Bahnhof ist nur im Norden barrierefrei

von Redaktion

Rollstuhlfahrer können Hausbahnsteig erst im zweiten Quartal 2024 nutzen

Kolbermoor – Ist es ein Schildbürgerstreich oder ein Planungsfehler? Der neue, barrierefreie Bahnhof in Kolbermoor ist für Menschen mit Behinderung nur von einer Seite aus erreichbar. Was das für Betroffene bedeutet, verdeutlichte Inklusionsbeauftragte Veronika Gmeiner jetzt bei einem Vor-Ort-Termin.

Menschen mit körperlichem Handicap warten in Kolbermoor seit Jahren darauf, dass sie mit dem Zug fahren können. „Bislang mussten wir uns bei der Bahn anmelden, wenn wir mit dem Zug fahren wollten und wurden – teilweise auf abenteuerliche Weise – in den Waggon hineingehoben“, erklärt Veronika Gmeiner die Ausgangsbedingungen vor dem Bau des barrierefreien Bahnhofs.

Bahnhofsumbau wird
seit Jahren geplant

Nun ist er fast fertig. Seit Juli rollt der Verkehr wieder. 66 Züge passieren am Tag den Kolbermoorer Bahnhof. Doch sie sind nicht für alle erreichbar. Bei einem Vor-Ort-Termin machte die Beauftragte für die Belange von Menschen mit Behinderung jetzt auf den „Schildbürgerstreich“ aufmerksam. „Man kann nur mit dem Kopf schütteln: Seit etwa zehn Jahren laufen die Planungen für die Sanierung des Kolbermoorer Bahnhofs. Seit Juli rollen die Züge. Doch Rollstuhlfahrer haben keine Chance, den Hausbahnsteig zu erklimmen.“ Die Rampe ist gesperrt, denn sie ist bislang nur Stückwerk und endet vor dem Abgrund. Ursache dafür sind vier Schaltschränke und ein Betonschalthaus, die im Weg stehen. „Die Planungen für ihren Rückbau sind noch nicht abgeschlossen, die Arbeiten noch nicht vergeben, die Bauteile noch nicht geliefert“, erklärt Thomas Lembke von der Bauüberwachung. Er rechnet damit, dass die Rampe im zweiten Quartal 2024 fertig sein könnte – spätestens also im Sommer.

Eigentlich sollte die barrierefreie Verkehrsstation in Kolbermoor schon im August, spätestens aber Ende des Jahres fertig sein. Doch die Deutsche Bahn kämpft mit den gleichen Problemen wie alle Bauherren: „Uns fehlen die Kapazitäten“, erklärt Maria Pompo von der Projektsteuerung. Auch wenn die Aufträge deutschlandweit vergeben werden, sei es schwer, Ingenieurbüros für Planung oder Planprüfung sowie bauausführende Firmen zu finden. „Nach dem Hinweis der Inklusionsbeauftragten haben wir uns um eine Übergangslösung bemüht, könnten 50 Prozent der Treppe für eine Holzrampe nutzen“, erklärt Johann Ramstötter vom DB-Bahnhofsmanagement.

Doch auch für die Rampe aus Holz mit einer Steigung von höchstens sechs Prozent müssten nach den strengen Regularien der Bahn erst Pläne erstellt und wiederum geprüft werden, ehe die Suche nach einer Firma beginnen könne. „Vermutlich wäre die Holzrampe dann auch erst im Frühjahr fertig“, macht Thomas Lembke klar.

Die Stadt Kolbermoor könne mit ihrem Bauhof schneller eine Übergangslösung schaffen, räumt Stadtbaumeister Andreas Meixner ein. In der Praxis sei das aber nicht umsetzbar, da die Modernisierung des Bahnhofs und die Barrierefreiheit in der Verantwortung der Deutschen Bahn lägen.

Beschwerlicher Weg
über die Rampe

66 Züge passieren am Tag den Kolbermoorer Bahnhof. „55 halten am Außenbahnsteig im Norden, elf am Hausbahnsteig“, erläutert Lembke. Das bedeutet, dass Menschen mit körperlichen Handicaps – mit Rollstuhl oder Rollator – im Moment selbstständig 55 Züge erreichen können.

Der Norden des Bahnhofs ist bereits barrierefrei. An der Bergstraße wurde eine Rampe errichtet. Über etwa drei mal 30 Meter mit einem Anstieg von sechs Prozent und zwei Zwischenpodesten gelangen sie hinauf. „Wer oben angekommen ist, ist fix und fertig“, beschreibt Veronika Gmeiner die enormen körperlichen Anstrengungen für Rollstuhlfahrer, denn die wenigsten besitzen einen Elektrorollstuhl. „Die meisten müssen ihr Körpergewicht und das Gewicht des Rollstuhls mit ihrer Muskelkraft nach oben hieven.“

Trotzdem: „Diese sechs Prozent Steigung sind regelkonform und in jedem deutschen Bahnhof so umgesetzt“, erklärt Ramstötter. Zudem gebe es entweder einen Aufzug oder eine Rampe, denn: „Wir bauen mit öffentlichen Geldern.“ Deshalb dürften Aufzüge aus Kostengründen nur dort gebaut werden, wo der vorhandene Platz für die sechsprozentige Steigung nicht ausreiche.

Doch die Rampe ist nicht die einzige Hürde für Rollstuhlfahrer: In der Bergstraße gibt es keine Behindertenparkplätze. „Dafür fehlte uns der Grund“, bedauert Meixner. Das bedeutet, dass Rollstuhlfahrer am Bahnhof oder auf dem Parkplatz an der Haßlerstraße ihre Autos parken können und dann schon das Gefälle und die Steigung von Tonwerksunterführung und Bergstraße meistern müssen. „Das ist bei normaler Witterung nicht einfach. Bei Regen oder Schnee sind die Leute durchnässt, wenn sie am Bahnsteig ankommen“, macht die Behindertenbeauftragte klar.

Der von ihr anberaumte Vor-Ort-Termin führte allen Beteiligten die Probleme vor Augen. Beheben lassen sie sich allerdings nicht. Auf die Übergangsrampe aus Holz wurde im Einvernehmen verzichtet, denn eine schnelle Lösung bringt auch sie nicht. Modulare barrierefreie Rampen hingegen waren kein Thema. Es wird also noch ein paar Monate dauern, ehe der Bahnhof wirklich barrierefrei ist.

Artikel 4 von 8