Stolpersteine als Mittel des Gedenkens

von Redaktion

Kolbermoorer erinnern an Mathias Stich – „Wir müssen zusammen aufstehen“ lautet die Devise

Kolbermoor – „Als die Nazis die Kommunisten holten, habe ich geschwiegen, ich war ja kein Kommunist. Als die Nazis die Gewerkschafter holten, habe ich geschwiegen, ich war ja kein Gewerkschafter. Als die Nazis die Juden holten, habe ich geschwiegen, ich war ja kein Jude. Als die Nazis mich holten, gab es keinen mehr, der protestieren konnte.“ Mit diesen Worten von Pfarrer Martin Niemöller, der während des Dritten Reiches im KZ war, begann die Verlegung des dritten Stolpersteins in Kolbermoor.

„Gerade jetzt
zusammenstehen“

Christoph Bensch-Andrä von der Initiative Erinnerungskultur, der Pfarrer Niemöller in seiner Rede zitierte, sieht darin einen Weckruf: „Wir müssen gerade jetzt zusammen überall aufstehen und für die Demokratie kämpfen, müssen uns vor alle Menschen stellen, die bedroht, ausgegrenzt und angegriffen werden und sie beschützen.“

Die Initiative Erinnerungskultur sieht im Gedenken an die Mordmaschinerie des Nationalsozialismus einen Weg, der Lethargie des „Es wird so schlimm schon nicht werden“ zu entkommen.

Dabei geht es nicht nur um die bloße Zahl der Umgekommenen, die in ihrer Monströsität jedes Vorstellungsvermögen sprengt: allein sechs Millionen ermordete Juden, all die anderen, Sinti, Roma, Homosexuelle, Antifaschisten, unangepasste Bürger ganz allgemein, noch gar nicht eingerechnet. Sondern das Gedenken an Einzelschicksale, an das Leiden von Menschen aus Fleisch und Blut.

Stolpersteine sind ein Mittel dieses Gedenkens und sie werden immer wichtiger in einer Zeit, in der die Überlebenden der Massenvernichtung, die noch Zeugnis abgeben könnten von ihrem Leidensweg, immer weniger werden. Stolpersteine holen wenigstens einige aus der Anonymität des Vergessens, nicht zuletzt deswegen, weil man dabei zudem versucht, über diese Menschen und ihr Schicksal so viel wie möglich herauszufinden. Über Mathias Stich etwa, für den jetzt ein Stolperstein verlegt wurde. Er war Zeuge Jehovas. Sein Schicksal macht eindringlich klar, was damals ausreichte, um im KZ zu verschwinden: das konsequente Festhalten an einem Lebensentwurf, der den Anforderungen des Regimes widersprach. Den Hitlergruß zu vermeiden, im Öffentlichen Dienst den Amtseid auf Hitler abzulehnen, das genügte schon, von der Verweigerung des Kriegsdienstes ganz zu schweigen. „Von solchen Überzeugungen nicht abzuweichen, erforderte ein Maß an Mut, das wir uns heute kaum mehr vorstellen können“, meinte Dr. Thomas Nowotny von der Initiative Erinnerungskultur.

„Egal wie man persönlich zu den einzelnen politischen oder religiösen Überzeugungen der damals Inhaftierten steht, ihr Festhalten daran auch unter akuter Lebensgefahr fordert größten Respekt.“ Denn gerade bei den Zeugen Jehovas hätte, so Nowotny, vielfach eine Unterschrift gereicht, um dem Martyrium zu entkommen. Die allermeisten aber hätten sich geweigert, ihre Überzeugung und ihren Glauben, auch den an die Mitmenschlichkeit, für ihr eigenes Überleben „zu verkaufen“.

Aufstehen als
Bürgerpflicht

Der Münchner Autor Christoph Wilkens betonte bei der Stolpersteinverlegung, dass viele Zeugen Jehovas aus dieser Mitmenschlichkeit heraus andere Verfolgte, nicht zuletzt die jüdischen Mitbürger, aktiv unterstützt hätten. Für Christoph Bensch-Andrä, für Dr. Thomas Nowotny aber auch für Kolbermoors Zweiten Bürgermeister Dieter Kannengießer ist dabei klar: In einer Zeit, in der Pläne wieder handfest zu werden scheinen, andere, die dem eigenen Menschenbild nicht entsprechen, auszugrenzen und sogar abzuschieben, wird ein Aufstehen dagegen zur Bürgerpflicht. Und die Stolpersteine, für die die Stadt Kolbermoor gerne öffentlichen Grund zur Verfügung stellt, wie Dieter Kannengießer sagte, sind dabei ein Mittel, um diese Aufgabe immer wieder präsent werden zu lassen.

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