„Schuld sind die Radfahrer“

von Redaktion

Kolbermoorer lernen in No-Hate-Workshop, wie sie Stammtischparolen entschärfen

Kolbermoor – „Schuld sind die Ausländer.“ Oder vielleicht doch die Radfahrer? Wie sie mit plumpen Stammtischparolen umgehen, sie mit Humor und Freundlichkeit entschärfen können, lernten Kolbermoorer jetzt in einem Workshop. No Hate – kein Hass: diese Aktion Kolbermoors besteht nicht nur aus dem Schriftzug, der bis zum 22. Oktober monumental vor dem Rathaus ausgestellt wird. Sie besteht vor allem aus den Veranstaltungen, die sich darum herumranken. Wie zum Beispiel ein Workshop, bei dem es kürzlich darum ging, wie man Stammtischparolen begegnen kann. Er wurde von der evangelischen Aktionsgemeinschaft für Arbeitnehmerfragen (afa) organisiert und vom Münchner Mediator Erich Utz moderiert.

Hass mit
Liebe begegnen

Stammtischparolen, da waren sich die etwa 25 Teilnehmer einig, seien Äußerungen, hinter denen wenig bis kein Faktenwissen stehe, die aber mit um so größerer Überzeugung verkündet würden. Meist mit dem Ziel, andere – egal ob als Gruppe oder Einzelperson – anzugreifen und schlecht zu machen. Solche Ergüsse anzuhören, mache wenig Vergnügen, die Frage deshalb: Wie lässt sich dagegen angehen?

Wichtig, so erarbeiteten die Workshopteilnehmer, sei es da, zunächst einmal die Situation einzuschätzen und sich die Frage zu stellen: Was möchte ich mit meiner Beteiligung erreichen, und ist dies im Moment überhaupt möglich? Mit einem bereits angetrunkenen Gegenüber ernsthaft diskutieren zu wollen, sei in der Regel wenig erfolgreich. In einer solchen Situation, so erläuterte der Mediator, sei es besser, sich aus dem Gespräch auszuklinken, dabei aber durchaus klarzumachen, dass man mit der Haltung des Gegenübers nicht einverstanden ist. Dabei gehe es nicht um Überzeugungsarbeit, sondern nur darum, den eigenen Standpunkt zu verdeutlichen.

„Anders ist es, wenn Dritte mit Stammtischparolen überschüttet und dabei nicht selten auch angepöbelt werden“, sagte Erich Utz. In einem solchen Fall hätte man eigentlich geradezu die Verpflichtung einzuschreiten, meinten auch die Teilnehmer. Die Empfehlung des Mediators: „Entscheidend ist dabei, den Wortführer nicht direkt anzugreifen und aus der Empörung heraus Anschuldigung mit Anschuldigung zu vergelten.“ Das A und O sei es, möglichst sachlich und auch freundlich zu bleiben, um in diesem Moment nicht auch den Rest von vernünftiger Ansprechbarkeit, der vielleicht noch da ist, zu verlieren.

Ein hervorragendes Mittel, hier mit Erfolg zu reagieren, sei Humor. So erzählte eine Teilnehmerin davon, dass sie auf Äußerungen wie „Schuld sind doch vor allem die Asylanten, die uns an die Wand drücken“ antworte: „Genau. Und die Radfahrer!“ Darauf käme meist die verblüffte Gegenfrage „Warum jetzt die Radfahrer?“. Die wiederum kontere sie mit „Warum die Asylanten?“

Für etwas
Positives einstehen

Damit, da waren sich die Workshop-Teilnehmer einig, sei der Schimpfkaskade des Gegenübers zumindest für einen Moment die Luft entzogen, unter Umständen habe man wenigstens von Dritten sogar den einen oder anderen Lacher auf seiner Seite. „Hass und Wut nicht mit Wut und Hass, sondern mit Gelassenheit und selbstbewusster Freundlichkeit zu begegnen – diese Aufforderung zieht sich wie ein roter Faden durch viele der knapp 40 Veranstaltungen, die das No-Hate-Denkmal begleiten. Oder anders formuliert: die Aktionszeit möchte nicht einfach gegen etwas sein, sondern positiv für etwas stehen, für einen möglichst offenen Umgang aller mit allen“, betont Christian
Poitsch vom Stadtmarketing. Ein gutes Beispiel dafür sei der Nachmittag am 24. September im Bürgerhaus. Dort ist „Café Touba – auf Augenhöhe mit Afrika“ aus Prien zu Gast, soll mit Musik und Gesprächen die Bürgerhaus-Einrichtung „Coffee and more“ wiederbelebt werden. Sie soll nun wieder alle zwei Wochen geöffnet sein und einen Begegnungsraum für Menschen verschiedenster Herkunft bieten.

Friedensnetz wird
weitergeknüpft

Positiv und fröhlich ist das Friedensnetz im Rathauspark, mit dessen Knüpfen die Kolbermoorer schon Anfang August begonnen hatten. Morgen, Dienstag, geht es ab 18 Uhr weiter. Aber natürlich soll auch nicht vergessen werden, wohin es führt, wenn Hass, Neid und Zwietracht die Oberhand über jede Menschlichkeit gewinnen. Etwa durch einen Vortrag am Donnerstag, 5. Oktober, über Gustav Landauer. Er war in der Räteregierung im April 1919 so etwas wie der bayerische Kultusminister und schaffte die Prügelstrafe an den Schulen ab. Für seine Ideen erntete der Pazifist jedoch nichts als Hass. Am 2. Mai 1919 wurde er im Gefängnis Stadelheim ermordet.

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