Kolbermoor – Wer kennt nicht das Gefühl, dass das Leben an einem vorüberzieht. Immer mehr Krisen machen Existenzangst. Wachsende Unsicherheit zehrt an den Kräften. Das Gedankenkarussell steht nicht mehr still. „Es ist an der Zeit, sich auf Mutter Natur zurückzubesinnen“, sagt Renate Kumberger. Die 33-jährige Kolbermoorerin vertraut darauf, „dass wir uns auf unseren Körper, unsere acht Sinne und unsere Atmung verlassen können und die Natur uns Menschen hilft“.
Reise zu sich selbst und zu innerer Ruhe
Im Wald hat die 33-jährige Kolbermoorerin den Ort gefunden, an dem sie zur Ruhe kommt und ganz bei sich sein kann. Seit der Corona-Krise frag sie sich, ob ihr Weg nicht auch anderen helfen könnte. Jetzt hat sie sich entschlossen, geführte Achtsamkeitswanderungen anzubieten. Sie möchte ihr Wissen, ihre Erfahrungen und ihren Blick auf die Natur weitergeben: „Einen inneren Werkzeugkoffer für mehr innerer Ruhe.“
Doch brauchen Menschen im „schönsten Bundesland der Welt“ eine helfende Hand, um die Natur vor ihrer Haustür bewusst zu genießen? Tun sie das nicht schon, seitdem sie Oma und Opa einst mit in die Schwammerl nahmen? „Ja, es klingt vielleicht wie Pipifax, ist es aber nicht“, reagiert Renate auf die voreingenommene Frage, lacht, schaltet den Alltag ab und tritt im Lohholzer Wald den Beweis an.
Einfache, aber effektive Übungen
Bewusste Atemzüge begleiten das Ankommen im Lohholzer Wald: „Eine einfache, aber sehr effektive Achtsamkeitsübung“, erklärt Wald-Coach Renate. „Einatmen, halten, ausatmen. Der Herzschlag verlangsamt sich, der Körper beruhigt sich, man kommt im Hier und Jetzt an.“
Dann geht es auf bemoosten Pfaden ganz langsam und streckenweise mit geschlossenen Augen weiter. Nur der Wald spricht. Äste knacken. Der Regen tropft auf die Pflanzen. Immer leiser. Er lässt nach. Es duftet nach nasser Erde, Morcheln und nach Weihnachten. Mit wieder geöffneten Augen erscheinen die Bäume, die den Weg säumen, noch viel majestätischer. Erste Wow-Momente ergreifen den Wanderer, denn so bewusst hat er den Wald doch noch nie gesehen. Die Gehmeditation funktioniert: „Wir haben das Sehen als Sinn ausgelassen und so den Gehör- und Geruchssinn geschärft“, erklärt Renate Kumberger. „Das bringt unsere Gedanken in den Moment.“
In der nächsten Übung wird der Verstand des Waldes verwiesen: „Unser Verstand ist ein Problemlöser“, erklärt Renate. „Sind keine da, sucht er welche – in der Vergangenheit, Gegenwart oder Zukunft.“ Im Moment gehe es aber nicht darum, nachzudenken, Pläne zu schmieden, irgendwelche Schlüsse zu ziehen oder zu urteilen, sondern nur ums Genießen: „Also Ruhe bitte, Stimme im Kopf, und Bühne frei für das Waldkonzert.“
Ein Platz auf einem Baumstumpf erweist sich als unbequem. Besser sitzt es sich direkt im Moos. Erstaunlich wie gemütlich ein Baumstamm als Rückenlehne ist. Das Gewitter verzieht sich mit leisem Grollen. Der Regen klopft wieder intensiver an, doch der Wald schützt vor der Nässe. Die Vögel zwitschern, ein einsamer Rabe krächzt. Mit einem entspannten „Gong“ holt Renate ihre Wanderer mit der Klangschale aus dem Klangzauber des Waldes ab und zurück auf die Erde. Jetzt darf auch der Verstand zurückkehren, denn eine kulinarische Reise durch den essbaren Wald mit Blüten, Früchten, Blättern und Naturheilkräutern beginnt. Die Goldrute blüht üppig am Wegesrand. Ihre gelben Blüten schmecken leicht bitter. „Sie ist gut für die Seele, hilft bei emotionalem Stress und Enttäuschungen“, erklärt Renate. Sie hat sich mit Heilkräutern intensiv beschäftigt, benutzt sie als Tees, Tinkturen oder Toppings.
Sie streicht die Samen einer Brennnessel auf ihre Handfläche und lädt zum Kosten ein. Die Samen schmecken leicht nussig. „Und sind eine wunderbare grüne Eiweißquelle, voller Vitamine A, C und E, Carotinoide und ungesättigter Fettsäuren“, erklärt die „Waldfee“. Sie ist überzeugt davon, dass die Natur die beste Apotheke ist: „Aus Tannenspitzentrieben kann man einen wunderbaren Hustensirup machen. Eine Sole aus Kapuzinerkresse wirkt wie natürliches Antibiotikum.“ Man müsse nur achtsam sein und ganz bewusst hinschauen.
In den letzten Jahren hat sich das Indische Springkraut mit seinen pinken Blüten enorm ausgebreitet. „Zwar werden sogenannte Neophyten wie das Indische Springkraut verteufelt, weil sie die einheimischen Arten verdrängen, doch sie helfen uns auch“, sagt Renate Kumberger.
Das frische Kraut sei leicht giftig, aber die stark süßlich duftenden Blüten könnten in kleinen Mengen als essbare Dekoration roh verzehrt werden. „Das Beste jedoch sind die Samen. Sie schmecken ähnlich wie Walnüsse und können überall dort verwendet werden, wo man Nüsse verwenden würde“, erklärt sie.
Der lateinische Name „Impatiens glandulifera“ verrate die Wirkung der Pflanze: „Impatiens bedeutet Ungeduld, ist Bestandteil der bekannten Rescue-Tropfen der Bachblüten-Therapie und hilft bei Ungeduld oder innerer Anspannung.“ Die Wanderer erfahren, was Schafgarbe, Rotklee, Spitzwegerich und Löwenzahn bewirken, erinnern sich an die Holundersuppe der Oma, die sie schon lange nicht mehr gegessen haben. Sie kosten die Blätter des Haselnussbaumes, verweilen unter einer Eiche und erfahren von heilsamen Kräften der Kastanienblüten.
Natur lädt zum Meditieren ein
Dann darf der Verstand wieder pausieren. Auf einer Lichtung machen es sich die Wanderer im Moos bequem, schließen die Augen, entspannen, atmen tief durch und gehen bei einer Mediation mit der Klangschale auf eine Fantasiereise. „Mit jedem Einatmen nimmst du die heilende Energie des Waldes in dich auf“, leitet Renate Kumberger die Gedanken durch den Körper: „Dein Atem ist der Anker, der jederzeit da ist, um dir zu helfen, in diesem Moment anzukommen. Egal wo du bist, und was gerade um dich herum geschieht, deinen Atem und deine Sinne hast du immer dabei.“
Beim anschließenden Barfußspaziergang wird auch der Tastsinn geschärft. Das weiche Moos schmeichelt die Fußsohlen, die Feuchtigkeit quietscht durch die Zehen hindurch, und irgendetwas stachelt an der Ferse. „Durch intensiven Hautkontakt mit dem Waldboden können wir wichtige Stoffe über unsere Füße aufnehmen. Zudem wirkt Barfußgehen wie eine Fußreflexzonenmassage, denn wir haben über 60 Akupunkturpunkte allein in unseren Füßen“, erklärt Kumberger.
Rituale in den
Alltag einbauen
Mit Tee und Plätzchen endet der Spaziergang. Waldfee Renate legt den Wanderern ans Herz, Rituale aus dem Wald in ihren Alltag einzubauen. „Achtsamkeit ist wichtig, denn nur so können wir bewusst leben und überleben“, ist sie überzeugt. Sie hat einen Weg gefunden, um Gefühle wie Gehetztsein, Überforderung, Unzufriedenheit, Unruhe, Reizbarkeit oder Frustration einzuordnen und etwas dagegen zu tun, denn „ganz vermeiden lassen sie sich im Leben leider nicht“.
Zwanghaftes Verhalten erkennen
Gleichzeitig warnt die 33-Jährige, dass für viele Menschen das Smartphone zum Zentrum ihres Lebens geworden sei, weil sie Angst hätten, etwas zu verpassen, und auf der Suche nach Dopamin-Kicks zwanghaft alle Nachrichten auf Whatsapp, Facebook oder Instagram checken. „Doch das versperrt uns den Weg zu unserem inneren Frieden, unserer Lebensfreude und unserem Instinkt.“
Renate Kumberger ist überzeugt davon, dass Aufmerksamkeit und Zeit das wirkliche Leben sind. Wanderern, die sich im Lohholzer Wald von ihr verzaubern lassen, gibt sie Rituale für einen achtsameren Alltag mit auf den Weg. Einer davon: „Baue eine echte Herzensverbindung zur Natur auf. Sie nimmt dich bedingungslos bei sich auf.“