Protesttag am 22. November

Apotheker erhöhen Druck auf Politik

von Redaktion

Keine Antibiotika, kein Fiebersaft: Im Herbst 2022 hatten Apotheker aus dem Mangfalltal wegen massiver Lieferengpässe Alarm geschlagen. Geändert hat sich seitdem scheinbar nichts. Nun wollen sie den Druck auf die Politik erhöhen – mit drastischen Mitteln.

Mangfalltal – Flexibilität und Kreativität – Stichworte, die vor genau einem Jahr das Leben der Apotheker im Mangfalltal bestimmt hatten. Denn aufgrund von Lieferengpässen waren viele Regale verwaist, wichtige Medikamente, aber auch Standard-Präparate nicht mehr erhältlich. Und das in einer Zeit, in der grippale Infekte Hochkonjunktur hatten. Dennoch versuchten die Mitarbeiter, den Kunden bei ihren Beschwerden zu helfen, führten unzählige Telefonate mit Ärzten über mögliche Alternativ-Präparate oder versuchten, aus größeren und kleineren Packungen das verschriebene Produkt zusammenzustückeln.

Was hat sich in
einem Jahr verändert?

Ein Jahr ist seitdem vergangen – und die nächste Welle mit Infekten verschiedener Art hat die Region fest im Griff. Doch können die Apotheker beim Thema Arzneimittel mittlerweile wieder aus dem Vollen schöpfen? Hat sich in puncto Lieferschwierigkeiten innerhalb der vergangenen zwölf Monate etwas zum Besseren verändert? Der Mangfall-Bote hat nachgehakt – und, so viel sei vorab verraten, erschreckende Antworten erhalten.

Es hat sich
nichts verbessert

„Es ist eine Katastrophe!“ Ulrike Bayer, Betreiberin der Linden- sowie der Frühlings-Apotheke in Bad Aibling, will gar nicht lange um den heißen Brei herumreden. Nichts habe sich seit Herbst 2022 verbessert, „subjektiv habe ich sogar das Gefühl, dass es noch schlimmer geworden ist“, sagt die Apothekerin, die glaubt, dass derzeit viele Arzneimittel, die in Deutschland vergleichsweise günstig seien, „für die Gewinnmaximierung“ ins europäische Ausland verkauft würden. Was die Situation mit ihr und ihren Angestellten macht? „Wir sind am Limit!“

Vieles ist
nicht lieferbar

Derzeit seien wieder unzählige Präparate nicht lieferbar – von Säften bis zu Tabletten. Auch an Nasenspray herrsche derzeit beispielsweise ein akuter Mangel, ebenso an Antibiotika und Insulin-Präparaten. „Das kann dann auch mal schnell gefährlich werden“, macht sie klar. „Wir haben durch die Erfahrungen aus dem vergangenen Jahr zwar gehamstert und uns gut bevorratet“, so Bayer weiter, aber: „Es ist ja nicht der Sinn der Sache, dass dafür in anderen Apotheken wieder die Produkte fehlen.“ Wie man diese Missstände beheben könnte: „Da habe ich leider keine Lösung dafür“, sagt die Unternehmerin, in deren Stimme ein Hauch Resignation mitklingt.

Rund 200 Produkte
sind nicht lieferbar

Resignation verspürt auch Anette Koch, Inhaberin der Kur-Apotheke in der Nachbarkommune Bad Feilnbach. „Es sind rund 200 Produkte, die wir derzeit nicht bekommen“, sagt die Fachfrau, darunter sei unter anderem Penicillin für Kinder. Die Situation habe sich seit Herbst 2022 auch nicht gebessert. Wobei Koch auch das Gefühl habe, „dass letztlich seitens der Politik gar nichts gemacht“ werde, um der Probleme Herr zu werden. Dringend benötigte Medikamente kämen seit Langem nur „kleckerlweise“, das Ausweichen auf andere Präparate oder Hersteller sei kaum möglich, „da auch da nichts da ist“.

Hinzu käme ein Bürokratismus, der „die Leute am meisten in den Wahnsinn treibt“. „Natürlich wäre es schön, wenn die Honorare für uns angepasst würden“, sagt die Bad Feilnbacher Apothekerin. „Was mich aber richtig glücklich machen würde, wäre, wenn der Bürokratiewahnsinn ein Ende hätte.“ Dann könne diese Zeit zum Wohle der Kunden genutzt werden. Einen Hoffnungsschimmer sieht sie nicht. Ganz im Gegenteil. „Mit dem E-Rezept wird dann alles noch schwieriger“, glaubt Koch. „Dann muss ich jede Dokumentation immer sofort machen.“

Sabine à Wengen-Gebhard, Filialleiterin der Sonnen-Apotheke in Feldkirchen-Westerham, kann ebenfalls ein Lied davon singen, wie wenig Zeit mittlerweile für die Beratung der Kunden bleibt. Denn durch die Lieferengpässe, die ihrer Meinung nach „gefühlt noch schlimmer geworden sind“, bestünde die Hauptaufgabe für sie und ihre Kolleginnen derzeit darin, in unzähligen Telefonaten mit Ärzten Lösungen für alternative Medikationen zu finden. „Eigentlich sind wir nur noch am Hin- und Hertelefonieren“, sagt die Apothekerin. Was auch für die Arztpraxen alles andere als lustig sei: „Die leiden ja auch extrem unter Personalmangel.“

Zuteilung durch
den Apotheker

Was sie zusätzlich belastet: dass sie selbst über eine Art „Zuteilung“ für die Patienten entscheiden muss. Denn mittlerweile habe sie die Erfahrung gemacht, dass einige Augenarztpraxen aufgrund des Mangels an Augentropfen „schon mal gleich zwei Packungen für zwei Augen aufschreiben“, erzählt à Wengen-Gebhard. „Dann liegt es an uns, zu entscheiden, ob der Kunde wirklich die zwei Packungen braucht oder ob wir die zweite für einen anderen Kunden benötigen“, beschreibt die Apothekerin das Dilemma.

Ein Dilemma, das nach Einschätzung von Monika Mayer, Betreiberin der Wendelstein-Apotheke in Kolbermoor, nur bekämpft werden kann, „wenn unser Gesundheitsminister endlich Geld in die Hand nimmt“. Denn für sie sei der Name Karl Lauterbach untrennbar mit der Misere verbunden. „Dass es schon wieder derartige Lieferschwierigkeiten bei Arzneimitteln gibt, dafür ist er auf jeden Fall zu 50 bis 60 Prozent verantwortlich“, so die Einschätzung der Kolbermoorer Apothekerin, die darauf verweist, dass „alle Gesundheitsminister der Bundesländer, egal von welcher Partei, hinter uns stehen“.

In Österreich
läuft’s besser

Was hingegen bewirkt werden könne, wenn Geld fließe, zeige der Blick ins Nachbarland Österreich. Die dortige Regierung habe Millionen investiert und dafür gesorgt, dass der Arzneimittel-Hersteller Sandoz, der auch einen Sitz in Holzkirchen (Landkreis Miesbach) hat, die Antibiotika-Produktion hochgefahren habe. „Davon sind wir auch Nutznießer“, sagt die Apothekerin: „Unsere Regierung bekommt so etwas hingegen nicht auf die Reihe.“

Auch Apotheker Mathias Schmid von den Sebastian-Apotheken in Bruckmühl und Bad Aibling hat das Gefühl, dass die Situation rund um die Lieferungen „keinen Deut besser geworden“ ist. „Antibiotika sind das Hauptproblem“, sagt Schmid, denn „da gibt es ja auch keine Alternative, die man stattdessen geben könnte“. Besser sei die Situation in den vergangenen Monaten bei Fiebersäften und weiteren Schmerzmitteln für Kinder gewesen, aber: „Auch da geht es mit den Engpässen schon wieder los.“

Pläne sind von
Theoretikern gemacht

Für Schmid mittlerweile eine inakzeptable Situation: „Wir versuchen seit Jahren, uns für die Kunden drei Beine auszureißen und die Missstände zu kompensieren.“ Als Dank würden von „Theoretikern“ im Gesundheitsministerium Pläne gemacht, die den Apotheken-Inhabern Angst machten, dass „es noch schlimmer werden könnte“. Schmid: „Das ist für uns alle eine sehr verunsichernde Situation.“

„Es ist fast wie Lotto spielen“ – so beschreibt der Inhaber der Marien-Apotheke in Ostermünchen bei Tuntenhausen, Gerhard Kiemer, die Situation bei der Bestellung von Medikamenten. So müsse man bei einigen Antibiotikum-Sorten „Glück haben“, die Präparate zu bekommen. „Erhebliche Lieferengpässe“ gibt es nach seinen Angaben derzeit zudem beispielsweise bei Augensalben, die auf eine Kombination aus Antibiotika und Cortison als Wirkstoffe setzen. Seine deutliche Zwölf-Monats-Bilanz: „In Hinblick auf die Lieferengpässe ist es auf keinen Fall besser geworden.“ Schuld sei seiner Meinung nach die Politik, die mit dem Lieferengpass-Gesetz nicht nur ein weiteres Bürokratiemonster geschaffen habe, das noch mehr Arbeit mache, sondern es würden den Apothekern extra noch „Knüppel zwischen die Beine geworfen“.

So bezeichnet Kiemer Äußerungen von Dr. Edgar Franke, Staatssekretär im Bundesgesundheitsministerium, Apotheker hätten in den vergangenen Jahren gut verdient und könnten jetzt ja Abstriche bei den Honoraren zugunsten der Kassen machen, als „Sauerei“. „Da wird uns jetzt angekreidet, dass wir während Corona zahlreiche Zusatzaufgaben übernommen haben“, echauffiert sich der Ostermünchner Apotheker, der betont: „Das Finanzamt hat sich dann ja auch mehr geholt.“

Entwicklung ist
„brandgefährlich“

Wobei er aber nicht in erster Linie um seinen Verdienst, sondern um die Zukunft der Gesundheitsversorgung bangt. „Wenn man die Vorhaben und Gesetze betrachtet, die jetzt gemacht werden, läuft ja alles auf eine Automatisierung hinaus“, sagt der Apotheker, der befürchtet, dass Medikamente in Zukunft oftmals nur noch an Automaten zu bekommen sind, künstliche Intelligenz dann vielleicht die Beratung übernehme. Eine Entwicklung, die der Geschäftsmann als „brandgefährlich“ bezeichnet.

Kiemer: „Wenn dann Menschen sterben, weil sie keine Medikamente bekommen haben, wird dann Herr Lauterbach die Verantwortung dafür übernehmen?“

Apotheken bleiben geschlossen

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