Kolbermoor – Wer je in Kolbermoor auf einer Schmiedebiennale war, kann es bestätigen: Das Wort von der „Schmiedefamilie“ stimmt. Nicht nur wegen der kameradschaftlichen Atmosphäre, die dort herrscht, sondern auch, weil jeder mit anpackt, wenn irgendwo Hilfe oder ein starker Arm gebraucht wird. Regelmäßige Ehrungen, wie bei vielen anderen Verbänden oder Vereinen üblich, gibt es im Rahmen der Biennale deshalb nicht: Sich für die Gemeinschaft zu engagieren ist bei den Schmieden keine extra hervorzuhebende Besonderheit, sondern gehört gewissermaßen zum Selbstverständnis.
Eine Auszeichnung gibt es aber doch: den „Professor Alfred Habermann Gedächtnispreis“. Es ist ein Preis, der nicht zwingend bei jeder Biennale, also gewissermaßen „automatisch“ verliehen wird, sondern immer nur dann, wenn Verdienste und Engagement gewürdigt werden sollen, die weit über das hinausreichen, was bei den Schmieden sowieso selbstverständlich ist. Und noch eine Besonderheit gibt es: Der Preis, ins Leben gerufen vom Internationalen Fachverband Gestaltender Schmiede, ist in gewissem Sinn ein Wanderpokal. Nicht deswegen aber, weil ein Schmiedestück, das für ihn steht, von Preisträger zu Preisträger weitergegeben würde. Es ist raffinierter.
Jeder Preisträger entwirft und erstellt für seinen Nachfolger ein neues kleines Kunstwerk. Dass der Preis den Namen von Professor Habermann trägt, erklärt sich zumindest in der Schmiedeszene von selbst. Man darf ihn, der 2008 verstarb, ungestraft als einen der ganz Großen in der Schmiedezunft bezeichnen. Er hatte hohe Ideale, was ein künstlerisches Schmieden betraf, die aber nicht wolkig blieben, sondern sehr wohl in klaren Vorstellungen mündeten. Mit diesen hat er die Entwicklung der europäischen Schmiedelandschaft nach dem Zweiten Weltkrieg entscheidend und dauerhaft geprägt.
Die Preisträger, die diesen Preis im Rahmen der diesjährigen Biennale erhielten, sind Alfred Bullermann und Tom Carstens. Die beiden aber stehen wiederum für die Aktion: „Schmieden für den Frieden“. Dabei werden Nägel geschmiedet, an den Nagel dabei als wesentliches Baumaterial erinnernd, der deshalb für Zusammenhalt und konstruktive Entwicklung steht. Jeder Nagel ist mit einer Friedenstaube versehen und wird durch ein Zertifikat ergänzt, das ihn als nummeriertes Unikat ausweist. Das Besondere daran: Der Erlös aus dem Verkauf kommt hilfsbedürftigen Menschen oder gemeinnützigen Organisationen zugute. Seit 2015, dem Jahr, in dem die Aktion ins Leben gerufen wurde, sind dabei über eine Million Euro zusammengekommen.
Hautnah mitzuerleben waren Ablauf und Sinn auch bereits einmal in Kolbermoor. Hier gab es im vergangenen Jahr ein „Schmieden für den Frieden“, im Rahmen der No-Hate-Aktion, die für alle Kolbermoorer nicht zuletzt durch die Skulptur vor dem Rathaus sichtbar wurde. Der Erlös aus diesem Verkauf floss auf ein Treuhandkonto der Stadt. Die hat damit, so erklärt Bürgermeister Peter Kloo, die Möglichkeit, in besonderen Notlagen einzelner Bürger schnell und unbürokratisch zu helfen. Ohne diese Mittel ginge das nicht, denn derartige Hilfe kann nicht im Haushalt der Stadt erfasst werden und Ausgaben, die nicht verbucht werden können, dürfen auch nicht erfolgen.
Die Aktion, für die die Preisträger Alfred Bullermann und Tom Carstens stehen, hat deshalb eine doppelte Bedeutung: Neben der unmittelbaren Hilfe, die daraus erwachsen kann, auch eine symbolische Wirkung: Die nämlich, dass der Wunsch Gutes zu bewirken, zu seiner Erfüllung immer Zusammenarbeit und Zusammenhalt benötigt. jt