Kolbermoor – „Man soll aufhören, wenn es am schönsten ist“, sagt der Volksmund. Damit ist viel von dem erklärt, warum der Frauenchor der Stadtsing- und Musikschule Kolbermoor sein Abschiedskonzert gibt. Am kommenden Sonntag, 12. November, um 17 Uhr wird das Ensemble in der Kirche Heilige Dreifaltigkeit ein letztes Mal zu erleben sein.
Auf dem Höhepunkt angekommen
Der Chor steht mit seinen 16 Sängerinnen auf dem Höhepunkt seiner Leistungsfähigkeit und gibt auch anspruchsvollen Stücken den warmen und schwebenden Klang, für den er berühmt ist. Doch das erreichte Niveau ist keine Selbstverständlichkeit, erklärt Chorleiterin Heide Hauser, es muss quasi bei jedem einzelnen Stück neu erarbeitet werden.
Bei den Probearbeiten zum Abschlusskonzert war das spürbar. Für den Laien klingt es schon am Anfang wunderbar, und dennoch wird an jeder Note und Silbe weiter gefeilt, bis der Chor mit dem Stück zu einer Einheit verschmolzen ist. Diese zeitaufwendige und konzentrierte Arbeit ist aber nicht nur für den Klang der jeweiligen Stücke wichtig:
„Chöre, die nicht selbstständig an sich arbeiten und sich weiterentwickeln“, sagt die Chorleiterin, „werden alt und fallen irgendwann aus der Zeit.“
In gewissem Sinne liegt aber genau in dieser Weiterentwicklung auch der Grund für das Aufhören des Chores. Wie bei vielen anderen Vereinen und Zusammenschlüssen habe die Zwangspause während der Corona-Pandemie viele Mitwirkende dazu gebracht, ihr Leben etwas anders einzurichten, bei der ein oder anderen Sängerin stellten sich Enkel ein, und die Freizeit wurde mit Urlauben und Hobbys aufgefüllt, die auch nach der Pandemie Bestand hatten.
„Und nach Corona stellten wir fest, dass wir nicht mehr in dem Maße weiter üben können, wie es notwendig ist“, erzählt die Chorleiterin. „Am Anfang wollten wir das noch nicht wahrhaben, und dachten, es würde sich mit der Zeit alles wieder einrenken.“ Doch das tat es nicht, denn die neu gefundenen Lebensinhalte blieben. „Wenn aber bei den Proben immer häufiger von einer mit vier Sängerinnen besetzten Stimme drei fehlen, dann sind wir nicht mehr arbeitsfähig“, erklärt Hauser.
Immer deutlicher habe sich deshalb bei den Frauen die Erkenntnis breitgemacht, dass Aufhören die einzige Option wäre. „Denn eines war uns allen klar“, so Hauser, „wir wollten keinesfalls unser Niveau verlieren.“ Entweder ganz, oder gar nicht! Einfach so weiterzusingen, ohne die übliche Vorbereitung und Übung und nur noch in verbleibenden Zeitfenstern zu arbeiten, das war keinen Moment lang eine ernsthafte Alternative.
Natürlich wird den Frauen nach der Auflösung des Chors vielleicht ein kleines Stück vom „Ich“ fehlen, aber nicht alle Sängerinnen geben das Singen auf und mit diesem Niveau sind sie in anderen Chören hochwillkommen. Vor allem Projektchöre seien hier eine Option, erklärt Hauser.
Dies seien Chöre, die sich für einen konkreten Auftritt zusammenfinden, und der Zeitraum, für den man sich bindet, bleibt überschau- und planbar. Und natürlich sind einige der Sängerinnen auch im großen gemischten Chor der Musikschule zu hören, den ebenso Hauser leitet.
Eingeschworene Gemeinschaft
Was aber fehlen wird, ist die verschworene Gemeinschaft der 16 Frauen, die 24 Jahre eng miteinander zusammengearbeitet haben und viele gemeinsame und wunderschöne Erlebnisse teilten. Beispielsweise gab es Auftritte in München und Berlin sowie CD-Einspielungen mit dem Bayerischen Rundfunk in München. Einhellig war dabei herauszuhören, dass es eine Verbindung untereinander gab, die zweifellos vermisst werden wird.
Trotzdem gilt, alles in allem: Sollten sich die Besucher des Abschiedskonzerts in der Kirche nach dem letzten Stück, dem Ave Maria von David Hamilton, ergriffen fragen, warum dieser Chor jetzt aufhört, dann werden die 16 Sängerinnen und Heide Hauser wissen, dass sie am Ende doch den richtigen Entschluss gefasst haben.