Kolbermoor – Die Kolbermoorer Tafel ist an ihre Grenzen gestoßen. Die Zahl der Bedürftigen hat sich seit Beginn des Ukrainekrieges mehr als verdoppelt. Waren es einst 200 Menschen, die sich einmal pro Woche eine Lebensmittelspende in der Tafel abholten, sind es inzwischen 400. Darunter sind Kolbermoorer Bürger, Senioren, Familien mit Kindern, Kriegsflüchtlinge aus der Ukraine und zahlreiche Menschen mit Migrationshintergrund. Ein Viertel der Bedürftigen sind Kinder und Jugendliche.
Wie Asylbewerber aus
Vollversorgung fallen
„Mehr als 400 Menschen zu versorgen, geht unter den aktuellen Bedingungen einfach nicht. Es ist traurig, aber wir mussten einen Aufnahmestopp aussprechen“, bedauert Sebastian Kurz, Geschäftsbereichsleiter Arbeit und Teilhabe beim Diakonischen Werk Rosenheim. Die Warteliste wird immer länger. Aktuell sind darauf 70 Menschen vermerkt, die nachweislich bedürftig sind, aber nicht versorgt werden können – darunter 25 Kolbermoorer und 45 Asylbewerber, die im „Haus Mangfall“ leben. „Wenn sie aus Turnhallen in externe Unterkünfte verteilt werden, rutschen sie von einem Tag auf den anderen aus der Vollversorgung in die Selbstversorgung und haben dafür oft noch nicht das nötige Geld“, erklärt Daniela Dobner, die noch bis Dezember für das Bürgerhaus „Mangfalltreff“ und die Kolbermoorer Tafel verantwortlich ist.
Sebastian Kurz ist für fünf Tafeln in Kolbermoor, Rosenheim, Wasserburg, Bruckmühl und Ebersberg zuständig. Überall ist die Situation ähnlich. Die Nachfrage steigt und damit auch die Anforderungen an die Ehrenamtlichen und die räumlichen Kapazitäten. „Tafeln sind reine Ehrenamtsprojekte“, sagt Kurz.
Rationen mussten
verkleinert werden
In Kolbermoor helfen 20 Senioren dienstags und mittwochs beim Abholen, Herrichten und bei der Ausgabe der Lebensmittel. Weil die Lebensmittel nicht mehr für alle reichen, mussten die Rationen verkleinert werden. „Früher bekam jeder einen prall gefüllten Beutel, heute einen halben“, veranschaulicht Kurz die Not. „Trotzdem versuchen wir, dass jeder der 400 Bedürftigen eine Grundversorgung von uns bekommt.“ Supermärkte und Einzelhändler haben nicht mehr so viele Waren übrig wie noch vor zwei Jahren. Ausgeglichen wird das durch private Hilfsaktionen.
„Die Spendenbereitschaft ist groß. Die Kolbermoorer Bürger und Vereine helfen uns sehr aktiv“, ist Daniela Dobner dankbar für die Unterstützung. „Das Bewusstsein in der Gesellschaft ist gewachsen, dass es Menschen gibt, die nicht genug zu essen haben.“
„Es ist die Aufgabe des Staates und nicht des Ehrenamtes, für die Versorgung der Bevölkerung mit Lebensmittel zu sorgen“, betont Kurz. „Wir können nur unterstützen und so den betroffenen Menschen ein wenig helfen.“ Das Geld, das sie durch die Lebensmittelspenden der Tafel sparen, könnten sie beispielsweise für eine Kinokarte oder andere kulturelle Veranstaltungen nutzen. „Und so leisten wir einen wichtigen Beitrag zur gesellschaftlichen Teilhabe dieser Menschen.“
An engagierten Ehrenamtlern und Spendern fehlt es der Kolbermoorer Tafel nicht. Ihr entscheidendes Problem ist der Platz. „Mit den vorhandenen Strukturen können wir den Ansturm nicht mehr meistern“, erklärt Kurz.
In der Carl-Jordan-Straße stehen in zwei kleinen Gebäuden jeweils etwa 50 Quadratmeter für Lager und Ausgabe zur Verfügung. „Allein fürs Lager bräuchten wir etwa 100 Quadratmeter, um ausreichend Kühlmöglichkeiten für die Gewährleistung der Lebensmittelsicherheit zu haben“, schätzt Kurz ein. Auch in der Ausgabestelle der Tafel ist es so eng, dass die Menschen bei Wind und Wetter im Freien anstehen müssen. „Erst wenn ein Kunde hinausgeht, kann der nächste rein“, beschreibt Daniela Dobner die Situation.
Stadt und Diakonie
suchen nach Lösungen
In Rosenheim war die Lage ähnlich. Im März ist die Tafel in größere Räume in der Samerstraße 12 umgezogen. „Auch in Kolbermoor suchen wir händeringend nach räumlichen Alternativen“, informiert Kurz. In dieser Woche ist ein gemeinsamer Termin mit der Stadtverwaltung anberaumt. „Wir wollen vor Ort schauen, ob und wie wir die Räume möglicherweise optimieren könnten“, erklärt Geschäftsleiterin Elisabeth Kalenberg. Sie bedauert, dass die Stadt Kolbermoor keine Alternativen anbieten kann. Deshalb hoffen Stadt und Diakonie, dass Kolbermoorer Bürger möglicherweise private räumliche Kapazitäten haben und diese für die Tafel zur Verfügung stellen könnten. Wer helfen möchte, kann sich unter der 08031/2319257 an Daniela Dobner vom Bürgerhaus „Mangfalltreff“ wenden. Sie ist noch bis zum Jahresende auch die Ansprechpartnerin für all jene, die sich ehrenamtlich engagieren möchten.
Daniela Dobner
bleibt im Bürgerhaus
Inzwischen ist es offiziell: Daniela Dobner, die im Mai die Leitung des Bürgerhauses und der Tafel übernommen hat, bleibt den Kolbermoorern erhalten. Sie wechselt zur Arbeiterwohlfahrt, die ab Januar die Trägerschaft des Bürgerhauses übernimmt. Die Tafel bleibt weiterhin in der Verantwortung der Diakonie. „Wir haben einen ehrenamtlichen Mitstreiter gefunden, der ab Januar das Tafel-Team leiten und koordinieren würde“, ist Sebastian Kurz dankbar. Der neue Ansprechpartner wird in den nächsten Wochen vorgestellt.
Indes hat die Weihnachtsspendenaktion für die Kolbermoorer Tafel Fahrt aufgenommen. Alle Abteilungen und Kurse des SV-DJK Kolbermoor sowie viele andere Kolbermoorer Vereine sammeln eifrig. „Wir erhalten Bar- und Sachspenden, erfahren gerade sehr viel Zuwendung“, dankt Daniela Dobner allen Unterstützern. Für die fast 100 Kinder und Jugendlichen hat sie bei der Sparkassenstiftung „Aufwind“ Zuschüsse beantragt, damit auch sie ein Geschenk unter dem Weihnachtsbaum finden.