Kolbermoor – „Wir brauchen keinen weiteren erhobenen Zeigefinger“, sagt Ulrike Sinzinger, Leiterin der Kolbermoorer Volkshochschule, „auch nicht beim Versuch, fair und nachhaltig einzukaufen“. Andererseits: Man stehe als Kunde oft vor vielen Widersprüchen und Fragezeichen: Der Wein ist biologisch angebaut, kommt aber aus Südafrika – bio also, aber alles andere als regional. Oder das Fleisch – direkt von einem Hofladen geholt, auch mit fairem Preis bezahlt, aber ohne Bio-Siegel: Macht das trotzdem Sinn?
Intensive und
lebhafte Diskussion
Es gibt drei Einkaufsanliegen, die nur selten in Deckung zu bringen sind: bio, fair und regional. Ulrike Sinzinger saß im Sommer mit Max Schlarb vom Biohof zusammen und suchte nach einer Lösung für dieses Problem. Sie will Rat geben, aber eben ohne erhobenen Zeigefinger. „Den Leuten einen Vortrag anzubieten, wie sie am besten bio, fair und regional einzukaufen haben, wäre der falsche Weg“, davon waren beide überzeugt. Denn das führe bei den Zuhörern nicht selten zum unangenehmen Gefühl, „dass am Rednerpult jemand glaubt, die beste oder einzige Lösung zu haben, und doziert, was wir zu tun hätten.“ Auch deshalb, so meint Ulrike Sinzinger, sei nachhaltiger Einkauf nicht selten mit negativen Assoziationen besetzt. Umweltbewusst einkaufen sei nur etwas für Ökos mit entsprechendem Geldbeutel und viel Zeit.
Die Idee von Ulrike Sinzinger und Max Schlarb war deshalb, eine offene Gesprächsrunde anzubieten, an der unter anderem alle beteiligt sein sollten, für die fairer Handel, biologischer und regionaler Einkauf ein Thema sind. Das Ziel ist ein gemeinsamer Austausch über mögliche Lösungen und Antworten, „denn die, die sich für fairen Einkauf engagieren“, so sagt Ulrike Sinzinger, „sind ja alle selbst auf der Suche“.
An der Runde, die sich unlängst auf dem Schlarbhof zusammenfand, waren dann auch tatsächlich alle vertreten, für die eine bessere, weil faire Zukunft ein Thema ist: der Bund Naturschutz, der Fair-Trade-Steuerungskreis, die Ökomodellregion, Schulen und Kindergärten, das Mobilitätsmanagement der Stadt und viele andere mehr.
Die Diskussion war intensiv und lebhaft und schon deshalb für alle Teilnehmer und Besucher ein Gewinn. Dass am Ende keine Patentlösung stand, kein Leitfaden für den optimalen Einkauf, versteht sich von selbst. „Denn den gibt es nicht“, wie Mobilitätsmanagerin Veronika Winkler betont, die den Abend moderierte.
Dennoch wurde zumindest so eine Art Königsweg sichtbar. Die Einsicht nämlich, dass es nicht schlimm ist, wenn man sich zwischen verschiedenen Einkaufsanliegen entscheiden muss: „Solange man die Entscheidung bewusst trifft, mit einem kleinen Blick über den eigenen Tellerrand hinaus, kann man so verkehrt nicht liegen“, meint Ulrike Sinzinger. Das gilt ihrer Meinung nach nicht nur fürs Einkaufen, sondern für alle Themen, die mit Nachhaltigkeit zu tun haben. „Keiner möchte doch bewusst der Umwelt schaden. Keinem ist es wirklich egal, wenn irgendwo auf der Welt Kinder in Kleiderfabriken gezwungen werden. Jeder will, dass die heimische Landwirtschaft auskömmlich betrieben werden und damit gut für Tier und Pflanzen sorgen kann. Und keiner will in Zukunft Innenstädte, die vor allem für Autos wohnlich sind.“
Jeder bleibt sein
eigener Experte
Wichtig ist, nur dass aus diesen etwas vagen Überzeugungen klarere und bewusstere Vorstellungen werden. „Wage, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen“, war ja schon die Maxime des Philosophen Immanuel Kant. Nachfragen, sich informieren, den eigenen Horizont zum Beispiel auch auf Vorträgen erweitern und sich ein umfassenderes Verständnis über Zusammenhänge anzeigen –all das bleibt sinnvoll. Was aber die konkreten Entscheidungen anbelangt, so meint Ulrike Sinzinger, „ist jeder der Experte für sein eigenes Leben und muss das auch bleiben dürfen“.