Kolbermoor – Braucht Kolbermoor Denkmäler? Für Bürgermeister Peter Kloo ist das keine Frage, vor allem wenn man das Wort in seine Bestandteile zerlegt: „Denk mal!“. Viel zu viel, so erläutert Peter Kloo, sei uns nach fast 80 Jahren Frieden und Wohlstand in Deutschland selbstverständlich geworden.
Die Jungen kennen Krieg nur aus Büchern
Die jetzige Generation kenne Krieg und die verbrecherische Entwicklung Deutschlands, die dahin geführt hat, nur noch als trockenen Stoff aus den Geschichtsbüchern. Längst nicht mehr, wie die Generationen vor ihnen, aus den unmittelbaren Erzählungen von Eltern oder Großeltern. „Und da“, so meint der Bürgermeister, „ist es nachvollziehbar, dass für sie ein Nazi-Deutschland samt Zweitem Weltkrieg genauso abstrakt und weit entfernt ist wie der Dreißigjährige Krieg“.
Denkmäler, so hoffen nicht nur er, sondern auch die Initiative Erinnerungskultur, können im günstigsten Fall wie kleine Widerhaken sein, Stolpersteine für Auge, Sinn und Seele. Sie mahnen daran, dass nichts, aber auch gar nichts von dem, was wir für sicher und gesichert halten, tatsächlich sicher und damit selbstverständlich ist: Frieden nicht, Demokratie nicht, Wohlstand nicht, am Ende nicht einmal eine zivilisierte Gesellschaft, die wir doch eigentlich für unverrückbar halten.
Denkmäler sprechen den Betrachter dann am leichtesten an, wenn sie ihm keine abstrakten Tatsachen entgegenstellen, sondern – sozusagen – mit Menschen aus Fleisch und Blut konfrontieren.
Etwa mit den Zwangsarbeitern aus der Nazizeit, für die es seit vergangener Woche eine Gedenktafel im Spinnereipark gibt. Initiator dieses Denkmals ist die Initiative Erinnerungskultur, allen voran Christoph Bensch-Andrä und Andreas Salomon sowie die Stadträtin Dagmar Levin.
Wobei Zwangsarbeit dabei eigentlich ein gefährlich verharmlosendes Wort ist. Denn nicht selten, so Christoph Bensch-Andrä, lief es dabei auf eines hinaus: schlicht und einfach zu Tode geschunden zu werden. Und selbst das ist noch zu abstrakt. Man muss es sich für die eigene Person vorstellen: Man sitzt als jung verheiratetes Paar beim Mittagstisch, da kommen sie und holen einen: Ohne Vorwarnung auseinander und aus der Heimat gerissen, von jetzt auf gleich, ohne Begründung, ohne irgendeine Chance, dagegen irgendwie vorgehen zu können. So geschehen mit Fortunato und Fernanda Zanobini, die aus ihrer norditalienischen Heimat nach Kolbermoor verschleppt worden waren.
Für diese beiden hat Andreas Salomon von der Initiative Erinnerungskultur ihren Leidensweg, an dessen Ende Fortunato Zanobini im KZ starb, genau recherchieren können. Vor dem Rathaus befindet sich für sie deshalb auch ein Stolperstein. An die anderen der rund 1000 Menschen, die in Kolbermoor Zwangsarbeit verrichteten, letztendlich aber eigentlich an alle der rund 13 Millionen, die in ganz Deutschland über den Krieg hinweg zur Zwangsarbeit verpflichtet wurden, soll die Tafel im Spinnereipark erinnern.
„Verhindern“ fängt mit „Erinnern“ an
Bei der Enthüllung der Tafel waren auch Vertreter der Firma BMW anwesend, die ebenfalls einst in Kolbermoor Zwangsarbeiter beschäftigte, bei der Herstellung von Flugzeugtriebwerken auf dem Gelände der Spinnerei. Auch dort teilt man, was Christoph Bensch-Andrä dankbar hervorhob, den Gedanken, dass ein „Verhindern“ von schrecklichen Fehlentwicklungen mit dem „Erinnern“ anfängt.
Bürgermeister Peter Kloo zeigte sich erfreut, dass rund 50 Besucher zu der kleinen Feierstunde gekommen waren. „Und durchaus nicht nur die, die man bei solchen Gelegenheiten üblicherweise sieht.“ Dies nährt für ihn die Hoffnung, dass eine Erkenntnis weitere Verbreitung finden kann: Dass nichts von dem, was wir für selbstverständlich halten, tatsächlich unverrückbar ist. Sondern im Grunde alles fortwährend neu erarbeitet, ja errungen werden muss.