alt war. „Auch die Betonstürze für Türen und Fenster haben wir selbst gegossen.“

Wer ausreichend Geld hatte, konnte neben den Fundamenten auch schon die Bodenplatte betonieren. „Wir haben sie erst einmal aus Kies gemacht und zehn Jahre später betoniert.“ So bauten die neuen Siedler die ersten acht Häuser: für die Familien Reheis, Leithner, Salzinger, Krause, Hellauer, Kramer und Grünleitner. „Bei den nächsten acht Häuslebauern war dann schon mein Großvater Thomas Wagner mit dabei“, berichtet Christian Wagner, der heute in dritter Generation in der neuen Siedlung lebt und den 90-jährigen Siedlungsverein leitet.

Die Bauherren haben damals alles noch selbst gemacht. „Vater und ich waren beide Zimmerer“, erklärt Franz Leithner. „Wir haben Kieferböden gelegt, die Kellerfenster gebaut, man hatte ja kein Geld.“ Durch das Grundstück zog sich ein offener Meliorationsgraben, der das Wasser in den Vorfluter leitete.

Kein Bad, aber
eine Waschküche

„Damals hatten die Häuser noch kein Bad, nur eine Waschküche im Keller. Da wurde gebadet, und da wurde die Sau geschlachtet“, erinnert er sich. Ab 1952 lebte die Familie Leithner mit ihren fünf Kindern im eigenen Häuschen. Auf dem 2000 Quadratmeter großen Grundstück hielten sie „zwei Schweine, sechs Ziegen und 20 Hühner“, weiß der 89-Jährige noch genau. Auch Obst und Gemüse wurden angebaut. „Überall im Garten waren Erdmieten, also Vorratsgruben, um die Ernte zu lagern.“ 1962, mit 29 Jahren, zog Franz zu seiner Frau Lydia. 1967 kehrte er mit ihr in die Siedlung zurück. Er lacht und erzählt: „Damals hatten wir ein Zimmer mit Balkon.“

„Eine bewegte Zeit“ hat er in den 56 Jahren erlebt, die er nun an der Rudolf-Hausblas-Straße wohnt. Er erinnert sich an Handel und Wandel. „In der Siedlung gab‘s den Kiosk vom Milli-Wagner, einen Bäcker, einen Metzger und dort, wo heute der Friseur ist, war einst ein Lebensmittelgeschäft.“

Sieben Kinder hat Franz mit seiner Frau großgezogen, 28 Jahre lang einen Onkel gepflegt, als Schreiner, Schankanlagenbauer und Kühltechniker gearbeitet, Musi gemacht, sich als Theaterer bei den „Mangfalltalern“ engagiert und immer ehrenamtlich im Siedlungsverein geholfen.

Gemeinschaft wurde bei den Siedlern von Beginn an großgeschrieben – beim Arbeiten und beim Feiern. Nach vielen kleinen Sommerfesten fand 1986 das erste große Siedlerfest „zusammen mit den Haserern“ statt. Meist stand Franz Leithner mit seiner Lydia hinter dem Grill, kümmerte sich um Geschirr, Spülmaschine, Kühlschrank und Bierleitung. Aber Franz bewirtete auch die Gäste und wurde von „der Kramerin, der Fellnerin und der Ganserin“ oft zu einem doppelten Schnaps verführt.

„Wir haben wirklich schön gefeiert. Unsere Gemeinschaft war das Höchste“, sagt Leithner mit ein bisschen Wehmut, denn heute ist er einer der wenigen Zeitzeugen der Entstehung dieser Vorstadtsiedlung. „Aber Berta, Fini und Erich sind auch noch da“, zählt er an einer Hand auf. Alle sind sie um die 90, so wie Franz.

Gegartelt wird auch
mit 90 Jahren noch

Sein Grundstück hält er auch im hohen Alter noch in Schuss. Der Rasen ist englisch kurz. Die alten Obstbäume im Vorgarten tragen pralle Früchte. Und natürlich gartelt er gemeinsam mit seiner Tochter Gabi auch noch und baut Gemüse an: „Gurken, Salat und Petersilie – alles, was man eben so braucht.“ Nebenbei ist er täglich ab drei auf seinem Taxer-Voglrieder-Freizeitgrundstück, mäht mit dem Bulldog aus dem Jahre 1962 die Wiesen und fühlt sich verantwortlich dafür, dass auf allen 45 Parzellen die Freizeit im Einklang mit der Natur steht.

Am Wochenende vom 18. bis 20. August steht das Siedlerfest anlässlich des 90-jährigen Jubiläums des Siedlervereins an. Franz Leithner wird dabei sein, auch wenn er seine Frau Lydia seit vier Jahren nicht mehr an seiner Seite hat, und auch wenn er nicht mehr alle kennt, so wie einst.

Enkel und Urenkel
setzen Tradition fort

Heute sind es vor allem die Enkel und Urenkel, die die Tradition ihrer Familien weiterführen, die Gemeinschaft erhalten und ihren „Stadtteil“ beleben. Vereinsvorsitzender Christian Wagner ist der Enkel eines der Häuslebauer. Sein Stellvertreter Jürgen Stadler ist der Urenkel von Ludwig Prager, dem Pionier und Wegbereiter der Alten und Neuen Siedlung. Und Ausschussmitglied Michael Glas ist als Schwiegersohn von Chronist und Ehrenvorsitzendem Franz Schrank zugleich Familienangehöriger des einstigen Häuslebauers Franz Schrank.

Reingewinn fließt
in Geräteschuppen

„Seit etwa sechs Jahren haben wir wieder so viele Mitstreiter im Verein, dass wir Zeltaufbau, Bestuhlung, Bewirtung und die ganze Arbeit im Hintergrund unseres Sommerfestes allein bewältigen können“, sagt Christian Wagner zufrieden. Der Reingewinn des Festes fließt in den Geräteschuppen der Gemeinschaft. Hier stehen unter anderem schon Pavillons, Biertischgarnituren, Kühlschränke, Betonmaschine, Gerüst, Gartengeräte und eine Rüttelplatte. „Von unserem Geräteverleih profitieren alle Siedler“, so Wagner. „Das Angebot wird sehr gut angenommen.“ Die Gemeinschaft funktioniert auch nach 90 Jahren noch.

Programm zum 90-jährigenBestehen des Siedlungsvereins

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