Kolbermoor – Wenn öffentliche Einrichtungen Jubiläen feiern, kann das eine dröge Sache sein: steif, langwierig und langweilig. Nicht so bei der Kolbermoorer Volkshochschule. Die feierte ihren 75. Geburtstag als eine große bunte Party. Natürlich gab es auch Reden, doch alle hielten es hier offenbar mit Rohrdorfs Bürgermeister, Simon Hausstetter, der ebenfalls sprach und vor der Veranstaltung scherzhaft gemeint hatte: „Wer sagt denn, dass Festansprachen nicht auch einen fassbaren, echten Inhalt haben dürfen?“ Ansonsten gab es Clowns, Live-Musik von der Kolbermoorer Wirtshausmusi und Laluna Blue, Gespräche sowie ein liebevoll zubereitetes Buffet – also Kurzweil und Anregung für alle Gäste und alle Sinne.
Die Geburtstagsfeier war damit ganz nah beim Gründungsgedanken der Volkshochschulen, wie während des Abends zu erfahren war. Denn nach dem Zweiten Weltkrieg ging es ebenso wie bei den Vorläufern zur Zeit der Weimarer Republik nie um trockene Wissensanhäufung. Es ging und geht bis heute ums Neugierigmachen – auf das, was jenseits des eigenen Tellerrands zu entdecken ist. Und es ging und geht vor allem auch darum, dies in einer lockeren und fröhlichen Atmosphäre zu tun, in der Herkunft und finanzielle Möglichkeiten keine Rolle spielen.
„Die Volkshochschule sollte von Anfang an Lern- und Begegnungsort sein“, erklärte Ulrike Sinzinger, die Leiterin der VHS. Bürgermeister Peter Kloo sagte, er sei immer glücklich, wenn abends in der VHS noch Licht brenne und das Haus voller Leben sei. Die Tatsache, dass die Räume über den Rathauseingang zu erreichen seien, sei durchaus ein wichtiger Effekt, betonte Ulrike Sinzinger: „Es ist auch eine Möglichkeit, Schwellenängste vor der Verwaltung zu verlieren. Außerdem ist der Verbund mit dem Rathaus ein Zeichen der Wertschätzung für alle, die aufs Mehr-Wissen-Wollen aus sind.“
In einem waren sich Sinzinger, Kloo und Hausstetter völlig einig: Die Form der Bildungsvermittlung in den Volkshochschulen – als Stärkung der Bereitschaft, sich mit Neuem auseinanderzusetzen – sei heute wichtiger denn je: „Bildung ist die Fähigkeit, das Wesentliche vom Unwesentlichen zu trennen und sogenannte Fake-News nicht mit Fakten zu verwechseln“, betonte Kolbermoors Bürgermeister. Sein Rohrdorfer Amtskollege kritisierte, dass sich viele Menschen in der heutigen Gesellschaft nicht mehr die Zeit fürs eigene Urteil nähmen: „Aufmerksam zuhören, gründlich darüber nachdenken und dann die eigenen Gedanken zum Thema so präzise wie möglich formulieren: Das ist der Dreisatz, der Geschwurbel von ernst zu nehmenden Diskussionsbeiträgen trennt.“ Die Volkshochschule sei ein Platz, an dem diese „Tugenden“ ganz nebenbei gepflegt werden könnten. Ulrike Sinzinger erinnerte daran, dass auch den Gründervätern des Kolbermoorer Volksbildungswerkes eines geradezu zum Fundament wurde: die Überzeugung, dass Wissen gut sei, aber erst dann fruchtbar werde, wenn es an Herzensbildung gebunden sei, die es zu stärken gelte. Dass das Abenteuer Volkshochschule möglich war, ist und sein wird, dafür dankte Sinzinger dem Bürgermeister und Stadtrat, den Dozenten, den Verwaltungsmitarbeitern, dem Bauhof und dem Reinigungspersonal.