Armut macht einsam

von Redaktion

Monika Wendrich lernt Menschen kennen, deren Schicksale nicht nur sie bewegen. Als Ehrenamtliche hilft sie Menschen, die in Armut geraten sind. Was sie dabei motiviert und warum die Hilfe oft gar nicht angenommen wird.

Mangfalltal/Landkreis Rosenheim „Es gibt einem schon auch etwas zurück“, sagt Monika Wendrich, während sich ein warmes und ehrliches Lächeln in ihrem Gesicht breitmacht. Die 67-Jährige hat in ihrem Leben viel gesehen, viel erlebt und will nun den Menschen helfen, die nicht auf der Sonnenseite des Lebens stehen. Wendrich, früher Abteilungsleiterin einer großen Immobilienfirma, lebte über 40 Jahre in München, zog vor ein paar Jahren in die Region und arbeitet seitdem als Ehrenamtliche mit Senioren, die aus unterschiedlichsten Gründen in Altersarmut geraten sind. Wendrich sagt dazu unverblümt: „Man bekommt manchmal Fälle mit, die sind schon krass.“

1200 Senioren
werden unterstützt

Für den gemeinnützigen Verein „LichtBlick Seniorenhilfe“, der sich ausschließlich durch Spenden finanziert, kümmert sich Wendrich um den Landkreis Rosenheim, wo bislang 1200 bedürftige Rentner unterstützt werden. Wendrich steht mit vielen Betroffenen im Austausch, vermittelt Hilfsangebote und organisiert Veranstaltungen für sie. Auch das Mangfalltal steht dabei derzeit im Fokus, da hier viele Menschen gar nichts von dem Hilfsangebot wüssten. „Ob das jetzt Kolbermoor, Bad Aibling oder eben die ganze Region hier ist – es gibt vielerorts Menschen, denen geht es im Alter ganz und gar nicht gut.“

Ihre Zielgruppe: Rentner über 60, die eine deutsche Rente beziehen und Wohngeld oder Grundsicherung im Alter bekommen oder mit ihrer kleinen Rente knapp über der Bemessungsgrenze für Sozialleistungen liegen. „Wenn man sich die Entwicklung in Deutschland ansieht, dann wird klar, dass es immer mehr Menschen betrifft.“ Nur ein paar Hundert Euro im Monat, dazu die allgemeine Inflation sowie Energiepreissteigerungen: „Das sieht alles gar nicht mehr so rosig aus“, stellt Wendrich klar. „Wenn ich heute zum Bäcker gehe und 4,50 Euro für ein Viertel Brot bezahle, dann ist das für viele einfach nicht mehr zu machen.“

Während etwa steigende Energiepreise für viele Menschen eine große Herausforderung darstellten, treffe dies bedürftige Senioren ganz besonders hart. Doch wie und warum geraten Menschen überhaupt in Armut? Hierfür, betont Wendrich, seien die Gründe vielfältig. Natürlich treffe es viele Menschen, die einst keinen besonders gut bezahlten Job hatten und die jetzt unter der sehr geringen Rente leiden. „Aber es gibt auch genügend Leute, die hatten keinen schlechten Job, hatten eigene Geschäfte und stehen heute mit leeren Händen da.“

Schicksalsschläge
sind eine Armutsfalle

Wendrich erzählt beispielhaft von Familienbetrieben, in denen irgendwann ein Partner krank wurde und dessen Pflege das Ersparte letztlich aufgebraucht hatte. Sie spricht über Schicksalsschläge, bei denen etwa ein Unfall und eine fehlende Versicherung Betroffene in den finanziellen Ruin stürzten. Sie erzählt von Menschen, die sogar Häuser besitzen, sich das Heizöl dafür aber einfach nicht mehr leisten können.

Wendrich macht aber auch klar: „Natürlich trifft es auch viele Frauen, die lange Zeit nicht gearbeitet haben, weil sie die Kinder großgezogen haben.“ Da sie lange nicht in die Rente einzahlen konnten, fehlten ihnen jetzt im Alter die Mittel. Und natürlich gebe es auch Fälle, in denen Betroffene durch ihr Verhalten selbst zu der misslichen Lage beitrugen. „Oftmals kommt einfach vieles zusammen und führt die Menschen dann in diese Situationen“, so Wendrich.

Eine Sprecherin des Vereins teilt auf Nachfrage des Mangfall-Boten zudem mit: „Altersarmut kann jeden treffen.“ Auffällig dabei ist, dass 80 Prozent der Senioren, die „LichtBlick“ unterstützt, Frauen sind. Und dass die Gefahr, in die Armutsspirale hineingerissen zu werden, generell groß ist, zeigen auch die Zahlen des Statistischen Bundesamtes. Demnach sind in Deutschland über 20 Prozent der Frauen über 65 Jahren und rund 16 Prozent der Männer in der gleichen Altersgruppe von Armut bedroht. Monika Wendrich spricht mit den Betroffenen, besucht sie zu Hause und organisiert Veranstaltungen für sie. Dabei gehe es bei Altersarmut beileibe nicht nur um finanzielle Unterstützungen. „Armut isoliert“, sagt die 67-Jährige. Wer sich kein Essen, keine Tasse Kaffee oder kein Busticket mehr leisten könne, der nehme wiederum auch nicht mehr am sozialen Leben teil. Neben Lebensmittelgutscheinen, finanziellen Soforthilfen für dringend benötigte Dinge wie etwa Medikamente oder für die Nebenkostenrechnung gehören deshalb auch soziale Veranstaltungen gegen die Einsamkeit zum Angebot des Vereins.

„Wir organisieren zum Beispiel mit Firmen beziehungsweise Sponsoren Ausflüge und laden die Senioren hierzu ein.“ Ob die Einladung zu einem Mittagessen, eine Riesenradfahrt oder ein Wanderausflug – die Senioren fänden hierdurch Anschluss und könnten zumindest für ein paar Stunden die Sorgen des Alltags vergessen. Wichtig hierbei: „Wir achten schon auch auf Diskretion.“ Anders als etwa bei Angeboten wie der Tafel-Ausgabe sei bei den Aktionen des Vereins von außen nicht erkennbar, dass es hier um Hilfe für Bedürftige geht. „Das hat natürlich auch viel damit zu tun, wie sich die Menschen dann wahrgenommen fühlen.“ Und insgesamt erfahre Wendrich bei ihrer Tätigkeit „sehr große Dankbarkeit“ der betroffenen Menschen.

Hemmschwelle
überwinden

Für die Ehrenamtliche ist ohnehin klar: „Die Menschen wollen oft gar nicht nach Hilfe fragen, das hat auch viel mit Scham zu tun.“

Erfahrungen, die sie mit Seniorenreferenten mehrerer Mangfalltal-Kommunen teilt. Umso wichtiger sei es deshalb für Betroffene, Hilfsangebote zu kennen und diese auch in Anspruch zu nehmen – ohne damit gleich in die „Armuts-Ecke“ geschoben zu werden, wie mancherorts beim Gang aufs Amt, erzählt Wendrich. Sie persönlich weiß um die Probleme und die Hemmschwelle bei vielen Senioren. Nicht zuletzt hilft dabei auch ihre Tätigkeit als Seniorenbeauftragte in ihrer Wahlheimat Brannenburg. „Dadurch bekomme ich natürlich viel mit und kenne auch die Probleme, die in Gemeinden mitunter herrschen.“

Die Dankbarkeit ist
wahnsinnig groß

Und ganz egal ob als Seniorenbeauftragte oder als Ehrenamtliche für den Verein „LichtBlick“: Bei all den bewegenden Schicksalen werde ihr immer wieder eine „wahnsinnige Dankbarkeit“ entgegengebracht.

Und nicht zuletzt im Mangfalltal hofft sie, dass sich künftig auch noch mehr bedürftige Menschen melden. „Es geht nicht darum, ob sie auf unseren Verein oder ein anderes Hilfsangebot zugehen. Es geht darum, die Hilfe in Anspruch zu nehmen, die vorhanden ist.“

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