Der letzte Schuster und sein Meisterstück

von Redaktion

Mit Albert Hamberger, Thomas Wagner und Stefan Reischl auf Zeitreise im Erzählcafé

Kolbermoor – Zeitreisen gibt es tatsächlich. Und in Kolbermoor ist der Startpunkt dieser Ausflüge gewöhnlich die Galerie im Rathaus. Dort macht nämlich in unregelmäßigen Abständen das Erzählcafé auf, und diesmal boten seine „Wirte“ – Volkshochschule, Stadtbücherei und Stadtmarketing – eine Reise zu Handwerk und Handel im „alten“ Kolbermoor an. Treffen konnte man dabei auch Albert Hamberger, der als Letzter seines Standes noch das Schusterhandwerk in der Stadt ausübte – bis 1999. Anfang der 60er-Jahre hatte es aber noch neun Schustergeschäfte gegeben, wie er erzählte, „und sie alle waren gut mit Arbeit eingedeckt“. Das kam nicht von ungefähr, denn anders als heute wäre damals niemand auf die Idee gekommen, einen kaputten Schuh oder einen mit abgetretenem Absatz einfach durch ein neues Paar zu ersetzen.

Echtes Handwerk
hat seinen Preis

Schuhe machen war damals noch mit viel echtem Handwerk verbunden, sogar in den Fabriken, und deshalb waren sie teuer. Der Preis für einen richtigen handgemachten Schuh entsprach in etwa einem halben Monatslohn, wie die Gäste des Erzählcafés ausrechneten – war tatsächlich also nichts, das man bei einem Schaden einfach so entsorgen konnte.

Meisterstück mit
nur einer Sohle

Dafür aber bekam man für sein Geld auch wirklich erstklassige Handwerksarbeit, wovon sich die Zuhörer selbst überzeugen konnten: Albert Hamberger hatte das Paar Schuhe mitgebracht, das er 1964 als sein Meisterstück hergestellt hatte, eineinhalb Schuhe besser gesagt, denn es musste einer ganz fertiggestellt werden und einer noch ohne Sohle, sodass die Prüfer die Güte der Nähte sehen konnten.

Einen weiteren in dieser Form ausgestorbenen Beruf stellte Thomas Wagner vor, der bis Ende der 70er als Schriftsetzer gearbeitet hatte, im klassischen Bleisatz und damit im Grunde wie zu Gutenbergs Zeiten. Bei ihm bekam man ganz nebenbei auch mit, wie damals Berufsfindung aussah: Wagners Vater war beim Stammtisch einmal auf den Buchdrucker Langer getroffen, der fragte: „Wie alt ist denn dein Sohn?“ „14“ war die Antwort und die Replik darauf wiederum: „Den könnt‘ ich brauchen“. Es sind nicht zuletzt diese Anekdoten und Details am Rande, die den Reiz des Kolbermoorer Erzählcafés ausmachen, denn sie sind es, die das Bild aus der Vergangenheit rund werden lassen und lebendig. So auch bei Stefan Reischl, der von den Ursprüngen seines Familienbetriebes erzählte. Um 1871 hatte man als „Spänglerei“ – tatsächlich so geschrieben – angefangen. Mit der aufkommenden Industrialisierung aber auch einen Handel dazu genommen, denn einfachere Produkte wie etwa Gießkannen wurden nicht mehr in Handarbeit, sondern fabrikmäßig hergestellt und von den Spenglern dann verkauft.

Dass man bei der Familie Reischl den Handwerkszweig aufgab, lag schlichtweg daran, dass es in der Familie einmal nur zwei Töchter gab, aber keinen Sohn: Frauen in einem Handwerksberuf aber waren damals, wie Stefan Reischl erklärte, allenfalls „als Schneiderinnen denkbar“. Mehr über Handel und Handwerk wird man übrigens im Frühjahr erfahren können, denn am Freitag, 3. Mai, bietet Stefan Reischl eine Stadtführung zum Thema an, sozusagen eine Erzählcafé-Ergänzung direkt vor Ort.

Hier steuern die
Gäste selbst viel bei

Das Erzählcafé zeichnet sich auch dadurch aus, dass es sich hier nicht um Vorträge handelt, denen man brav lauscht, sondern dass es die Besucher selbst sind, die erzählen, Details beisteuern und ja, auch die thematische Richtung des Abends bestimmen: Vom Versuch, die Namen aller Bäckereien und Metzgereien zusammenzubringen, die es in Kolbermoor gegeben hatte – es waren nach dem Krieg jeweils rund zehn – kam man auch an diesem Abend auf die heute weitgehend verlorene Wirtshauskultur.

Die Wirtshauskultur
als Dauerbrenner

Sie war zwar schon einmal Thema gewesen, beim allerersten Erzählcafé, erweist sich aber nach wie vor als Dauerbrenner. Beim nächsten Termin Ende April geht es dann um Sportarten, die einst hoch beliebt waren, heute aber ausgestorben sind, wie etwa das Hufeisenwerfen. Und eines war damals nicht anders als oft noch heute: Nach dem Sporteln geht es auf eine Halbe Bier.

Artikel 6 von 8