Kolbermoor – Es hat elf Monate gedauert, ehe eine Kolbermoorerin ernst genommen und ihre Heizung repariert wurde. Warum die Stadtverwaltung weder auf ihre Anrufe und E-Mails noch auf ihre Mietminderung reagiert hat. Eine unglaubliche Geschichte.
Evamaria Hierold kann aufatmen. In diesem Winter muss sie nicht frieren. Ihre Heizung funktioniert wieder. Die Verantwortlichen aus der Stadtverwaltung waren endlich vor Ort und haben nachgeschaut. Nach elf Monaten wurde sie zum ersten Mal ernst genommen – so ihr persönlicher Eindruck.
Odyssee dauerte
fast ein Jahr
Die Odyssee der 48-Jährigen begann mit der Heizperiode im Oktober 2022. Zwei Monate zuvor war sie in die kleine städtische Wohnung in der neu sanierten St.-Anna-Apotheke an der Bahnhofstraße 16 eingezogen. Als sie bemerkte, dass die Heizung in der gesamten Wohnung nicht funktioniert, fragte sie bei den anderen Mietern nach. Keiner hatte Probleme, weder im ersten Obergeschoss, noch im Dachgeschoss. „Bei ihnen war es warm, bei mir aber nicht“, erinnert sie sich. Sie meldete das Problem in der Stadtverwaltung.
„In der Wohnung in der Bahnhofstraße 16 gab es tatsächlich mit Beginn des Winters 22/23 ein Problem mit der Heizung, das uns am 22. November gemeldet und Anfang Dezember 2022 behoben wurde“, bestätigt Christian Poitsch vom Stadtmarketing. Bei Evamaria Hierold allerdings funktionierte die Heizung trotzdem nicht.
Einschreiben bleibt
unbeantwortet
Sie ruft wieder und wieder im Liegenschaftsamt an, das die städtischen Wohnungen verwaltet. Irgendwann gibt sie auf, denn „außer Erklärungen, dass das nicht sein könne“, wird ihr nicht geholfen. Am 6. Dezember schickt sie sogar ein Einschreiben. Es bleibt ohne Antwort. Dann zieht sie privat einen Installateur zurate, der ihr erklärt, dass die Heizung völlig falsch angeschlossen sei, sich das allerdings ein Elektriker ansehen müsse. Am 8. Dezember spricht ihr Freund Patrick Pöll direkt im Amt vor, informiert über die fachliche Auskunft. Ihm wird erklärt, dass nur die Stadt als Vermieterin einen Installateur beauftragen dürfe. Doch es passiert nichts.
Am 12. Dezember hebt die Stadt angesichts der gestiegenen Energiekosten die Nebenkosten vor 150 auf 200 Euro an. Evamaria Hierold empfindet das als blanken Hohn, denn ihre Heizung funktioniert ja noch immer nicht. Zahlen muss sie trotzdem. Der Winter kommt, aber kein Monteur. Die Thermostate klicken nicht einmal, wenn Evamaria Hierold sie hoffnungsvoll aufdreht. Die Wohnung bleibt kalt. „Ich hatte im Winter eine Temperatur von um die 14 Grad Celsius in meiner Wohnung. Es war eiskalt, ich hatte nachts Kopfschmerzen wegen der Kälte“, beschreibt sie.
Sie ist ständig erkältet, muss als Altenpflegerin deshalb täglich Corona-Tests machen. Sie hat kein Corona, schleppt aber eine hartnäckige Grippe mit sich rum. Sie trägt bei der Arbeit wieder Maske, um die Senioren nicht anzustecken. Sie arbeitet in drei Schichten in einem Seniorenpflegeheim, nebenbei noch bei einem mobilen Pflegedienst. In der wenigen Freizeit sitzt und schläft sie in der Kälte. Ihre Miete bezahlt sie trotzdem jeden Monat pünktlich.
Schließlich weiß sie sich nicht mehr anders zu helfen, als die Miete zu mindern. Sie hält den Rechtsweg ein, droht eine Mietminderung an, setzt Fristen. Am 19. Dezember schreibt sie wieder eine E-Mail ans Liegenschaftsamt. Sie nutzt das Online-Kontaktformular auf der Homepage der Stadt. Die automatische Bestätigung weist nach, dass ihr Schreiben angekommen ist. Eine Reaktion bleibt aus.
Miete kann komplett
gemindert werden
Als Berechnungsgrundlage für eine Mietminderung wird laut Bundesgerichtshof (BGH) immer die Bruttomiete – also Kaltmiete plus Nebenkosten – herangezogen. Das sind bei ihr 704 Euro für 50 Quadratmeter. Bei einem Totalausfall der Heizung könnte sie die Bruttomiete um 100 Prozent kürzen und gar keine Miete überweisen. Doch das traut sie sich nicht. Sie droht eine Kürzung der Kaltmiete um 75 Prozent an. Ohne Erfolg.
Auch an Heiligabend sitzt sie im Kalten, in der Silvesternacht, am Dreikönigstag. Sie ist enttäuscht: „Es ist traurig, dass man Leute im Winter ohne Heizung sitzen lässt. Einerseits will der Staat, dass mehr Menschen in der Altenpflege arbeiten. Andererseits lässt er Leute wie mich, die in zwei Jobs in der Altenpflege tätig sind, in der Kälte stehen.“
Sie schreibt weiter an die Verwaltung: Am 30. Dezember, 24. Januar, 27. Februar, 15. März. Und immer fügt sie ihre Handynummer hinzu, damit sich Stadtverwaltung oder Installateure einen Vor-Ort-Termin mit ihr machen können, um das Problem zu beheben.
Stadt droht mit
fristloser Kündigung
Dann endlich, am 16. März, erhält sie ein Schreiben der Stadtverwaltung: Doch es ist nicht das, was sie erwartet. Statt einer Lösung für ihr Heizungsproblem wird ihr mit der fristlosen Kündigung gedroht. Die ausstehende Miete wird angemahnt. Sie muss 1140 Euro nachzahlen. Kein Wort darüber, dass das genau die Summe ist, die sie aufgrund der Monat für Monat angekündigten Mietminderung nicht gezahlt hat.
Tags darauf überweist Evamaria Hierold die 1140 Euro und hört auf, weitere E-Mails zu schreiben. Sie hat aufgegeben. „Man hat mich einfach nicht ernst genommen. Ich wusste nicht, was ich noch machen sollte.“ Ab April überweist sie wieder ihre volle Miete im Voraus. Die Heizung funktioniert noch immer nicht.
Stattdessen wird sie mit einer Beschwerde der Nachbarschaftshilfe konfrontiert, die im Erdgeschoss ansässig ist. Mitarbeiter des Liegenschaftsamtes rufen Evamaria Hierold an, sprechen von Müllproblemen. „Die hatte ich nicht, denn ich habe meinen Müll in der einen Tonne entsorgt, die für unser Haus und damit für Nachbarschaftshilfe, Stadtbus und drei Mietparteien vorhanden war“, kritisiert sie ein weiteres Problem, denn es gehört zu den Pflichten des Vermieters, ausreichend Mülltonnen zur Verfügung zu stellen. Inzwischen ist eine weitere, kleine Tonne für zwei Personen dazugestellt worden. Doch ganz egal, ob zwei Restmülltonnen für zwei Unternehmen und drei Mietparteien an der Bahnhofstraße 16 bei 14-tägiger Abfuhr ausreichen. Evamaria Hierold hat ein ganz anderes, ein wirkliches Problem: Ihre Heizung funktioniert noch immer nicht.
Die neue Heizperiode hat begonnen. Am 14. Oktober schreibt sie über das Kontaktformular wieder eine E-Mail an die Stadtverwaltung, denn einen zweiten Winter möchte sie nicht in einer kalten Wohnung zum vollen Warmmietpreis verbringen. Doch wieder reagiert die Stadt nicht.
Am 19. Oktober wendet sich die 48-jährige Altenpflegerin an das OVB, denn: „So etwas gehört an die Öffentlichkeit.“ Auf Nachfrage in der Verwaltung erfahren wir, dass „Reparaturen in den städtischen Mietwohnungen grundsätzlich zeitnah und unabhängig von Beruf, Alter oder anderen Faktoren erledigt werden“. Zudem sollte „die direkte Kontaktaufnahme auch zukünftig der übliche und rechtlich korrekte Weg bleiben“.
Verstellter Regler
als Ursache für Kälte
Zwei Werktage später funktioniert die Heizung in fast allen Räumen der Wohnung von Evamaria Hierold wieder. Am Montag, 23. Oktober, sind Mitarbeiter des Bauhofes – darunter auch ein Heizungsmonteur – und eine Fachfirma bei ihr. Sie bestätigen, dass die Heizung gar nicht funktionieren konnte. „Ein Regler war verstellt, es konnte gar kein Warmwasser in den Kreislauf gelangen“, so die Diagnose. Deshalb reagierten auch die Thermostate nicht.
Die Behebung des Fehlers dauert keine fünf Minuten. Die Handwerker stellen den Regler richtig ein. Warmwasser gelangt in den Heizungskreislauf. Mit Wärmebildkameras wird in allen Räumen geprüft, ob es durch alle Leitungen der Fußbodenheizung fließt. Die Küche wird warm. Das Schlafzimmer. Die Wohnstube. Das Bad. Nur der Flur bleibt kalt. Ein Elektriker wird der Mieterin angekündigt. Er soll die Fußbodenheizung noch feinjustieren. Evamaria Hierold ist glücklich: „Schade, dass mich vorher niemand ernst genommen hat. Danke, dass sie mir geholfen haben.“
Fall wird
intern überprüft
Parallel dazu prüft die Stadtverwaltung den Fall intern noch einmal ganz genau: „Nach dem 22. November 2022 sind bei uns keinerlei Schreiben oder telefonischen Meldungen mehr eingegangen, dass die Heizung nicht funktionieren würde“, informiert Christian Poitsch über das erste Ergebnis. Die Stadt reagiere sehr schnell, wenn Mieter Probleme meldeten. Warum in diesem Fall die Kommunikation nicht funktioniert habe, müsse erst noch geklärt werden.
Die ausgedruckten E-Mails von Evamaria Hierold beweisen, dass sie das Online-Kontaktformular genutzt hat: „Dies ist eine Kopie der Nachricht, die an … geschickt wurde. Dies ist eine Mailanfrage via www.kolbermoor.de.“ Stimmt also etwas mit den Online-Kontaktformularen nicht?
Das wird jetzt in der Stadtverwaltung überprüft. Auch die Frage, ob die Mietminderung von Evamaria Hierold berechtigt war und ihr für die Wintermonate von Dezember bis März zumindest ein Teil der Miete zurückgezahlt werden müsste. Denn immerhin ist nun bewiesen: Ihre Heizung hatte zwar keinen Totalausfall. Sie war aber nicht angeschlossen – unterm Strich allerdings mit demselben Ergebnis.